Südtiroler Landwirt, Betriebsberatung | 25.06.2015

Gut überlegt investieren

Wer baut, sollte sich nicht übernehmen. Die Bauernbund-Betriebsberatung erklärt: Wie man nicht nur den Bau am Hof gut plant, sondern auch dessen Finanzierung. von Hermann Stuppner, SBB-Betriebsberatung

Baustelle am Hof: Mit einem Finanzplan kann man vermeiden, sich bei den Kosten zu übernehmen.

Baustelle am Hof: Mit einem Finanzplan kann man vermeiden, sich bei den Kosten zu übernehmen.

Wohn- oder Wirtschaftsgebäude bauen, größere Maschinen kaufen, neue Anlagen erstellen: Jeder landwirtschaftliche Betrieb steht irgendwann vor solch kapitalintensiven Vorhaben. Im Idealfall beansprucht er dazu die angehäuften Kapitalreserven. Meist jedoch braucht er einen gewissen Anteil an Fremdkapital. Insbesondere wenn ein Kredit beansprucht wird, ist eine durchdachte Finanzierungsplanung besonders wichtig. Diese soll mehrere Aufgaben erfüllen: Sie muss eine nachhaltige Betriebsentwicklung gewährleisten, gleichzeitig aber auch die bäuerliche Familie finanziell ausreichend versorgen.
Die Finanzierung eines Investitionsvorhabens sollte genauso gründlich geplant werden wie dessen Ausführung. Dementsprechend ist eine exakte Kalkulation des Gesamtkapitalbedarfs und der benötigten Finanzierung notwendig. Die Kosten können durch verfügbare Eigenmittel (Eigenkapital und Eigenarbeit), Förderungen und Fremdkapital gedeckt werden. Ein gründlicher Finanzierungsplan gibt Aufschluss über die Umsetzbarkeit des Bauvorhabens und soll Folgeproblemen in Form von Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit vorbeugen.
In der Praxis zeigt sich oftmals eine gegenteilige Situation: Zwar wird das Vorhaben bis ins letzte Detail geplant, mit den Kosten und deren Deckung beschäftigt man sich erst kurz vor der Umsetzung. Vor allem überdimensionierte Bau- und Investitionsvorhaben in Hinblick auf die betriebliche Leistungsfähigkeit, fehlende Eigenmittel, ungünstige Kreditkonditionen und eine zu geringe Rückzahlungsfähigkeit im Verhältnis zum Einkommen und den Lebenserhaltungskosten der bäuerlichen Familie bringen immer wieder große Schwierigkeiten mit sich.

Von der Kostenschätzung zur Kostenaufstellung
Die Umsetzungs- und Finanzierungsplanung eines Vorhabens sollten daher eng aufeinander abgestimmt werden. Wesentliche Elemente sind einerseits eine realistische Abschätzung aller Investitionskosten samt Reserven für mögliche Zusatzinvestitionen und Kostensteigerungen einerseits und andererseits genaue Kenntnisse der finanziellen Möglichkeiten. V.a. bei Bauvorhaben hilft eine kontinuierliche Kostenplanung, den Überblick zu wahren. Je näher die Umsetzung rückt, desto detaillierter sollten die Kosten erhoben werden: In der Vorplanung bedarf es einer überschlägigen Kostenschätzung, während der Entwurfsplanung einer Kostenberechnung und vor der effektiven Umsetzung einer detaillierte Kostenaufstellung. So kann der Bauherr die Realisierbarkeit und Zusatzinvestitionen anhand der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel abwägen. Eine laufende Kostenüberwachung während der Bauphase verhindert ein böses Erwachen bei der Endabrechnung.
Den zu erwartenden Kosten können so ständig die notwendigen und verfügbaren Finanzierungsquellen gegenübergestellt werden. Dazu zählen insbesondere folgende Punkte.

Eigenkapital
Das Eigenkapital setzt sich in erster Linie aus bestehenden Bank- und Sparguthaben zusammen. Neben diesen können anstehende Verkäufe – z.B. Wertpapiere, Aktien, Investmentfonds, Liegenschaften – oder Rückzahlungen von Geldforderungen zu einer Eigenkapitalaufstockung führen.

