Südtiroler Landwirt, Südtiroler Bäuerinnenorganisation, Bauernbund | 23.10.2015

Gelebte Werte

Mit eigenen Händen Butter schlagen, Tiere füttern, Brotlaibe formen: Das alles bietet „Schule am Bauernhof“. Wie sie Werte bildet und nachhaltige Lernergebnisse bringt, war Thema einer Initiative der Südtiroler Bäuerinnen zum Welttag der Landfrauen. von Renate Anna Rubner

Lernen mit Hand, Herz und Kopf - die Südtiroler Bäuerinnen setzen sich für "Schule am Bauernhof" ein. (Foto: Florian Berger)

Lernen mit Hand, Herz und Kopf - die Südtiroler Bäuerinnen setzen sich für "Schule am Bauernhof" ein. (Foto: Florian Berger)

Der Appell war eindeutig: „Bitte, bitte, macht weiter so!“, sagte Thomas Pohl. Er ist Vater von Zwillingen, die am Untertrotnerhof in Oberbozen „Schule am Bauernhof“ erleben durften. Die ganze Schulklasse war begeistert, Eltern und Lehrer auch. Sein Appell galt nicht nur den Bauersleuten Marianne und Siegfried Fink, die seit Jahren zertifizierte Anbieter von „Schule am Bauernhof“ sind, sondern ist darüber hinaus als Anerkennung und Dank für die ganze Initiative zu verstehen. „Es ist schön zu merken, welche Wertschätzung der Landwirtschaft bei uns hier noch entgegen­gebracht wird. Anderswo beneidet man uns dafür!“, erklärte der Zwillingsvater.

Wie viel Arbeit steckt im Pausenbrot?
Wertschätzung war auch das Kernwort bei der Vorstellung, die Landesbäuerin Hiltraud Erschbamer zum Anlass des Internationalen Welttages der Landfrauen initiiert hatte. „Die Gesellschaft verändert sich. Aber auch die Landwirtschaft“, erklärte Hiltraud Erschbamer. „Wir müssen den Kindern die Landwirtschaft wieder näherbringen. Denn es ist heute nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder wissen, wie Butter oder Käse hergestellt werden und wie viel Arbeit in einem Pausenbrot steckt.“ Deshalb sei es notwendig, dass man es ihnen zeigt und so den Wert von Lebensmitteln vor Augen führt. „Lebensnahes Lernen und die Vermittlung von Werten stehen bei ‚Schule auf dem Bauernhof‘ im Mittelpunkt“, schloss die Landesbäuerin.

„Null Bock“ oder viel Spaß?
Aber: Was sind Werte? Und warum wollen wir Werte vermitteln? Diesen Fragen ging Elisabeth Naurath, Professorin an der Universität Augsburg, auf den Grund. Sie erklärte, dass die Gesellschaft heute besonders bei Kindern und Jugendlichen der Meinung sei, sie habe „null Bock“, interessiere sich nur für Internet und Handy, sei disziplin- und antriebslos. Es stimme: Heranwachsende wachsen heute nicht mehr in einer geschützten, greifbaren Umgebung auf, sondern sind den Weiten des World Wide Web ausgeliefert.
Der Bezug zur Natur gehe zunehmend verloren. „Deshalb wird der Ruf nach Werteerziehung laut“, erklärte Elisabeth Naurath. Was Werte wirklich sind, sei aber schwer fassbar: „Werte sind subjektiv.“ Frieden, eine sichere Arbeitsstelle, Ehe und Familie, sind zwar Werte, die für viele Menschen gelten, bei anderen Dingen wie Erreichbarkeit oder Zeithaben schaut es schon wieder anders aus. „Das ist für manche ein Wert, für manche nicht“, erläuterte Naurath. Werte sind laut Naurath dynamisch, sie verändern sich, wachsen und bilden sich. Und zwar durch Beziehung. Das bedeutet: Wertebildung hat damit zu tun, wie Kinder Beziehung erleben. Erfahren sie dabei Wertschätzung, dann ist das das Fundament für ihre Wertebildung.
Und nicht zuletzt sind Werte nicht immer vom Verstand gesteuert, sondern haben oft auch mit Gefühlen zu tun: Positive Erfahrungen, die Erinnerung an sinnliche, angenehme Ereignisse bildet Wertvorstellungen. Wenn ein Kind also mit Freude daran zurückdenkt, wie es mit eigenen Händen einen Teigling geformt, gebacken und dann das frische Brot gekostet hat, dann ist das eine Werte bildende Erfahrung.

Kinder spüren, ob Werte gelebt werden
Was das für die Arbeit in der Schule oder in der Erlebnispädagogik von „Schule auf dem Bauernhof“ bedeutet, versuchte Elisabeth Naurath dann herauszuarbeiten: Zum einen basiert laut Studien die Wertevermittlung stark auf einer wertschätzenden Kommunikation, also darauf, ob der Lehrer auf den Schüler ausgerichtet ist, welche Qualität die Beziehung von Lehrer und Schüler hat.
Zudem ist eine sogenannte authentische Beziehungsfähigkeit wichtig, weil dann nachhaltiger gelernt wird. Werte müssen also vorgelebt werden, Lippenbekenntnisse reichen nicht. „Ein Kind spürt nämlich sehr schnell, ob etwas echt ist“, sagte Elisabeth Naurath.
Und zu guter Letzt ist nachhaltiges Lernen etwas, was Hand, Herz und Kopf verbindet. Ein Kind füttert zum Beispiel einen Hund (Hand), spürt, wie sich das Tier darüber freut, und erlebt dadurch Wertschätzung für seine Arbeit (Herz). Der Hund vermittelt dem Kind seinerseits körperliche Nähe, hat Zeit zum Spielen und stärkt das Selbstbewusstsein des Kindes, weil es Verantwortung für Pflege und Fütterung tragen darf. Damit es sich dessen aber bewusst wird und nachhaltig daraus lernt, braucht es die Reflexion (Kopf) durch den Lehrer: Was hast du erlebt? Wie war das für dich? Erst durch diese kognitive Verarbeitung schließt sich der Kreis.

Bei den Kindern anfangen
Lobende Worte für das Projekt „Schule am Bauernhof“ kamen von Landesrat Arnold Schuler: „Wir müssen das Verständnis für die Landwirtschaft wieder stärken, denn der Bezug zur Arbeit der Bauern geht zunehmend verloren. Mit ‚Schule auf dem Bauernhof‘ erreichen wir die Kinder. Bei ihnen müssen wir anfangen!“ Im Jahr 2005  sei „Schule am Bauernhof“ als Interreg-Projekt gestartet. Dank der guten Zusammenarbeit zwischen Fachschulen, den verschiedenen Institutionen und den Bäuerinnen-Dienstleisterinnen sei daraus ein wertvolles Angebot für die Schulen geworden.

Arbeit direkt am Hof möglich
Genutzt wird das Angebot indes nicht nur von den heimischen Schulen. Marianne Fink, Bäuerin am Untertrotnerhof, erzählte, dass verstärkt auch Schulen aus dem oberitalienischen Raum zu Besuch kommen, um sich ein Bild davon zu machen, wie eine klein strukturierte Landwirtschaft funktionieren kann (s. Interview S. 6). „Das ist mir auch ein besonderes Anliegen“, erklärte die Bäuerin, „zu zeigen, dass man nicht unbedingt einer Arbeit außerhalb des Hofes nachgehen muss, wenn man so wie wir Urlaub auf dem Bauernhof und ‚Schule am Bauernhof‘ anbietet.“ Die Nachfrage ist groß, Familie Fink ist voll ausgebucht.


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