Südtiroler Landwirt | 11.09.2015

Flüchtlingsfrage in Herkunftsländern lösen

Der Kongolese Albert Mashika ist seit heurigem Frühjahr Generaldirektor der Caritas Afrika. Mit dem „Südtiroler Landwirt“ sprach er kürzlich über Afrikas und Südtirols Bauern, über die Ernährungssicherheit und den Umgang mit Flüchtlingen. von Guido Steinegger

Albert Mashika: „Jeder Mensch braucht in erster Linie zu essen. Daher ist eine gute Landwirtschaft das Allerwichtigste!“

Albert Mashika: „Jeder Mensch braucht in erster Linie zu essen. Daher ist eine gute Landwirtschaft das Allerwichtigste!“

Südtiroler Landwirt: Beim Stichwort Afrika denken wir Europäer zuallererst an all die Flüchtlinge, die über das Mittelmeer zu uns fliehen. Doch viele Europäer haben Angst vor ihnen. Wie steht Caritas Afrika dazu?

Albert Mashika: Vor allem möchte ich allen Europäern und europäischen Ländern danken, die Flüchtlinge aufnehmen und ihnen mit Nahrung, Unterkunft und jeglicher Hilfe zur Seite stehen. Flüchtlinge sind in erster Linie Menschen. Sie haben ein Recht, respektiert zu werden.
Das Problem betrifft Europa und Afrika gleichermaßen. Daher müssen wir auf die wahren Ursachen schauen: Sie liegen vor allem im Mangel an Demokratie und Regierbarkeit in den afrikanischen Ländern. Zweite Ursache ist der Klimawandel: Viele Menschen verlassen Afrika, weil sie wegen der Folgen des Klimawandels keine Arbeit finden und somit keine Chance auf Überleben haben. Schließlich ist auch der Mangel an Sicherheit eine Ursache. Wenn wir alle daran arbeiten, den Menschen in Afrika Arbeit, Frieden, Sicherheit und bessere Regierungen zu geben, lösen wir auch das Migarationsproblem.

Es gibt in Europa viel Hilfsbereitschaft, aber auch Ablehnung gegenüber Flüchtlingen. Können Sie die Angst vor Einwanderern verstehen?
Ich kann verstehen, dass Menschen in Europa Angst haben. Sie fürchten, dass Menschen aus den Herkunftsländern Terrorismus usw. hierher bringen. Aber wir dürfen das nicht allein aus dieser Sicht sehen. In erster Linie gilt es, die menschlichen Wesen zu sehen, die Hilfe brauchen. Aber wie ich schon sagte: Noch wichtiger ist, alles zu tun, damit die Menschen  in ihren Ländern bleiben können. Die Lösung liegt nicht hier, sondern in den Herkunftsländern!
Die Zivilgesellschaft in Europa kann sich da einbringen und Druck auf die europäischen Länder ausüben, damit sie Aufbauprogramme in Afrika unterstützen. Dann können die Menschen dort ein menschenwürdiges Leben führen und somit in ihren Ländern bleiben.

Caritas Afrika umfasst alle Länder südlich der Sahara – ein riesiges Einzugsgebiet! Wie ist es um die bäuerliche Bevölkerung in diesem Gebiet bestellt?
Die Kleinbauern in Afrika stehen drei Hauptproblemen gegenüber: Erstens fehlt es an Geld und technischem Wissen, um besser und mehr produzieren zu können. Zweiter Aspekt ist die Produktivität. Landwirtschaft braucht gute Werkzeuge und gutes Pflanzenmaterial. Die dritte Herausforderung ist der Klimawandel. Die Kleinbauern können das nicht allein bewältigen. Wir müssen ihnen helfen, sich daran anzupassen und mit den Folgen zurecht zu kommen.

