Südtiroler Landwirt, Politik | 23.07.2015

Vorausgedacht

Viel wird über die Bedeutung der Bergbauern für Südtirols Land(wirt)schaft geredet. Jetzt folgen auch Taten: Ein neuer Aktionsplan für Forschung und Ausbildung in Berglandwirtschaft und Lebensmittelwissenschaften soll ihre Zukunft sichern. von Renate Anna Rubner

Der Südtiroler Berglandwirtschaft eine gute Basis für eine erfolgreiche Zukunft schaffen. Damit befasst sich ein neuer Aktionsplan.

Der Südtiroler Berglandwirtschaft eine gute Basis für eine erfolgreiche Zukunft schaffen. Damit befasst sich ein neuer Aktionsplan.

Südtirols Berglandwirtschaft, das sind kleine Bergbauernhöfe, die meist im
Nebenerwerb als Milchviehbetrieb bewirtschaftet werden. Und das seit Generationen. Nicht wegzudenken, egal ob es um den Erhalt der Kulturlandschaft, die Produktion hochwertiger landwirtschaftlicher Produkte oder um die Pflege von Brauchtum und
Tradition geht. Und obwohl Südtirols Berglandwirtschaft so klein strukturiert ist
und mit vielen Widrigkeiten kämpft, so erfolgreich ist sie doch: Vielfältig und gut
organisiert, so dass sie nicht nur gute Qualität, sondern auch respektable Mengen produziert.

Sonderposition der Südtiroler Berglandwirtschaft erhalten
„Unsere Berglandwirtschaft steht auf einer gesunden Basis“, ist Landesrat Arnold Schuler überzeugt. „Aber sie muss sich weiterentwickeln, weil sich die Rahmenbedingungen ständig ändern“, erklärt er und weist auf den Generationswechsel auf den Bergbauernhöfen hin oder auf das Wegfallen der Milchquoten. Deshalb habe man eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich in den letzten Monaten intensiv damit befasst hat, in welche Richtung sich die heimische Berglandwirtschaft entwickeln soll, damit sie ihre Sonderposition behält und ausbauen kann. Eine Arbeitsgruppe, die aus Vertretern des Versuchszentrums Laimburg, der Freien Universität Bozen (FUB), der Abteilung 22 Landwirtschaftliche Berufsbildung und des Beratungsrings für die Berglandwirtschaft (BRING) zusammengesetzt ist. Welches Gewicht diesem Aktionsplan 2016 bis 2020 nicht nur innerhalb der Landwirtschaft, sondern weit darüber hinaus beigemessen wird, bezeugt der Umstand, dass nicht nur Landwirtschaftslandesrat Schuler, sondern auch Landeshauptmann Arno Kompatscher und Universitätspräsident Konrad Bergmeister bei einigen Treffen der Arbeitsgruppe mit dabei waren und die Entwicklung des Konzeptes persönlich mitbegleiteten.

Dynamisches Arbeitsinstrument
Letzthin wurde der Aktionsplan im Palais Widmann vorgestellt: Eingeladen waren dazu alle so genannten Stakeholder, also all jene Institutionen, die von dem Konzept in irgend einer Weise betroffen sind: Vertreter der Viehverbände und des Sennereiverbandes, des Südtiroler Bauernbundes, der Wein- und Obstwirtschaft, des TIS innovation parcs, der Lebensmittelindustrie und des Speckkonsortiums, des Köcheverbandes und noch mehr. Landesrat Schuler war es zudem ein Anliegen klarzustellen, dass es sich bei dem Konzept um ein dynamisches Instrument handelt, d.h. dass man im Laufe der Umsetzung immer wieder den Dialog mit allen Stakeholdern suchen werde, um eventuelle Korrekturen oder Ergänzungen vornehmen zu können, falls es nötig werden sollte.
Michael Oberhuber, Direktor des Versuchszentrums Laimburg, und Matthias Gauly von der Freien Universität Bozen stellten jeweils ihre Bereiche des Aktionsplanes in Umrissen vor.

