Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 19.11.2015

Memorandum für ländlichen Raum

Den ländlichen Raum als Wohn-, Arbeits- und Freizeitraum attraktiv zu halten, ist das Ziel der „Plattform Land“. Kürzlich hat die „Plattform Land“ ein Memorandum mit konkreten Maßnahmen und Empfehlungen verabschiedet und auf der Fachmesse Agrialp in der Messe Bozen erstmals vorgestellt.

Stellten das Memorandum auf der Agrialp vor: (v.l.) Ulrich Höllrigl, Ingrid Kofler, Andreas Schatzer, Arnold Schuler, Leo Tiefenthaler.

Stellten das Memorandum auf der Agrialp vor: (v.l.) Ulrich Höllrigl, Ingrid Kofler, Andreas Schatzer, Arnold Schuler, Leo Tiefenthaler.

Während in vielen Teilen Europas die nicht-urbanen Gebiete von Abwanderung und einem Strukturwandel betroffen sind, ist der ländliche Raum in Südtirol nach wie vor attraktiv und lebenswert. Das soll auch in Zukunft so bleiben. Deshalb haben die in der „Plattform Land“ zusammengeschlossenen Wirtschaftsverbände, der Südtiroler Gemeindenverband, die Handelskammer Bozen, der Raiffeisenverband sowie Landeshauptmann Arno Kompatscher und Landesrat Arnold Schuler ein Memorandum verabschiedet. Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler, gleichzeitig Sprecher der „Plattform Land“, sagte auf der Agrialp: „Das Memorandum sieht eine ganze Reihe konkreter Maßnahmen vor, die umgesetzt werden sollen, um den ländlichen Raum zu stärken.“

Initiativen besser vernetzen
Vor allem will die „Plattform Land“  die Eigeninitiativen vor Ort und die Beteiligung der lokalen Bevölkerung stärken: Kooperationen und Partnerschaften stärker fördern und vernetzen. Das ist ganz im Sinne von Landeshauptmann Arno Kompatscher, dem die verstärkte Zusammenarbeit zwischen Gemeinden ein Anliegen ist. Tiefenthaler forderte „verbesserte Rahmenbedingungen für Kooperationen innerhalb eines Sektors und sektor­übergreifend.“ So sollen künftig auch Stadt-Land-Partnerschaften und die interkommunale Zusammenarbeit stärker und bevorzugt gefördert werden. Dies gilt auch für generationenübergreifende Kooperationen, die aufgrund des demografischen Wandels zunehmend interessant werden.

Neue Arbeitsplätze nötig
Besonders bedeutend für die Attraktivität des ländlichen Raumes sind ausreichend Arbeitsmöglichkeiten, wie der Plattform-Land-Sprecher betonte: „Eine gezielte Ansiedelung bzw. Erweiterung von Unternehmen muss nachhaltig gefördert werden. Dabei ist die Entwicklung nach innen zu bevorzugen.“ Helfen könnte es, Kompetenzzentren zu schaffen und in Forschung und Entwicklung zu investieren. Darüber hinaus sollen Start-Up-Unternehmen und Betriebe mit Standortnachteilen besonders gefördert werden. Lokale Kreisläufe könnten recht einfach durch unbürokratische dezentrale Vergabemöglichkeiten unterstützt werden. Auch der Abbau bürokratischer Hürden wäre ein wichtiges Signal: „Es braucht einen Einheitsschalter als Anlaufstelle für regionale Entwicklungsinitiativen“, betonte Tiefenthaler.
Neue Arbeitsplätze auf dem Land entstehen aber auch, wenn man die öffentliche Verwaltung stärker dezentralisiert. Andreas Schatzer, Präsident des Gemeindenverbandes und Co-Sprecher der „Plattform Land“ sagte diesbezüglich: „Statt Dienste in den Städten zu konzentrieren, könnte man einige in die Talschaften verlegen. Was spricht dagegen, wenn z. B. das Mahnwesen in der Peripherie angesiedelt wird?“ Eine solche Maßnahme helfe, auf dem Land leer stehende Gebäude in Wert zu setzen und Arbeitsplätze zu schaffen.

Vorteil attraktiver Wohnraum
Zu wenig wurden in der Vergangenheit die Vorteile des ländlichen Raumes kommuniziert – wie etwa die Verfügbarkeit von attraktivem und preisgünstigem Wohnraum. Die „Plattform Land“ schlägt daher zukünftig vor, leer stehende Wohnimmobilien besser zu nutzen. „Das schafft zusätzlich bezahlbaren Wohnraum und entlastet den städtischen Wohnungsmarkt“, erklärte Schatzer.

Servicepoints vorgesehen
Neben Arbeit und Wohnen ist ein weiterer Faktor für die Attraktivität des ländlichen Raumes entscheidend: Soziale Dienste und Nahversorgung. Darauf wies Ulrich Höllrigl, Geschäftsführer der Plattform Land, hin: „Beide könnten in Zukunft in multifunktionalen Dienstleistungszentren (Servicepoints) angeboten werden. Dafür kommen Dorfläden, Gasthäuser oder Handwerksbetriebe in Frage.“
Die „Plattform Land“ strebt zudem die Einführung eines Gutscheinsystems für kulturelle und sportliche Tätigkeiten an, das Familien mit Kindern zugutekommt. Der bereits gut funktionierende öffentliche Nahverkehr soll intelligent ausgebaut werden. Dem SBB ist besonders das ländliche Wegenetz ein Anliegen, dessen Erhalt abgesichert werden muss.

Schnelles Internet rasch ausbauen
Um Arbeitsmöglichkeiten und Dienste für die Bevölkerung im ländlichen Raum zu erhalten bzw. zu schaffen, fordert die „Plattform Land“ einen raschen und vor allem flächendeckenden Ausbau des schnellen Internets. Laut Landesrat Arnold Schuler „tragen die dadurch gewährleisteten Arbeitsplätze und Dienste wesentlich zur Attraktivität des ländlichen Raumes bei“.

Kultur- und Naturlandschaft nachhaltig schützen
Um die Qualität der Kulturlandschaft zu schützen, müssen ausreichend Mittel für den Denkmal- und Ensembleschutz, die Landschaftspflege und die Umweltprogramme bereitgestellt werden.

Fachbeirat und Befragung zeigen Handlungsschwerpunkte auf
Grundlage für das Memorandum war eine Umfrage unter ausgewählten Entscheidungsträgern im ländlichen Raum zur ländlichen Entwicklung der nächsten Jahre. Zusätzlich hat die „Plattform Land“ vergangenes Jahr einen Fachbeirat eingesetzt, der ebenfalls Maßnahmen vorgeschlagen hat. Das Memorandum fasst die Ergebnisse beider Initiativen zusammen, berichtete Tiefenthaler: „Nun wollen wir den Worten Taten folgen lassen. Wir gehen die Maßnahmen in den Bereichen Sensibilisierung, Bildung, Beratung und Beteiligung Schritt für Schritt an, indem wir die lokalen Entscheider und die Bevölkerung ab 2016 einbeziehen“.

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Memorandum

6 Taten für den ländlichen Raum
Das sind die 6 Handlungsempfehlungen für eine nachhaltige Stärkung des ländlichen Raumes,   wie sie im Memorandum vorgesehen sind. Zu allen wurden verschiedenste Maßnahmen definiert.

1. Kooperation und Vernetzung
2. Dezentrale Daseinsvorsorge
3. Dezentralisierung
4. Subsidiarität
5. Unternehmertum
6. Kulturlandschaft und natürliche Lebensgrundlagen