Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 25.06.2015

Überraschend viel Übereinstimmung

Zwei Umfragen liefern die Daten für einen interessanten Vergleich: Wie schätzt die Südtiroler Bevölkerung unsere Landwirtschaft, und wie sehen sich die Bauern selbst? Zu einem großen Teil stimmen Selbst- und Fremdbild überein, in einigen Punkten aber gehen die Meinungen deutlich auseinander. von Ulrich Höllrigl, SBB-Vizedirektor

Offene Stadeltür beim Bauernhof-Sonntag: Der Dialog mit der Bevölkerung wird immer wichtiger, um das Wissen über die Landwirtschaft zu wahren.

Offene Stadeltür beim Bauernhof-Sonntag: Der Dialog mit der Bevölkerung wird immer wichtiger, um das Wissen über die Landwirtschaft zu wahren.

Die Südtiroler Bevölkerung steht mehrheitlich hinter Pflanzenschutz und Almerschließungen mit Augenmaß. Dies war eines der überraschenden Ergebnisse eines Umfragen-Vergleichs des Südtiroler Bauernbundes zwischen Selbst- und Fremdbild zur Südtiroler Landwirtschaft (s. Grafik S. 5).

Unterschied bei Förderungen
Der Vergleich zeigte: In vielen Fragen stimmen die Meinungen aller Südtiroler mit jenem der Bauern über sich selbst überein.
In anderen Fällen aber geht die Einschätzung weit auseinander. So glauben immerhin 43 Prozent der Südtiroler, dass die Bauern zu viele Förderungen erhalten, unter den Bauern dagegen sind es nur sieben Prozent. Ebenso deutlich unterscheiden sich die Einschätzungen zur Frage: „Geht es den Bauern im Vergleich zu Arbeitern und Angestellten zu gut?“ Nur zwölf Prozent der Bauern sehen dies so, sehr wohl aber 43 Prozent der Südtiroler.
Daraus kann man schließen: Ein Teil der Südtiroler glaubt, die Landwirtschaft sei sehr einträglich und zu stark gefördert. Aus Sicht der Bauern sieht dies anders aus: Sie sind überzeugt, dass die Mehrheit der landwirtschaftlichen Betriebe nicht ohne Zu- und Nebenerwerbe als zusätzliche Einkommensstandbeine auskommt: 88 Prozent der befragten Bauern geben an, dass Bauern ein zweites berufliches Standbein brauchen. Von den Südtirolern sind 60 Prozent dieser Meinung.

Südtiroler sehen positive Zukunft
Die Frage „Ist die Landwirtschaft auch für zukünftige Generationen interessant?“ galt den Zukunftsaussichten: Beide Befragtengruppen betrachten diese sehr positiv. Inte­ressant ist vor allem: Die Südtiroler schätzen die Aussichten für die Südtiroler Landwirtschaft sogar noch positiver ein (89 %) als die Bauernbund-Mitglieder (75 %).

Zustimmung bei Pflanzenschutz und Almerschließung
Überraschende Ergebnisse liefert die Umfrage bei kritischen Themen wie Pflanzenschutz oder Almerschließung. So stimmt eine klare Mehrheit der Bauern (75 %) der Frage „Ist ein gewisses Maß an Pflanzenschutzmitteln notwendig?“ zu. Aber auch 64 Prozent der Südtiroler (64 %) sehen dies so. Sehr nahe liegen die Einschätzungen zur Frage „Ist die Erschließung von Almen notwendig?“ beieinander: 80 Prozent der Bauern und 75 Prozent der Südtiroler stimmen zu.
Die öffentliche Meinung sieht also mehrheitlich die Notwendigkeit von Pflanzenschutz und begründeten Almerschließungen vor. Die in den Medien veröffentlichte Meinung vermittelt oft ein deutlich anderes Bild.

