Südtiroler Landwirt, Produktion | 25.06.2015

Gut durch den Almsommer

Wie gut sind verschiedene Milchkuhrassen für die Alpung geeignet und wie notwendig ist Ergänzungsfütterung? Das war die zentrale Frage einer Masterarbeit an der BOKU Wien, die gemeinsam mit dem Sennereiverband Südtirol entstand. Hier die wichtigsten Ergebnisse. von Fridolin Schwarz

Welche Rassen die besten Voraussetzungen für den Almsommer mitbringen und was sie auf der Alm brauchen, hat ein Student im vergangenen Sommer auf mehreren Almen im Obervinschgau untersucht.

Welche Rassen die besten Voraussetzungen für den Almsommer mitbringen und was sie auf der Alm brauchen, hat ein Student im vergangenen Sommer auf mehreren Almen im Obervinschgau untersucht.

Die anhaltende Leistungssteigerung durch Zuchtfortschritt und die damit verbundene, erhöhte Nährstoffversorgung stellen die Eignung von Milchkühen für die Sömmerung zunehmend in Frage.
In Österreich stieg die durchschnittliche Milchleistung der Kontrollkühe laut Daten der Zentralen Arbeitsgemeinschaft Österreichischer Rinderzüchter seit 1950 von 3000 Liter auf knapp 7000 Liter an. Futterqualität und -menge sind auf extensiven Almstandorten gegenüber den Talstandorten vermindert. Zusätzlich ist aus Forschungsarbeiten bekannt, dass gesömmerte Milchkühe im Vergleich zu nicht gesömmerten Milchkühen einen höheren Energiebedarf aufweisen.
Um Kühe mit heutigem Milchleistungspotential auch auf den Almen leistungsgerecht zu füttern, wird häufig versucht, den Tieren Ergänzungsfutter in größeren Mengen zur Verfügung zu stellen. Aus ökologischer Sicht ist der daraus resultierende Nährstoffimport in das Almsystem stark umstritten. Um eine nachhaltige Almbewirtschaftung anzustreben, sollte die Futterration der Almkühe vor allem durch die Almweiden gedeckt werden. Dies stellt wegen unvermeidlicher Phasen mit knapper Versorgungssituation hohe Anforderungen an Robustheit und Stoffwechselstabilität der Milchkühe.

Feldstudie im oberen Vinschgau
Im Rahmen einer Masterarbeit an der BOKU Wien in Zusammenarbeit mit dem Sennereiverband Südtirol wurde im Sommer 2014 eine Feldstudie auf 13 Almen im Obervinschgau auf etwa 2000 Metern Meereshöhe umgesetzt. Ziel der Arbeit war es, zu untersuchen, wie gut sich Milchkühe mit heutigem Leistungsniveau an Herausforderungen in Zusammenhang mit der jährlichen Alpung anpassen können. Dazu wurden 468 Milchkühe der Rassen Braunvieh, Fleckvieh und Grauvieh auf die Veränderungen der Körperkondition und des physiologischen Status untersucht. Zusätzlich wurden die Milchkühe in drei Kraftfutterklassen eingeteilt. Körperkondition, Brustumfang und Milchinhaltsstoffe wurden zu zwei Messterminen in der ersten und fünften Woche nach Almauftrieb erfasst. Durch die Veränderungen der erhobenen Merkmale zwischen den beiden Messterminen wurden Rückschlüsse auf die Eignung bzw. die Anpassung der Rassen, von Kühen in unterschiedlichem Laktationsstadium und der Notwendigkeit einer Ergänzungsfütterung gezogen.

Frisch laktierende Kühe eher nicht auftreiben
Durch die Veränderungen der Body Condition Score (BCS)-Werte zwischen beiden Messterminen lassen sich klare Vorteile der Rassen Grauvieh und Fleckvieh erkennen. Selbst bei relativ frisch laktierenden Grauvieh- und Fleckvieh-Kühen lagen die BCS-Veränderungen nahe Null oder im positiven Bereich, während die Veränderungen der Braunvieh-Kühe im negativen Bereich waren (Abb. 1). Das Grauvieh zeigte keine gesicherten Veränderungen der erhobenen Merkmale zwischen dem ersten und dem zweiten Messtermin, was auf eine gute Anpassungsfähigkeit dieser Rasse an die Alpsituation schließen lässt.
Die Veränderung der Milchfettgehalte zeigte keinen rassenspezifischen Unterschied, jedoch konnte eine deutlich stärkere Abnahme des Milchfettgehaltes für frisch laktierende gegenüber spät laktierenden Kühen aufgezeigt werden (Abb. 2). Offenbar kann das Milchleistungspotential mit der vorzufindenden Futterration nicht ausgeschöpft werden, wodurch sich der Milchfettgehalt in den ersten Wochen nach dem Almauftrieb vermindert. Energiemangelerscheinungen und daraus resultierende Ketose-Erkrankungen können die Folge sein. Anhand des relativ hohen Fett-Eiweiß-Quotienten (FEQ) von frisch laktierenden Fleckvieh- und insbesondere Braunvieh-Kühen muss für diese auf einen starken Energiemangel zu Beginn der Alpung geschlossen werden (Abb. 3).
Die Veränderungen des FEQ zwischen den beiden Messterminen weisen darauf hin, dass Milchkühe, die im letzten Drittel der Laktation auf die Almen aufgetrieben wurden, einer geringeren metabolischen Belastung ausgesetzt waren als Milchkühe bei einem Auftrieb zu einem früheren Zeitpunkt. Bei der Auswertung der Ergänzungsfütterung zeigte sich, dass kein Unterschied erkennbar war, ob den Kühen zusätzlich zum Weidegang ein oder zwei Kilogramm Kraftfutter pro Tag zur Verfügung standen. Erst relativ hohe Kraftfuttergaben von durchschnittlich vier Kilogramm und zusätzliche Heufütterung konnten den Auswirkungen der Alpung entgegenwirken. Die Körperkondition konnte bei diesen Kühen sogar gesteigert werden.