Bewährtes mit neuen Impulsen
Michael Oberhuber erklärte: „Eine der Stärken Südtirols ist die Lebensmittelproduktion und Verarbeitung. Deshalb gilt der Schwerpunkt der Forschungsoffensive diesem Bereich.“ Allerdings fehle es noch an Forschungskapazität im Bereich der Berglandwirtschaft und der Lebensmittelbranche. Und das solle sich nun ändern.
Die Schwerpunktprojekte werden in den Bereichen Fleisch, Milch, Stein- und Beerenobst sowie Gemüse, Getreide und Kräuter festgelegt.  Und zwar nicht nur in der Produktion, sondern auch und verstärkt in der Verarbeitung. Dazu sollen die Freie Universität Bozen und das Versuchszentrum Laimburg zunächst die wissenschaftliche Basis erarbeiten, während die Fachschulen, Fachoberschulen sowie die Universität als Aus- und Weiterbildungsinstitutionen die daraus gewonnenen Erkenntnisse weitergeben. Bindeglied zwischen diesen beiden Partnern sollen die Beratungsorganisationen bleiben, die sowohl wissenschaftliche Ergebnisse für die Praxis anwendbar und verwertbar machen, als auch Inputs aus der Praxis in die Forschung tragen sollen.
Soweit greift man mit dem neuen Konzept zwar auf bewährte Strukturen und Vernetzungen zurück, sie sollen allerdings mit neuen Impulsen gefüllt und noch stärker ineinandergreifen. Das war auch der politische Wille hinter dem Projekt. Allerdings wird man sich künftig weiteren Themen widmen, die für die Entwicklung der Berglandwirtschaft von Interesse sind: So wird vor allem am Versuchszentrum Laimburg verstärkt Forschung im Bereich der futterbaulichen Aspekte für die Milch-, aber auch für die Fleischproduktion betrieben werden. Zudem sollen Ergänzungskulturen wie Steinobst, Beerenobst, Gemüse und Getreide stärker in den Fokus des Versuchszentrums gerückt werden.

Mehr Fleisch, aber auch Milchwirtschaft stärken
Matthias Gauly von der Freien Universität Bozen sieht eine Chance für die Berglandwirtschaft in der Fleischproduktion: Deshalb wird sich die Forschung an der Universität mit dem „Tier an sich“ beschäftigen und einerseits die wissenschaftliche Basis für eine erfolgreiche Schlachttierproduktion, vom Rind-, über Schweinefleisch bis hin zum Geflügel, schaffen.
Ein weiterer Schwerpunkt wird aber nach wie vor in der Milchwirtschaft liegen: So soll versucht werden, die In- und Outputs im Milchwirtschaftsbetrieb zu optimieren sowie die Entwicklung von Gemeinschaftsställen und generell der überbetrieblichen Zusammenarbeit zu begleiten, um in der Folge Empfehlungen für die Praxis, die Beratung, aber auch für die politischen Entscheidungsträger aussprechen zu können.
Im Bereich der Lebensmittelwissenschaften werden sich die beiden Forschungsinstitutionen auch stärker vernetzen und gemeinsame Grundlagen schaffen, um zu Lebensmittelqualität und -sicherheit, Lebensmittelprozesstechnik sowie Typizität und Herkunftsnachweis geeignete Verfahren zu entwickeln.

