Südtiroler Landwirt, Produktion | 19.11.2015

„Pflanzenschutz gehört dazu“

Landwirte müssen ihre Lebensmittel vor Schädlingen und Krankheiten schützen. Wie den Bauern diese Herausforderung gelingt, ohne dabei die gesellschaftlichen Erwartungen aus dem Blick zu verlieren, erörterten Fachleute bei einer Podiumsdiskussion auf der Agrialp an der Messe Bozen. von Tobias Egger

Ohne Pflanzenschutz ist keine Produktion von gesunden Lebensmitteln möglich: Das war das Fazit der Diskussion auf der Agrialp. (Foto: Juergen Treiber, www.pixelio.de)

Ohne Pflanzenschutz ist keine Produktion von gesunden Lebensmitteln möglich: Das war das Fazit der Diskussion auf der Agrialp. (Foto: Juergen Treiber, www.pixelio.de)

Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner bezeichnete es als wichtige Aufgabe, den Konsumenten zu erklären, was Pflanzenschutz ist und warum es ihn braucht. Dabei unterstrich Rinner einmal mehr: „Pflanzenschutz ist ein notwendiger Teil der Lebensmittelproduktion und wird es immer sein.“ Zugleich sei der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ein stark gefühltes Thema in der Bevölkerung. „Wir haben nichts zu verstecken“, stellte Rinner klar, „sondern wir müssen die Bevölkerung besser aufklären und unsere Bauern informieren, wie Pflanzenschutz bessere Akzeptanz finden kann.“
Mit Siegfried Rinner diskutierten bei der Podiumsdiskussion auf der Agrialp Klaus Marschall, Pflanzenschutzexperte am Versuchszentrum Laimburg, Robert Wiedmer, Koordinator des Beratungsringes für Obst- und Weinbau, und Matthias Mair vom Beratungsring für Berglandwirtschaft BRING.

Ohne Pflanzenschutz gibt es keine Produktion
„Pflanzenschutz ist ein notwendiger und essenzieller Bestandteil der Pflanzenproduktion“, unterstrich Klaus Marschall. „Die landwirtschaftliche Produktion ist bis zur Ernte einer Vielzahl an Gefahren ausgesetzt“, erklärte er.
Die meisten Schädlinge und Krankheitserreger könne die Pflanze selber abwehren, andere aber nicht.
Im Obst- und Weinbau sind es beispielsweise Insekten wie der Apfelwickler, die Kirschessigfliege oder Blattläuse sowie verschiedene Erreger wie Schorfpilze und Bakterien.
Betroffen sind hierzulande aber auch Gemüse- und Sonderkulturen wie etwa Erdbeeren, die anfällig gegenüber Pilzkrankheiten sind. „Überschreiten die Schäden eine bestimmte Schwelle, muss der Bauer eingreifen, um Verluste zu verringern“, betonte Marschall.
Würde der Bauer hingegen auf Pflanzenschutz verzichten, wären die Auswirkungen drastisch: „Ohne Pflanzenschutz hätten die Bauern Totalausfälle in den meisten Kulturen, unabhängig davon, ob integriert oder biologisch produziert wird.“

Gefahr für die Konsumenten abwenden
Beim Pflanzenschutz gehe es auch darum, Gefahr für die Konsumenten abzuwenden. „Von befallenen Pflanzen können mehr oder weniger große gesundheitliche Gefahren für Menschen ausgehen“, sagte Robert Wiedmer.
Er nannte als Beispiel den Mutterkornpilz beim Getreide. Letzterer enthält giftige Stoffe, die für Mensch und Tier in höheren Konzentrationen sogar tödlich sein können. „Dank des Pflanzenschutzes sind diese und ähnliche Gefahren heutzutage in den Hintergrund gerückt“, unterstrich Wiedmer.
Er wies auch auf die starke Kontrolle der Lebensmittel hin. „Unsere Lebensmittel sind heute so sicher wie nie zuvor“, stellte Wiedmer fest.
Daran ändere auch der bedarfsweise Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel nichts. Diese seien von den zuständigen staatlichen und EU-Behörden geprüft und zugelassen worden. „Die gesetzlichen Grenzwerte sind wissenschaftlich abgeleitet“, unterstrich Bauernbund-Direktor Rinner.
Laimburg-Fachmann Marschall ergänzte: „Würden die Bauern auf Pflanzenschutzmittel verzichten, wäre das Gefahrenpotenzial für die Konsumenten ungleich höher.“

