Südtiroler Landwirt, Marketing, Bauernbund | 08.10.2015

Zuerwerb gezielt unterstützen

Die Zukunftsangst der bäuerlichen Betriebe mit Zu- und Nebenerwerb wächst. Das ergab die Bauernbund-Mitgliederbefragung im heurigen Jänner. Nun hat der Landesbauernrat Vorschläge erarbeitet, wie man gegensteuern kann. von Michael Deltedesco, Guido Steinegger

In der Direktvermarktung – zum Beispiel über Hofläden – sieht der Bauernbund noch viel Potential.

In der Direktvermarktung – zum Beispiel über Hofläden – sieht der Bauernbund noch viel Potential.

Mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen könnte die Politik jene bäuerlichen Kleinbetriebe stärken, die auf einen Zu- oder Nebenerwerb angewiesen sind. Zu diesem Schluss kam der Landesbauernrat vor zwei Wochen.
Mit dem Thema „Zu- und Nebenerwerb“ ist der Landesbauernrat eine Reihe von Grundsatzdiskussionen angegangen. „Wir reagieren damit auf unsere Mitgliederbefragung im heurigen Jänner“, erklärt Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler. „Die Ergebnisse dieser Umfrage zeigen, wo unsere Mitglieder der Schuh drückt.“ Eines davon ist das Thema „Zu- und Nebenerwerb“. Das kommt nicht von ungefähr: Südtirols Landwirtschaft ist kleinstrukturiert. Die Folge: Immer mehr besonders kleine Landwirtschaftsbetriebe sind auf ein Einkommen aus einem Zu- oder Nebenerwerb angewiesen, das sie entweder direkt am Hof oder außerhalb erwirtschaften (siehe unten). Für die Kleinbetriebe im Tal und am Berg ist ein Zuerwerb eine Frage der Existenz. Letztere – so das Ergebnis der Mitgliederumfrage – sehen ihre Zukunft besonders skeptisch. „Die Stimmung ist nicht besonders gut“, fasst Tiefenthaler zusammen. Dies sei nicht nur eine Herausforderung für jeden einzelnen Betrieb, sondern für ganz Südtirol: „Brechen uns diese Betriebe weg, ist die flächendeckende Bewirtschaftung und damit nicht zuletzt auch unsere einzigartige Kulturlandschaft in Gefahr.“ Gefordert seien hier daher alle: Bauernbund, Beratungsorganisationen, Politik, aber auch die Betriebe selbst.

Augenmerk auf Kleinbetriebe
Der Bauernbund ist überzeugt: Schon mit einigen wenigen Maßnahmen könnte diesen Betrieben geholfen und vielen das wirtschaftliche Auskommen mit dem Einkommen gesichert werden. Das sei auch nötig, stellte Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner klar: „Will man, dass Südtirol auch noch in 20 Jahren eine intakte Landwirtschaft hat, muss man heute die Weichen stellen. Der eingeschlagene Weg, zum Beispiel die Grünlandbetriebe besonders zu fördern, muss konsequent weiterbeschritten werden.“
Dringend abgeschafft werden müssten bestehende Benachteiligungen der Nebenerwerbsbetriebe bei den Förderungen. Als Beispiel nannte Tiefenthaler die Förderung der Direktvermarktung: „Hier wurden die Zugangskriterien erhöht.“ Ein Problem gab es bis vor kurzem bei der Hofübergabe: Sie war in der neuen, seit heuer geltenden EU-Planungsperiode, durch die Festlegung der Standardproduktion noch unattraktiver geworden, weil sie Kleinbetriebe ausschließt. Dieses Loch hat die Landesverwaltung kürzlich aber durch eine Korrektur gestopft.
Auch die Regelung der Betriebsprämie sowie die Ausgleichszulage und die Umweltprämie ist laut Landesbauernrat für viele kleine Betriebe wenig motivierend. Rinner berichtet über die Erfahrungen mit dem neuen Programm: „Wir haben gesehen, dass wir nachbessern und die ehemalige Regelung wieder einführen müssen. Die Mindestflächengröße bei der Ausgleichzulage und Umweltprämie soll daher wieder einen Hektar betragen.“ Auch beim regionalen Zuschuss auf die Bauernversicherung sind Nebenerwerbslandwirte, die nicht in der Landwirtschaft versichert sind, benachteiligt.
Mehr Unterstützung soll es für die Direktvermarktung geben. Rinner setzt hier vor allem auf die vielen Touristen: 29 Millionen Gäste kommen jährlich nach Südtirol. „Die Zahl derer, die heimische Produkte schätzen, wird immer größer. Hier steckt noch großes Potential. Daher sollte in die Vermittlung des Wissens über eine hochwertige Produktveredlung investiert werden“, sagte Rinner.
Mehr als bisher soll in Zukunft die Diversifizierung der Landwirtschaft gefördert werden. Besonderes Potential sieht Rinner im Qualitätsfleisch: „Die Fleischvermarktung muss ausgebaut werden.“

Ausbau des Zuerwerbs nötig
Bäuerinnen und Bauern müssen die Möglichkeit haben, den Zuerwerb am Hof auszubauen. „Urbanistische Hürden verhindern weitere Zuerwerbsmöglichkeiten am Hof. Diese Hürden müssen weg“, forderten Rinner und Tiefenthaler.
Als weiteres Beispiel nennt Tiefenthaler die soziale Landwirtschaft, die erst kürzlich auf Staats-ebene beschlossen wurde: „Jetzt brauchen wir in Südtirol eine gesetzliche Grundlage, um die Chancen in diesem Bereich voll nutzen zu können.“
Die bestehenden urbanistischen Hürden könnten mit dem neuen Urbanistikgesetz fallen, hofft Tiefenthaler: „Dazu bräuchte es den politischen Willen.“

Bürokratieabbau ist Wunsch
Genauso wie beim Bürokratieabbau. Gerade für kleine Nebenerwerbsbetriebe wäre eine bürokratische Entlastung ein wichtiges Signal. Konkret könnte das laut Landesbauernrat so aussehen: „Die steuerrechtlichen Vereinfachungen müssen beibehalten bzw. in einigen Fällen ausgebaut werden. Auch im Bereich Arbeitssicherheit benötigen wir weitere Vereinfachungen.“
Wenn diese Signale kommen, würde sich auch die Stimmung wieder aufhellen. „Und eine gute Stimmung sorgt für ein günstiges Klima für Investitionen, die Weitergabe der Betriebe und eine gute Entwicklung“, ist Landesobmann Tiefenthaler überzeugt.


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Trend
Immer mehr Zuerwerb

Südtirols bäuerliche Betriebe sind sehr klein strukturiert: Die Durchschnittsfläche liegt im Obstbau bei 2,5 Hektar, im Weinbau bei einem Hektar und im Grünlandbereich bei unter sechs Hektar. Die Folge: Allein mit dem Einkommen aus der Landwirtschaft könnten viele dieser bäuerlichen Familien nie und nimmer wirtschaftlich überleben. Und es werden immer mehr: Im Jahr 2000 gab es südtirolweit noch über 8400 Vollerwerbsbetriebe, zehn Jahre später waren es weniger als 7600. Dagegen ist die Zahl der Zuerwerbsbetriebe deutlich angestiegen. Heute sind knapp 40 Prozent im Vollerwerb tätig, der Rest der Betriebe hat mindestens einen Zu- oder Nebenerwerb. Für den Bauernbund ist klar: Es gilt, möglichst viele Betriebe im Vollerwerb zu halten, aber auch den Betrieben mit Zu- und Nebenerwerb eine landwirtschaftliche Perspektive zu geben.