Südtiroler Landwirt, Produktion | 23.07.2015

Wenn es am Rebholz krankt

Verschiedene Holzkrankheiten machen den Weinbauern im Land seit Jahren zu schaffen. Wie man sie bekämpfen oder ob man sie gar verhindern kann, war ein Schwerpunkt-Thema bei der diesjährigen Weinbautagung in Eppan. von Olivier Viret, Agroscope Changins

Das typische apoplektische Welken der Rebe bei der Schwarzholzkrankheit Esca kann dramatische Ausmaße annehmen.

Das typische apoplektische Welken der Rebe bei der Schwarzholzkrankheit Esca kann dramatische Ausmaße annehmen.

Zu den ältesten bekannten Erkrankungen der Rebe gehört die Schwarzholzkrankheit Esca. Sie wurde schon in der Antike beschrieben und führt zum Absterben der Stöcke. Die Krankheit ist vor allem auf älteren Stöcken sichtbar. Sie wird neuerdings aber auch auf jüngeren Anlagen zum Problem und führt unmittelbar zu wirtschaftlichen Schäden. Kein Weinbaugebiet der Welt ist davon verschont.
Die Symptome sind spektakulär, besonders die apoplektische Form, die bei gesund aussehenden Stöcken in einigen Tagen im Juli und August zum Austrocknen führt. Allgemein betrachtet ist durch solche Rebholzkrankheiten die Lebensdauer der Stöcke beeinträchtigt, und die Produktionskosten steigen durch den regelmäßig notwendigen Ersatz der beschädigten Rebstöcke erheblich an.

Symptome und Pilzerreger
Die Rebe wird vom Mensch seit jeher jährlich zurückgeschnitten, um ihr Wachstum zu steuern und um sie zu bewirtschaften.
Der  Winterschnitt hinterlässt Schnittwunden, die im Gegensatz zu anderen Holzgewächsen nie von der Rinde abgedeckt werden und zu trockenem Holz im inneren der Stöcke führt.
Je größer und tiefer die Schnittwunden sind, desto mehr trockenes Holz wird im Holzinneren aufgebaut. Alle Experten sind sich einig, dass Pilze für das Absterben der Pflanzen verantwortlich sind und dass die Schnittwunden eine Eintrittspforte für diese mikroskopischen Partikel darstellen.
Die Tabelle 1 (siehe folgende Seite) bringt verschiedene Symptombeschreibungen in Verbindung zu spezifischen Pilzarten.
Ausführliche Untersuchungen der Pilzgemeinschaften von erkrankten vierzigjährigen Reben der Sorte Chasselas am Genfer See anhand moderner molekularer Bestimmungsmethoden haben gezeigt, dass viel mehr Pilze in den Stöcken vorhanden sind, als bis dahin beschrieben.
Die ersten Ergebnisse führten zu mehr als 40 Arten, später stieß man sogar auf über 150 Arten. Unter anderem fand man auch Pilzarten, die bei anderen Rebkrankheiten bekannt sind – beispielsweise der Erreger der Schwarzfleckenkrankheit (Phomopsis viticola), der Erreger der Schwarzbeinigkeit (Cylindrocarpon destructans), der für das Absterben von Jungreben (young vine decline) verantwortliche Pilz Cadophora sp. (syn. Phialophora) sowie alle Pilzarten der Tab. 1.
Im selben Chasselas-Rebberg wurden auch gesunde Stöcke und Jungreben aus Edelreisern der gesunden Pflanzen analysiert. Die Pilzarten in Jungreben weichen von denen der erwachsenen Stöcke ab, sind aber bei gesunden und erkrankten Stöcken praktisch identisch (siehe Grafik auf S. 73, Hofstetter et al. 2012). Die Verbindung zu anderen Holzkrankheiten mit spezifischen Symptomen (Tab. 1) ist unklar, da dieselbe Pilzgemeinschaft in den befallenen Stöcken nachgewiesen werden konnte. Dieses Ergebnis zeigt, dass die Rebe wie andere Holzgewächse stets mit Pilzen zusammenlebt und nicht frei von Mikroorganismen sein kann.  