Wir hören oft von der Ausbeutung von Natur, Boden und Menschen in Afrika. Wie kann man dem entgegenwirken?
Da gibt es mehrere Antworten. Zunächst müssen die afrikanischen Länder selbst viele Hausaufgaben lösen, auch und gerade im Agrarsektor: Sie müssen den Wald schützen. Und sie müssen der Landwirtschaft zumindest zehn Prozent ihres Finanzhaushaltes zur Verfügung stellen. Auch viele Partner der afrikanischen Länder – aus Europa, Amerika, Asien  – haben große Verantwortung, halten ihre Verpflichtungen aber nicht ein. Wenn sie sich daran halten, lösen wir viele Probleme in der afrikanischen Landwirtschaft.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das sogenannte Landgrabbing?
Das ist ein großes Problem. Große Unternehmen kommen, kaufen immense Flächen und produzieren darauf nicht Lebensmittel, sondern andere Dinge für die Weltwirtschaft. In Ostafrika habe ich riesige Blumenfelder gesehen. Menschen essen keine Blumen. Die großen Konzerne produzieren das für die USA, Europa usw. Sie schützen aber unsere jungen Frauen und Männer, die dort für die Blumenproduktion arbeiten, nicht vor den Chemikalien, die sie dort verwenden. Und sie zahlen sie gerade mal einen US-Dollar pro Tag. Damit kann niemand überleben.
Andere Konzerne bauen Mineralien ab und vertreiben dazu die bäuerliche Bevölkerung von ihren angestammten Anbaugebieten.

Wäre also die beste Entwicklungshilfe, dass wir als Konsumenten in Europa genauer darauf schauen, was wir kaufen?
Ja, wir Konsumenten haben das Recht, die Verkäufer zu fragen, woher genau ihre Produkte kommen. Wir können verlangen, dass Kleinbauern in Afrika gute, faire Produktionsmöglichkeiten vorfinden. Bei meinen Besuchen in Europa sehe ich afrikanische Produkte, z.B. Kaffee. In Afrika bekommen die Bauern für ein Kilogramm einen bis drei US-Dollar. In Europa zahlen die Konsumenten dafür 24 Euro. Diese große Schere zwischen Produzenten und Endverkauf müssen wir verkleinern und ein Gleichgewicht herstellen.

Als Mitglied im afrikanischen Netzwerk für Zivilpartnerschaft CPDE erinnern sie die afrikanischen Staaten und deren Partner in der Welt an ihre Pflichten für nachhaltige Entwicklungsziele. Welche Rolle spielen die Kleinbauern in diesen Zielen?
Die Landwirtschaft ist äußerst wichtig. Denn jeder Mensch muss essen. Wer kein Essen hat, kann nicht arbeiten, nicht diskutieren, nicht denken. Landwirtschaft ist also die wichtigste Tätigkeit überhaupt: Die Bauern müssen sich selbst und die Bevölkerung ernähren – nicht nur in allen afrikanischen Ländern, sondern in der ganzen Welt!

Sie kennen selbst das Projekt in Meki / Äthiopien, wo der Bauernbund, die Gärtnervereinigung und der Raiffeisenverband gemeinsam mit Caritas Südtirol und der Landesverwaltung den Aufbau eines Schulungszentrums unterstützen. Es ist nur ein kleines Projekt in einem globalen Kontext. Was kann es denn bewirken?
Das ist wirklich ein gutes Projekt. Es sind dort viele gute Ideen geboren, von denen auch andere Gebiete in Afrika lernen und profitieren können. Z.B. die Tatsache, dass organische Dünger von jedem überall produziert werden können. Sie verbessern die Bodenqualität und die Produktion. Chemische Dünger zerstören den Boden und kosten viel. Organischen Dünger kann man günstig, unabhängig und umweltfreundlich vor Ort produzieren.

Südtirols Kleinbauern können nur durch das Genossenschaftssystem bestehen. Sie sagen, das ist auch ein Modell für Afrika …
Genau: Wenn wir viele Kleinbauern zusammen bringen, werden sie stark. Wenn sie allein sind, können sie keine guten Preise für ihre Produkte verhandeln. So können sie ihr Einkommen aus ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit steigern.
Wir haben dafür ein Sprichwort: „Wenn du schnell gehen willst, gehe allein. Wenn du weit gehen willst, musst du mit anderen gemeinsam gehen.“ Das ist der große Vorteil von Genossenschaften: Es hilft den Menschen, zusammen zu sein, ihre Rechte einzufordern, ihre Interessen zu verteidigen – und so können sie weit kommen und ihre Lebensqualität verbessern.
Daher müssen wir den Kleinbauern helfen, sich genossenschaftlich zu organisieren.

Geht Meki in diese Richtung?
Als ich erstmals in Meki war, konnten die Bauern nicht genug für sich selbst produzieren. Heute ernähren sie nicht nur sich selbst, sondern können sogar Getreide nach Kenia exportieren. Das ist ein immenser Fortschritt. Deshalb kann ich sagen: Ja, das Projekt in Meki geht genau in diese Richtung.