Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 27.08.2015

Gut gestartet

Europa erwartet wieder eine überdurchschnittliche Apfelernte. Mit den entsprechenden Schwierigkeiten für die Vermarktung. Warum es in der kommenden Saison aber trotzdem einfacher werden könnte, war Thema bei der Prognosfruit in Meran. von Renate Anna Rubner

Südtirol am Nabel der Apfelwelt - Prognusfruit in Meran (Foto: EOS, Frieder Blickle)

Südtirol am Nabel der Apfelwelt - Prognusfruit in Meran (Foto: EOS, Frieder Blickle)

Helwig Schwartau ist vorsichtig optimistisch: „Der Markt funktioniert nicht nur über Angebot und Nachfrage, es ist auch eine gehörige Portion Psychologie dabei“, erklärte er den Zuhörern im vollbesetzten Kursaal von Meran. „Trotzdem wird die kommende Vermarktungssaison für Äpfel und Birnen wieder eine Herausforderung!“, ist der Marktanalyst der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) überzeugt. Aber nicht nur die Vorschau auf die kommenden Monate war Thema bei der diesjährigen Prognosfruit. Die Konferenz und der darauffolgende Tag mit Betriebsbesuchen war ein Zusammentreffen der europäischen Apfelwelt und ähnelte einem Familientreffen: Vermarktungsprofis aus ganz Europa kamen zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, Rückblick zu halten und sich auf die kommende Vermarktungsperiode einzustimmen.
Wie ein Familienoberhaupt begrüßte Hans van Es, Vorsitzender des Komitees für Obst und Gemüse der COPA COGECA, die Teilnehmer des diesjährigen Kongresses. Stolz erklärte er, dass sich 315 Leute aus 16 Nationen eingefunden haben. So viele wie noch nie. Die Prognosfruit erfreue sich also wachsender Beliebtheit und werde immer mehr zu einer Drehscheibe der internationalen Apfelwelt.

Wieder große Ernte erwartet
Sage und schreibe 11.973.992 Tonnen Äpfel werden für die europäische Ernte 2015 prognostiziert. Das liegt noch über den Schätzungen des Vorjahres und dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Was im letzten Jahr bei der Prognosfruit in Istanbul die ganze Branche in Angst und Schrecken versetzt hatte – nicht zuletzt wegen des Importstopps durch Russland, der praktisch zeitgleich in Kraft getreten war –, weckt in diesem Jahr eher den Kampfgeist der europäischen Vermarkter. Immerhin hat man es heuer mit anderen Vorzeichen als im Jahr davor zu tun:
Zum einen ist es in der abgelaufenen Saison gelungen, die hohen Erntemengen 2014 so gut abzusetzen, dass die europäischen Lager zur neuen Ernte praktisch leer sein werden. Das sei laut Schwartau die beste Voraussetzung dafür, die ersten neuen Äpfel gut auf den Märkten platzieren und entsprechende Preise dafür erzielen zu können. Das niedrige Preisniveau zu Beginn der letzten Vermarktungssaison hat zwar im Laufe der Monate angezogen, trotzdem habe es aber einen Konsumanstieg zur Folge gehabt, den es nun zu halten gilt.

Mehr Export, Import stabil
Die momentane Situation für den Export ist laut Einschätzung Schwartaus aber auch wegen des günstigen Wechselkurses positiv zu bewerten. Mehr als 1,7 Millionen Tonnen europäische Äpfel gingen im auslaufenden Vermarktungsjahr in den Export, während der Import im Vergleich zu den Vorjahren in etwa auf demselben Niveau geblieben ist.
Man habe es auch geschafft, neue Märkte zu erschließen und bestehende, ausbaufähige stärker zu beliefern. So sei das Russlandembargo letztendlich so gut umschifft worden, dass es auf den Absatz der europäischen Äpfel kaum Auswirkungen gehabt habe. Ein deutliches Plus konnte im Export nach Nordafrika (insgesamt 361.000 Tonnen) sowie nach Westafrika (16.000 Tonnen) verbucht werden. In den Mittleren Osten gingen 177.000 Tonnen Äpfel, nach Asien 54.000 Tonnen und nach Lateinamerika 36.000 Tonnen während Osteuropa mit 730.000 Tonnen zu Buche schlug. Das waren nur 30.000 Tonnen weniger als im Jahr davor, also bevor die Einfuhrsperre nach Russland in Kraft trat. „Die Drehscheibe nach Osten ist für uns vor allem Weißrussland“, erklärte Schwartau dem Publikum.