Milchleistung nahezu gleich
Die Milchleistungsdaten konnten nicht genau erfasst werden, da die Milchmengenmessung auf jeder Alm unterschiedlich gehandhabt wurde. Aus früheren Forschungsarbeiten zur Alpung von Milchkühen geht allerdings hervor, dass die Milchleistung im Verlauf der Sömmerung sehr stark abnimmt und die Abnahme vor allem vom Milchleistungspotential der Milchkühe abhängig ist. In der vorliegenden Feldstudie konnte auf sieben Almen eine mittlere Tagesmilchmenge in den ersten fünf Wochen nach Almauftrieb bestimmt werden. Dabei zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Rassen: Braunvieh-Tiere kamen auf 15,2 kg/Tag, Fleckvieh-Tiere auf 15,4 kg/Tag und Grauvieh-Kühe auf 14,5 kg/Tag.

Fleckvieh und Grauvieh mit Vorteilen
Es zeigt sich, dass vor allem frisch laktierende Kühe einer deutlich negativen Energiebilanz sowie einer erhöhten Ketosegefahr unmittelbar nach dem Almauftrieb ausgesetzt sind. Ein Almauftrieb zum 200. Laktationstag scheint den negativen Auswirkungen einer Alpung von Milchkühen entgegenzuwirken und auch aus ökonomischer Sicht sinnvoll zu sein, da jeder spätere Zeitpunkt zu einer geringeren Gesamtmilchleistung über die Sömmerungszeit führen könnte.
Die Ergebnisse für die Körperkondition zeigen, dass die auf Doppelnutzung gezüchteten Kuhtypen der Rassen Fleckvieh und Grauvieh besser mit der Almsituation zurecht kommen, als die stärker auf Milchleistung gezüchtete Rasse Braunvieh. Die um mehr als 150 kg leichteren Grauvieh-Kühe waren in den weiteren untersuchten Merkmalen den anderen beiden Rassen zumeist überlegen. Da die Untersuchungen dieser Feldstudie auf unterschiedlichen Almen vorgenommen wurden, die sich zwar in einer Region befanden, sich aber dennoch in ihrer Exposition, Weidegröße und Weidesystem unterschieden, muss darauf hingewiesen werden, dass die Ergebnisse im Einzelfall abweichen können. Diese Resultate gelten speziell für die Region Obervinschgau, können aber auch auf andere Berggebiete mit ähnlichen klimatischen Bedingungen und einer Vegetation wie im Obervinschgau – sehr niederschlagsarm, kurze Vegetationszeit auf Höhenlagen von 2000 Metern – übertragen werden.

Rund um 200. Laktationstag auftreiben
Für Betriebe, die die Möglichkeit haben, ihre Kühe anhand des Laktationstages für die Alpung zu selektieren, empfiehlt es sich Kühe zu wählen, die sich zum Zeitpunkt des Almauftriebes um den 200. Laktationstag befinden. Betriebe, die den kompletten Tierbestand sömmern, könnten mit einer saisonalen Abkalbung – wie sie in Irland und Neuseeland unter Vollweidebedingungen praktiziert wird – Erfolg haben. Dabei sollte versucht werden, die Abkalbungen zwischen November und Dezember zu konzentrieren, um den optimalen Zeitpunkt des Laktationstages zum Almauftrieb für die Sömmerung zu treffen. Eine weitere Möglichkeit wäre eine kleinrahmige, leichte Rasse zu halten, wie die in dieser Feldstudie untersuchte Rasse Grauvieh. Kleinrahmige autochthone Robustrassen konnten sich durch jahrelange Haltung und Zucht in bestimmten Regionen sehr gut an die vorzufindenden Alpweiden anpassen. Aufgrund ihres geringeren Gewichts und Milchleistungspotentials scheinen diese Kühe mit der Almsituation trotz eingeschränkter Ergänzungsfütterung zurechtzukommen.
In welchem Maße Stoffwechselstörungen bei Almkühen durch die Höhe der Ergänzungsfütterung entgegengewirkt werden kann, konnte leider nicht beantwortet werden.  Ob Körperkondition allerdings durch sehr hohe Kraftfuttergaben in der Alpungsphase gesteigert werden muss, ist sicher zu hinterfragen. Zusätzlich ist aus weiteren Forschungsarbeiten bekannt, dass hohe Kraftfuttergaben negative Auswirkungen auf die Umwelt und auf die Käsequalität zeigen.
Aufgrund der Ergebnisse ist zu empfehlen, eine zum Standort passende Kuh zu züchten, die nicht zu schwer ist und mit wenig Kraftfutter auskommt; außerdem sollte sie eine flache Laktationskurve und somit eine hohe Persistenz aufweisen. Dadurch kann auch eine angemessene Gesamtmilchleistung während der Alpungsphase erreicht werden. Ziel wird es deshalb in Zukunft sein, Kühe zu wählen, die sich nach der Alpzeit gut, das heißt ohne Folgeerkrankungen, in den Heimbetrieb eingliedern können. In der vorgestellten Arbeit konnte aufgezeigt werden, an welchen Stellschrauben gedreht werden kann, um auch in Zukunft gesunde Milchkühe für die Pflege der Almen bereitstellen zu können. Mehr Infos unter www.boku.ac.at/nuwi