Eigenleistung
Die während eines Vorhabens erbringbare Eigenleistung kann als Eigenkapitalersatz angesehen werden. Um die Leistung angemessen berücksichtigen zu können, sollte diese quantifiziert und mit einem entsprechenden Geldwert versehen werden. Verfügbare Arbeitszeit und Können müssen hierzu in realistischem Ausmaß bemessen und dürfen nicht überschätzt werden.
Die Leistung des Fachmanns kann meist nicht vollkommen ersetzt werden. Die Eigenleistung sollte folglich dort eingebracht werden, wo effektiv Kosten eingespart werden können. Werden Arbeiten vollkommen in Eigenregie ausgeführt, sind die dafür notwendigen Materialkosten nicht zu vernachlässigen. Zu berücksichtigen ist außerdem, dass der reduzierte Mehrwertsteuersatz auf das Rohmaterial nicht immer angewandt werden kann.

Förderungen
Anspruch, Art und Höhe von Beiträgen sollten bereits in der Planungsphase genauestens bekannt sein, um im Finanzierungsplan ausreichend Berücksichtigung zu finden. Im Normalfall vergeht eine gewisse Zeit, bis man den Anspruch und die Höhe des Beitrags kennt. Daher gilt: Frühzeitig ansuchen und rechtzeitig an eine Vorfinanzierung durch eine Bank denken. Alternativ kann man mit der Bauausführung warten, bis der Beitrag gewährt ist.

Fremdkapitalbedarf
Aus der Differenz zwischen den Gesamtkosten und den vorhandenen Eigenmitteln sowie den Förderungen ergibt sich schlussendlich der Fremdkapitalbedarf. Wichtigste Kreditinstitute der Südtiroler Landwirtschaft stellen die lokalen Banken dar. Da die Konditionen zwischen den einzelnen Instituten variieren, ist es ratsam, mehrere Angebote einzuholen. Die Banken legen die individuellen Darlehenskonditionen anhand einer Risikobewertung fest: Je besser die betriebliche Ausgangsposition, desto geringer ist das Risiko für das Kreditinstitut und desto günstigere Konditionen kann es gewähren.
Ein vollständiger Finanzierungsplan ist hierzu von grundlegender Bedeutung. Dieser sollte neben der Fremdkapitalermittlung auch einen Ausblick auf die Entwicklung der Einkommens- und Ausgabensituation über die Kreditlaufzeit geben. Neben Erlösen und Produktionskosten aus den betrieblichen Tätigkeitsfeldern stellen außerlandwirtschaftliches Einkommen und Privatentnahmen für den Unterhalt der bäuerlichen Familie die wesentlichen Posten dar. Auch sollten bereits vorhersehbare, notwendige Investitionen – z.B. der Ankauf von Maschinen – ausreichend berücksichtigt werden.
Einnahmen und Kosten können so gegenübergestellt und die Kapitaldienstfähigkeit ermittelt werden. Im Umkehrschluss ergeben sich aus diesen Daten die maximale Rückzahlungsfähigkeit und das maximal tragbare Investitionsvolumen für den landwirtschaftlichen Betrieb.
Nicht oder nur schwer finanzierbare Investitionen sollten frühzeitig erkannt und vermieden bzw. alternativ umgesetzt werden. Besonders nach der Fertigstellung sollte das Vorhaben der bäuerlichen Familie viele Jahre Freude bereiten und eine gesicherte Lebensgrundlage bieten. Mit einem durchdachten Finanzierungsplan können sie die Wahrscheinlichkeit einer sicheren und überschaubaren Investition wesentlich steigern.

Beratung: Mehrere Anlaufstellen
Informationen zur Erstellung eines Finanzierungsplans erhalten Sie in der Bauernbund-Abteilung Betriebsberatung (Tel. 0471 999439 oder betriebsberatung@sbb.it). Zudem helfen die Bauernbund-Finanzierungsberater (Kontaktaufnahme: Abteilung Betriebsberatung oder Bezirksbüros) bei der Vorbereitung und Begleitung von Bankgesprächen und überprüfen die Darlehensverträge.
Ein Abkommen des Bauernbundes mit der Garantiegenossenschaft CreditAgri Italia ermöglicht landwirtschaftlichen Betrieben zudem eine Unterstützung bei der Kreditvergabe. Gemeinsam mit dem landwirtschaftlichen Betrieb erarbeitet CreditAgri eine von der Bankenvereinigung (ABI) zertifizierte Betriebs­einschätzung und einen detaillierten Finanzierungsplan. Informationen dazu erhalten Sie in den Bezirksbüros und der Abteilung Betriebsberatung des Südtiroler Bauernbundes oder direkt in der Filiale von CreditAgri Italia in Bozen (Tel. 0471 923348).