Pflanzenschutzmittel sind letzte Wahl
Dabei ist der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln nur einer, wenngleich der sichtbarste Teil im Pflanzenschutz, wie bei der Diskussion betont wurde.
Bereits die Auswahl der Kulturen und die Standortwahl tragen zum Pflanzenschutz bei. Daneben nutzen die Bauern Prognosemodelle, mechanische Hilfsmittel wie Folien, biotechnische Verfahren wie z. B. Pheromonfallen oder Nützlinge.
„Pflanzenschutzmittel sind die letzte Wahl und werden erst dann eingesetzt, wenn alle anderen Maßnahmen nicht ausreichen“, betonte Matthias Mair vom BRING. „Ziel ist es, mit möglichst wenigen Einsätzen möglichst viel Schutz zu garantieren.“
Wiedmer ergänzte: „Der Bevölkerung ist vielfach nicht klar, dass Pflanzenschutzmittel heute sehr gezielt eingesetzt werden und spezifisch wirken.“ Zudem stecke sehr viel Forschung und Entwicklung hinter dem Pflanzenschutz.
Das gelte sowohl für den konventionellen bzw. integrierten wie den biologischen Anbau. „Die Bauern haben überall mit denselben Schädlingen zu kämpfen und müssen Pflanzenschutz betreiben.“ Der biologisch arbeitende Bauer legt sich größere Einschränkungen auf, indem er auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel verzichtet.
Dafür kompensieren höhere Preise seine geringere Ernte. Der integrierte Anbau ist hingegen ein von den Konsumenten mehrheitlich bevorzugter Kompromiss aus naturnahem Anbau und günstigeren Preisen.

Professionelle Anwendung in der Praxis
Dies bedeute aber nicht, dass es beim Pflanzenschutz nichts zu verbessern gebe. „Südtirol ist zwar Vorreiter in der integrierten Produktion, dennoch dürfen wir nicht stehen bleiben“, mahnte Rinner.
Pflanzenschutzmittel und ihre Wirkstoffe werden sich weiter verbessern und noch spezifischer wirken. „Zudem wird es weitere Reduzierungen geben“, zeigte sich Rinner überzeugt. Eine wichtige Rolle kommt dabei der Forschung zu. „Ein Schwerpunkt der Sortenzüchtung ist die Suche nach robusten und pilzresistenten Sorten“, berichtete Marschall.
Eine große Herausforderung für den Pflanzenschutz sehen alle Diskussionsteilnehmer im Klimawandel: Höhere Temperaturen begünstigen die Verbreitung der Schädlinge und den Zuzug neuer Krankheitserreger.
Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer darüber, dass der Stellenwert des Pflanzenschutzes in der Bevölkerung erhöht werden müsse.
Dazu sei mehr Information nötig, aber nicht nur: „Die professionelle Anwendung in der täglichen Praxis ist ein Schlüssel für die breite Akzeptanz des Pflanzenschutzes in der Bevölkerung“, unterstrich Rinner.
Bei Raumkulturen trage dazu laut Wiedmer immer mehr die Gerätetechnologie bei. „Der Bauer hat selbst das größte Interesse, dass Pflanzenschutzmittel nur dorthin gelangen, wo sie wirken sollen“, betonte er. „Die Sprühgeräte entwickeln sich stark in diese Richtung.“
Fazit der Diskussion: Pflanzenschutz ist notwendig und wird es immer sein. Denn er ist Voraussetzung für Qualität, Menge und Sicherheit unserer Lebensmittel. Der Pflanzenschutz entwickelt sich weiter und wird chemische Wirkstoffe weiter reduzieren. Zudem muss auch die Anwendung des Pflanzenschutzes so erfolgen, dass er breite Akzeptanz in der Bevölkerung findet.