Rebenphysiologie und Krankheiten
Diese Ergebnisse führen unmittelbar zu Fragen: Warum sterben im selben Weinberg gewisse Stöcke ab und andere nicht? Wieso sind manche Gebiete stärker betroffen als andere? In der Schweiz wurde festgestellt dass wüchsige, niederschlagsreiche Terroirs viel anfälliger für Holzkrankheiten sind als weniger wüchsige Lagen mit trockeneren Bedingungen und ärmeren Böden. Diese Beobachtungen sind sortenunabhängig und können mit dem physiologischen Gleichgewicht der Rebe erklärt werden.
Insbesondere spielt die Leitfähigkeit des Wassers in den Leitbündeln eine wesentliche Rolle – sei es der aufsteigende Fluss vom Boden in die oberirdischen Organe, sei es der sinkende Fluss von Assimilaten aus den Blättern in die ganze Pflanze. Verschiedene Faktoren beeinflussen die kontinuierliche Hydraulik der Rebe im Laufe der Zeit und die Regulierung dieser sinkenden und steigenden Flüsse. Zu diesen Faktoren gehören Pilze, Holznekrosen (Rebenschnitt, ausgetrocknetes Holz im Stockinneren), welche die Menge an funktionellem Xylem reduzieren, die Tylose und Sekretion von gummiartigen Substanzen in den Leitgefäßen sowie hohe klimatische Ansprüche, die zum Zusammenbruch der hydraulischen Flüsse führen.
All diese Elemente werden direkt oder indirekt von äußeren Faktoren bestimmt, die der Winzer durch die Bewirtschaftung wesentlich beeinflussen kann. Messungen der Wasserleitfähigkeit unter verschiedenen Bedingungen (Zufferey et al. 2011) haben gezeigt, dass eine Beeinträchtigung der Wasserflüsse zum Absturz der Regelung der Spaltöffnungen der Blätter wegen zu hoher Transpiration führt und als Konsequenz das Risiko von Embolien (Apoplexie) erhöht.

Vorbeugende Maßnahmen
Direkte Bekämpfungsversuche gegen Esca mit Wundverschlussmitteln oder Injektion mit Fungiziden in die Stöcke haben nie zu den erwarteten Ergebnissen geführt.
Bis heute gibt es keine direkten Bekämpfungsmöglichkeiten der Rebholz-Krankheiten, nur vorbeugende Maßnahmen führen zur Reduktion der Schäden, insbesondere in Verbindung mit dem Rebschnitt.
Dies ist physiologisch zu erklären mit der Eigenschaft der Rebe, die Schnittwunden nie zu schließen.
Somit können die Saftbahnen mit den damit verbundenen Wasserflüssen teils oder ganz unterbrochen werden, durch den im Laufe der Zeit zunehmenden Anteil an trockenem Holz.
Schon 1921 wurde in Frankreich als vorbeugende Maßnahme gegen die Holzkrankheiten der Guyot-Poussard-Schnitt beschrieben. Die heute von den italienischen „Preparatori d’Uva“ Simonit & Sirch unterrichtete Methode findet hohen Anklang auf der ganzen Welt und fängt beim Aufziehen der Jungpflanze mit dem Aufbau von zwei Flussbahnen an, die sowohl als einfacher oder doppelter Guyot oder als Kordon-Schnitt entwickelt werden kann.

Tab.1: Rebholzkrankheiten im Überblick

Krankheit

Symptome

Pilzarten

Esca

Apoplexie, Welken, Entfärbung der Blattspreite, Austrocknung, Absterben der Schosse und der ganzen Pflanze

Phaemoniella chlamydospora

Phaeoacremonium aleophylum

Fomitiporia mediterranea

 

Black dead arm (BDA)

langsame Apoplexie, mit Esca sehr ähnliche Symptome, längliches Austrocknung entlang der Saftbahnen von einer Schnittwunde ausgehend

 

Botryosphaeria obtusa

Botryosphaeria parva

Eutypa

schwache Schosse, verformte und chlorotische Blätter, Verrieselung oder Ertragsausfall

Eutypa lata