Landwirtschaft der Zukunft
Wenn es um die Landwirtschaft der Zukunft geht, decken sich die Erwartungen der Bauernbund-Mitglieder in groben Zügen mit jenen der Südtiroler Bevölkerung: so bei den Themen krisensichere Ernährung der Bevölkerung, Erzeugung von Qualitätslebensmitteln, Pflege der Kulturlandschaft, Brauchtum oder Erhalt von landwirtschaftlichen Nutzflächen. Die Zustimmung bei beiden Befragtengruppen liegt jeweils jenseits der 90 Prozent. Auch die gentechnikfreie Erzeugung von Lebensmitteln wird ganz klar weiterhin erwartet.
Auch bei folgenden Themen stimmen Bauern und Südtiroler überein, und zwar mit Werten durchwegs über 90 Prozent: Sicherung der Arbeitsplätze im ländlichen Raum, gerade in vor- und nachgelagerten Bereichen der Landwirtschaft sowie Reduzierung von Naturgefahren wie Überschwemmungen und Vermurungen durch die Pflege der Landschaft.
Einige Fragen brachten aber auch sehr unterschiedliche Erwartungen an die Südtiroler Landwirtschaft von morgen zutage. Besonders interessant dabei: Die Südtiroler schätzen die Erzeugung erneuerbarer Energien durch die Landwirtschaft wichtiger ein als die Bauern selbst.
Auch in puncto „Steigerung des Exports landwirtschaftlicher Produkte“ sind Abweichungen zu beobachten. Die Bauern – besonders die Obst- und Weinbauern – halten den Export für wichtiger als Herr und Frau Südtiroler. Für 83 Prozent der Bauern ist dies ein vordringliches Ziel, aber nur 69 Prozent der Südtiroler halten es für wichtig, dass die Landwirtschaft mehr Lebensmittel in andere Länder ausführt. Daraus könnte man schließen, dass für die Südtiroler die regionalen Kreisläufe in Zukunft eine größere Rolle spielen sollten. Es könnte aber auch heißen, dass die Südtiroler Landwirtschaft ihre bereits bestehende Exportorientierung der Bevölkerung noch besser vermitteln sollte.

Beide wollen Tier und Umwelt schützen
Eine große Erwartung an die Landwirtschaft von morgen ist ein verbesserter Tier- und Umweltschutz. 92 Prozent der Südtiroler sehen dies als sehr wichtig oder wichtig an, aber auch 79 Prozent der Bauern.
Allerdings klaffen hier Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Trotz ihrer hohen Erwartungen an den Tier- und Umweltschutz ist ein beachtlicher Teil der Bevölkerung nicht bereit, für Mehrleistung auch mehr zu zahlen: Immerhin 46 Prozent der Südtiroler sind der Meinung, dass die von der Südtiroler Landwirtschaft produzierten Lebensmittel billiger werden sollten. Dieser Meinung sind nur 14 Prozent der Bauern.
Dabei scheint es aus Bauernsicht klar: Ein Mehr an Tier- und Pflanzenschutz verursacht Mehrkosten. Und die sollte der Markt dann auch abgelten!

Weiterhin viel Rückendeckung
Insgesamt stimmen die Einstellungen der Bauern und Südtiroler in vielen Bereichen überein. Dies bestätigt, dass die Mehrheit der Südtiroler Gesellschaft nach wie vor hinter der Landwirtschaft steht. Die  Vorstellungen, wie Landwirtschaft in  Südtirol funktionieren soll, decken sich weitgehend.
In einigen Feldern wird die Landwirtschaft aber durchaus Überzeugungsarbeit leisten müssen. So legen die Ergebnisse der beiden Studien und ihre Gegenüberstellung nahe, dass der Südtiroler Bauernbund gemeinsam mit bäuerlichen Organisationen und landwirtschaftlichen Umfeldorganisationen den Dialog mit der Südtiroler Gesellschaft fortsetzen und vertiefen soll. Immer mehr Bürger sind immer weniger nah dran an der Landwirtschaft. Es geht also in zunehmendem Maße darum, den Bürgern die moderne Landwirtschaft und ihre Anliegen zu vermitteln. Es geht aber auch darum, die Anliegen der Bevölkerung ernst zu nehmen und die Landwirtschaft im Rahmen des in der Praxis Möglichen ständig weiterzuentwickeln.


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Die Umfragen im Vergleich

Im Sommer 2014 hat das Meinungsforschungsinstitut IMAD die Südtirolerinnen und Südtiroler zu ihrer Einschätzung der Landwirtschaft und zu ihren Erwartungen an die Landwirtschaft befragt. Dieselben Fragen hat der Südtiroler Bauernbund
(siehe ausführlich im „Südtiroler Landwirt“ Nr. 10) im vergangenen Winter auch seinen eigenen Mitgliedern gestellt.
Beide Umfragen sind repräsentativ. Damit ist es möglich, die Selbsteinschätzung der Landwirte mit jenem Bild zu vergleichen, das Herr und Frau Südtiroler von der Landwirtschaft haben. Je nach Fragestellung liegen die Einschätzungen eng beieinander oder weit auseinander.

IMAD-Befragung
- Auftraggeber: Tiroler und Südtiroler Bauernbund
- Untersuchungszeitraum: Juni/Juli 2014
- Art der Befragung: telefonische Befragung
- Auswahl Befragte: Zufallsprinzip
- Erreichte Interviews: 500

Mitgliederbefragung
- Auftraggeber: Südtiroler Bauernbund
- Untersuchungszeitraum: 19. Dezember 2014–16. Februar 2015
- Art der Befragung: schriftlicher Fragebogen
- Auswahl Befragte: Zufallsprinzip
- Erreichte Interviews: 827