Polen und Golden Spitze
Philippe Binard von der WAPA (Wourld Apple and Pear Assosiation) lieferte die detaillierten Daten. Die knapp 12 Millionen Tonnen Äpfel, die für die kommende Ernte prognostiziert werden, werden vor allem von Polen, Italien und Frankreich produziert, während Länder wie Deutschland, Belgien, die Niederlande oder Ungarn niedrigere Ernten einfahren werden als in den Jahren zuvor. Das gleicht die Erntemenge zumindest etwas aus.
Polen kann inzwischen mit 160.000 Hektar Fläche rund 30 Prozent der europäischen Ernte stellen, Italien 19 Prozent, gefolgt von Frankreich mit 13 Prozent. Bei den Sorten rangiert der Golden Delicious zwar noch auf Platz eins, allerdings mit einem Minus von fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch Idared und Red Delicious haben Anteile eingebüßt, während Gala stabil bleibt und die Sorten Fuji, Cripps Pink oder Pinova zulegen.
Mit der Fruchtgröße könne man laut Binard bei der anstehenden Ernte zufrieden sein. Auch die Qualität lasse keine Wünsche übrig. Zwar sei es im Juli sehr heiß gewesen, Beregnung habe aber Abhilfe geschaffen. Zusätzlich vorteilhaft ist, dass kaum Druck aus der südlichen Hemisphäre festzustellen ist. Also insgesamt gute Vorzeichen für die kommende Vermarktungsperiode.

Systeme funktionieren
Aber egal, wie die Vorzeichen auch stehen, eines haben die Vermarkter in der letzten Saison bewiesen: Die Systeme funktionieren. So können hohe Erntemengen auch unter erschwerten Bedingungen abgesetzt werden.
Das bestätigte auch Alessandro Dalpiaz von Assomela (Associazione Italiana produttori di mele). Der Genossenschaft gehören unter anderem VI.P und VOG, VOG Products, La Trentina oder Melinda an. Assomela vereint  insgesamt 14.260 Bauern mit einer Anbaufläche von 27.570 Hektar in sich und generiert einen Jahresumsatz von  1,2 Milliarden Euro.
Laut Alessandro Dalpiaz lieferte Italien traditionell rund die Hälfte seiner Tafeläpfel nach Deutschland. In der auslaufenden Saison war das aber nicht mehr so: lediglich 36 Prozent der italienischen Äpfel gingen 2014/2015 in Deutschland über die Ladentheke. Dafür habe man stärker auf anderen Märkten absetzen können, wie Spanien, Ägypten und andere nordafrikanische Staaten, sowie im Mittleren Osten. Man habe es laut Dalpiaz also verstanden, die schwierige Situation des Vorjahres zu meistern.

Die Chancen des TTIP
Ein weiterer Vorteil für die europäischen Apfelproduzenten könnte eine Öffnung des amerikanischen Marktes sein. Europaparlamentarier Herbert Dorfmann durchleuchtete für die Teilnehmer der Prognosfruit die Chancen des TTIP für den Apfel- und Birnenmarkt. Dabei unterschied er den tarifären Bereich (zum Beispiel Zölle) vom nicht-tarifären Bereich (etwa Kontrollen in den Obstplantagen, Analysen zu Pflanzenschutzmittelrückständen oder zu Schadinsekten). Im Bereich der Zölle können laut Dorfmann kaum Vorteile für den Export von Rohware ausgemacht werden. Das heutige Niveau liege bei ein bis zwei Cent pro Kilogramm Preiserhöhung durch Einfuhrzölle. Viel mehr Potential liege im nicht-tarifären Bereich, der aktuell einen Preisanstieg von 25 Prozent verursacht. Durch den TTIP wolle man eine Anpassung der phytosanitären Maßnahmen, einheitliche Notfallmaßnahmen  und ähnliche Harmonisierungen erreichen. Auch die Anerkennung der EU von Seiten der Vereinigten Staaten als „einheitliches Gebiet“ würde dazu gehören. Zum Abschluss des Handelsabkommens zwischen der EU und den USA werde es aber nicht vor 2019 kommen. Trotzdem sei man heute schon auf einem guten Punkt bei den Verhandlungen.
Bei verarbeiteten Produkten spielen die nicht-tariffären Barrieren eine deutlich untergeordnete Rolle. So habe man laut Dorfmann in der Saison 2014/2015 bereits 13.500 Tonnen Apfelsaftkonzentrat in die USA absetzen können. Zum Vergleich: Im Jahr davor waren es nur 500 Tonnen gewesen.