Laufend Erfolg überprüfen
Insgesamt wurde das Konzept sehr positiv aufgenommen. Dass ein konkreter Fahrplan für die Zukunft der Südtiroler Berglandwirtschaft auf dem Tisch liegt und nach Absegnung durch die Landesregierung sofort umgesetzt werden kann, fand allseits Beifall. Trotzdem wurde nach der Vorstellung des Aktionsplans 2016 bis 2020 angeregt diskutiert. Arnold Schuler, Michael Oberhuber und Matthias Gauly standen Rede und Antwort.
Leo Tiefenthaler, Obmann des Südtiroler Bauernbundes, regte an, die Forschung nicht nur auf die Primärproduktion zu beschränken, sondern auch im Dienstleistungsbereich auszubauen, zum Beispiel auf „Urlaub auf dem Bauernhof“. Zudem sei in der Primärproduktion das Holz als Brenn- und Werkstoff nicht zu vergessen. Dem stimmte auch Landesrat Schuler zu. Es sei ihm ein großes Anliegen, die Kreisläufe besser zu schließen. Schließlich sei der Wald für Südtirol typisch und prägend.
Michael Oberhuber versuchte zu erklären, dass man bei den Forschungsschwerpunkten Prioritäten habe setzen müssen, weshalb nicht alle Bereiche berücksichtigt werden konnten. Er wies aber darauf hin, dass Forschung weltweit vernetzt sei. „Wir konzentrieren uns auf unsere Stärken, aber Forschung passiert überall und wir stehen in ständigem Austausch mit anderen Forschungsinstitutionen“, sagte er und betonte noch einmal, dass das Konzept eine Grundlage sei, auf deren Basis man künftig arbeiten könne. „Was die Schwerpunkte anlangt, sind wir aber auf Inputs von euch allen angewiesen“, appellierte er an die Anwesenden. So wolle man den Erfolg während der Umsetzung laufend überprüfen und eventuelle Richtungsänderungen vornehmen, falls nötig und erwünscht.
Ulrich Höllrigl, Vizedirektor des Südtiroler Bauernbundes, nahm auf den Schwerpunkt Viehwirtschaft Bezug: So seien bei den Gemeinschaftsställen vor allem die Risikofaktoren zu beleuchten. Dem pflichtete auch Matthias Gauly zu: „Die Risikobewertung wird dabei sicher im Vordergrund stehen“, erklärte er. Man werde bei diesen Themen gemeinsam mit dem Südtiroler Bauernbund Lösungsansätze erarbeiten. Ulrich Höllrigl begrüßte das und unterstrich, dass sich der Südtiroler Bauernbund in der Umsetzung des Konzeptes gern einbringen wolle.

Zusatzfinanzierung gesichert
Auf die Finanzierung der neuen Forschungs­offensive angesprochen, beteuerte Landesrat Schuler, dass für das Projekt eine Zusatzfinanzierung aufgebracht werden konnte. „Ich garantiere, dass von bereits bestehenden Versuchs- und Forschungsschwerpunkten keine Gelder abgezogen werden!“, unterstrich er. Auch das sei ein Zeichen dafür, wie prioritär das Thema Berglandwirtschaft innerhalb der neuen Landesregierung angesehen werde.

Vermarktung und Ökologisierung
Damit konnte Landesrat Schuler die größten Bedenken der Anwesenden beseitigen. Aber auch an anderen Stellen drückt offenbar der Schuh: So wurde mehrfach betont, dass es nicht reiche, die Produktion von landwirtschaftlichen Produkten und deren Verarbeitung zu forcieren, man müsse vor allem auch das Marktpotential und die Vermarktung an sich im Auge behalten. Denn darin bestehe oft die größere Schwierigkeit. Reinhard Steger, Obmann des Köcheverbandes, sieht dieses Problem nicht: „Für hochwertiges Fleisch gibt es viel Nachfrage. Der Kunde ist auch bereit, mehr dafür zu bezahlen“, sagte er. Auch Michael Oberhuber erklärt: „Mit rund 30 Millionen Nächtigungen pro Jahr hat Südtirol ein gutes Absatzpotential.“ Und Matthias Gauly ergänzte, dass man ja nicht für den Export produzieren wolle, sondern das Potential bedienen wolle, das es im Land gibt. „Ziel ist es, ein kontinuierliches Angebot mit hoher Qualität zu schaffen und die entsprechenden Nischen voll auszunutzen“, sagte er.
Auch eine stärkere Ökologisierung wurde thematisiert, und zwar von mehreren Seiten. So wurde klar, dass man insgesamt keine stärkere Intensivierung der Landwirtschaft wolle, sondern mehr Nachhaltigkeit und mehr Achtsamkeit in Bezug auf die Umwelt. Das findet auch bei Landesrat Arnold Schuler Zustimmung. Allerdings erachtet er es als sinnvoll, die Entwicklungen geschehen zu lassen, ohne Zwänge aufzuerlegen: „Es findet ein Umdenken statt, und das ist gut so. Aber wir dürfen keine Schwarz-Weiß-Malerei betreiben, auch der Integrierte Anbau  ist nachhaltig!“, erklärte er.