Verarbeitungssektor im Aufwind
Diese Zahlen bestätigte Klaus Gasser, Geschäftsführer von VOG Products: „In den USA haben wir im letzten Jahr einen guten Absatzmarkt gefunden. Rund elfmal so viel Apfelsaftkonzentrat als im Vorjahr ging dorthin.“ Zudem sei die letzte Saison wider allen Erwartungen bemerkenswert gut gegangen.
Die letztjährige Prognosfruit in Istanbul habe die Branche der Obstverarbeiter regelrecht in Aufruhr versetzt, man befürchtete eine Marktschwemme, weil auch Tafelware in die Verarbeitung zu wandern drohte. Dann kam aber alles anders: „Rund zehn Prozent der potentiellen Verarbeitungsäpfel wurden nicht geerntet“, erklärte Klaus Gasser. Zudem hatte die angelieferte Ware zehn Prozent weniger Brix, was eine schwächere Ausbeute bewirkte. Einiges machte auch der stärkere Absatz in die USA wett und zu guter Letzt ging die Tafelware so gut wie vollständig als solche auf den Markt. „So hat sich die Saison letztendlich gut entwickelt, die Preise haben sich stabilisiert“, versicherte Gasser. So sei man heute in einer ganz anderen Situation als im Vorjahr: „Die Tanks sind leer und die Preise gut“, freut sich Gasser und wagt eine Prognose: „Mittelfristig werden sich die Preise für Verarbeitungsware an jene für Frischware angleichen. Bei der Ananas ist das schon so, beim Apfel werden wir das auch schaffen!“
Denn nicht nur der Markt für Apfelsaftkonzentrat läuft gut. Daneben gibt es laut Gasser weitere Trends, die es in der Verarbeitung zu berücksichtigen gilt: Apfelmus im Glas und als Zugabe für Smoothies, Apfeldirektsaft und frische Apfelschnitten, die handlich verpackt sind. VOG Products ist bei all diesen Bereichen vorne mit dabei. Schließlich ist der Leiferer Betrieb in den letzten zwanzig Jahren stark gewachsen, nicht nur an Mitgliedern und Mengen, sondern auch an neuen Technologien, Produkten und Leistungen und nicht zuletzt an internationalen Kunden wie Nestlé, Coca Cola oder Mc Donalds.


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Die Vorzeichen für Südtirol
Die Prognosfruit zeigt ein Stimmungsbild. Ist es aber auch auf Südtirol übertragbar? Wie die abgelaufene undkommende Saison von Gerhard Dichgans vom Verband der Obstgenossenschaften (VOG) und von Josef Wielander von den Vingschgauer Produzenten (VI.P) gesehen werden.

Wie sind die allgemeinen Vorzeichen für die kommende Vermarktungssaison?
Gerhard Dichgans: Die Verkaufssaison ist mit großer Dynamik gestartet und wir können zufrieden sein: deutlich bessere Preise als im letzten Herbst, gute Nachfrage aus allen Märkten. Unsere Lager werden Anfang September von den letztjährigen Golden Delicious geräumt sein, und es wird keine wirklich Überlappung alte/neue Ernte geben. Auch das ist ein positives Startsignal.
Josef Wielander: Wir rechnen im Vinschgau mit einer qualitativ guten Ernte. Ich bin zuversichtlich, dass wir, sofern gute und haltbare Ware eingelagert wird, diese auch gewinnbringend vermarkten können. Zusätzlich stimmt uns der voraussichtlich höhere Wert für Industrieware optimistisch, weil der schon mal eine Grenze nach unten festlegt.

Welche Auswirkungen hatte die letzte Saison auf die traditionellen Märkte?
Gerhard Dichgans: Was das Verkaufsvolumen betrifft, haben wir unsere Positionen in den Handelsketten in Italien und Deutschland leicht ausgebaut. Nach vielen Jahren mit Rückschlägen, hat auch der traditionelle Großmarktkunde wieder mehr bei uns eingekauft. Die großen Mengen von 2014 sind aber vor allem nach Nordeuropa und in die Mittelmeerländer verladen worden. Nahost, Ägypten oder Libyen scheinen einen scheinbar unersättlichen Hunger nach unseren Äpfeln zu haben.
Josef Wielander: Wir mussten in der abgelaufenen Saison unsere Warenströme neu ordnen. Nun ist die Frage, ob die neu gewonnen Länder in Afrika und im Nahen und Mittleren Osten sich bereits als potentielle Kunden für die Zukunft erweisen oder nur als Lückenbüßer zu verstehen waren.

Welche sind die Lehren, die Sie aus der letztjährigen Saison gezogen haben?
Gerhard Dichgans: Mit treuen Kunden lässt sich auch die schwierigste Saison meistern!
Josef Wielander: Eigentlich kann ich nicht von „Lehren“ im eigentlichen Sinne des Wortes reden. Wir machen Geschäfte mit 40 verschiedenen Ländern. Deshalb müssen wir immer darauf vorbereitet sein, dass der eine oder andere Staat mal in eine schiefe Lage gerät und eine Verlagerung auf eine anderes Land nötig wird. So gesehen wird es auch im kommenden Jahr die eine oder andere Korrekturmaßnahme brauchen.

Wie gehen Sie und Ihr Verband auf die kommende Vermarktungssaison zu?
Gerhard Dichgans: Mit mehr Zuversicht als im Herbst 2014, was unsere Absatzmöglichkeiten betrifft. Andererseits – die Ernte hat gerade erst begonnen – mit einiger
Sorge, dass wir die Äpfel auch mit der richtigen Qualität, Ausfärbung  und Lagerfähig-
keit in die Zellen bekommen, die wir
brauchen.
Josef Wielander: Sobald die Erntedaten feststehen, ist mit den Kunden das Jahresgespräch zu führen. Dann werden wir den Abbauplan für die nächsten zwölf Monate mit bisherigen oder neuen Kunden zu erstellen  haben. Ich denke, dass wir den eingeschlagenen Weg des letzten Jahres in etwa fortführen können. 

Apfelproduktion der wichtigsten Länder (in 1000 t)

Apfelproduktion der wichtigsten Länder (in 1000 t)