Südtiroler Landwirt, Politik, Bauernbund | 15.06.2015

Rezepte heißen Zusammenarbeit und Innovation

Die Globalisierung, der demographische Wandel und die sinkenden öffentlichen Haushalte: Der ländliche Raum steht vor großen und vielfältigen Herausforderungen. Wie man darauf am besten reagiert, war am Samstag in Tramin Thema bei der ersten Tagung der Plattform Land zum Thema „Netzwerke im ländlichen Raum“. von Michael Deltedesco

Der ländliche Raum ist Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum sowie die Grundlage für die Lebensmittelproduktion und den Tourismus. (Foto: Thommy Weiss/www.pixelio.de)

Der ländliche Raum ist Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum sowie die Grundlage für die Lebensmittelproduktion und den Tourismus. (Foto: Thommy Weiss/www.pixelio.de)

Die Attraktivität des ländlichen Raumes zu stärken, ist das Ziel der Plattform Land, erklärte der Sprecher der Plattform, Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler. Gegründet im Herbst 2013 vom Südtiroler Bauernbund und dem Südtiroler Gemeindenverband, gehören der Plattform heute die Landesressorts für Wirtschaft sowie Landwirtschaft, die Handelskammer Bozen, die Verbände hds, HGV, lvh und UVS sowie der Raiffeisenverband Südtirol an.

Politik hat Bedeutung früh erkannt
Dass der ländliche Raum in Südtirol besser dasteht als in vielen anderen Regionen des Alpenraumes, sei der Politik der letzten Jahrzehnte zu verdanken. „Sie hatte rechtzeitig erkannt, dass der ländliche Raum letztlich jeden von uns etwas angeht“, unterstrich der Gemeindeverbandspräsident und Vizesprecher der Plattform Andreas Schatzer auf der Tagung in der Kellerei Tramin. Wohl auch, weil der ländliche Raum in Südtirol eine besondere Bedeutung hat, ergänzte Tiefenthaler: „Der ländliche Raum ist Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum sowie die Grundlage für die Lebensmittelproduktion und den Tourismus. Wesentlich für die Attraktivität ist das Vorhandensein von Arbeitsplätzen.“ 

Breitbandnetz zügig ausbauen
Auch deshalb stehe der ländliche Raum für die Politik weiterhin ganz oben auf der Agenda, sicherte Landeshauptmann und Plattform-Mitglied Arno Kompatscher zu: „Der Erhalt des ländlichen Raumes ist die Herausforderung der Zukunft. Wir werden die Geldmittel für die Instandhaltung des Wegenetzes aufstocken. Das Breitbandnetz, die Straße des 21. Jahrhunderts, soll zügig ausgebaut werden. Aber auch in soziale Strukturen wollen wir weiterhin stark investieren.“ Zudem soll es Anreize für Unternehmen geben, die Arbeitsplätze in strukturschwachen Gebieten schaffen. Gestärkt werden könnte der ländliche Raum durch die Verlagerung von öffentlichen Diensten: „Dank des Breitbandes können diese Dienste in Zukunft auch außerhalb der Zentren angesiedelt werden“, betonte Kompatscher. 
Recht erfolgreich ist die Unterstützung der kleinen Nahversorger in der Peripherie durch die Landesregierung. „Diese könnte sogar noch verbessert werden“, ließ der Landeshauptmann durchblicken. Er machte aber auch klar: Die Landespolitik könne nur die Rahmenbedingungen schaffen. Dann liege es an den Gemeinden und den Privaten vor Ort, aktiv zu werden. 

Vielfältige Herausforderungen
Wo liegen zukünftig die größten Herausforderungen für den ländlichen Raum? Für Univ-Prof. Gerlind Weber von der Universität für Bodenkultur in Wien sind dies die Globalisierung, der demographische Wandel, die Teilhabe an der Wissensgesellschaft und die eingeschränkten Finanzierungsspielräume: „Die Globalisierung führt zu einem Wettbewerb zwischen den Standorten, der auch den ländlichen Raum betrifft. Dieser steigenden Konkurrenz kann durch Netzwerke und Kooperation begegnet werden. So sollten sich Gemeinden Aufgaben teilen. Helfen könnten auch Partnerschaften zwischen Stadt und Land oder die Kofinanzierung sozialer Infrastrukturen durch die Wirtschaft.“ 
Kaum aufzuhalten sei der Trend, dass vor allem junge Menschen in die Städte ziehen. Mit denen gelte es, in Kontakt zu bleiben und die Rückwanderung aktiv zu unterstützten – etwa durch maßgeschneiderte Programme wie günstige Wohnungen, Kinderbetreuung usw. 
Die Aus- und Weiterbildung muss besser auf den Arbeitsmarkt abgestimmt werden, damit Studierende nicht gezwungen werden, abzuwandern. Sollten die Fördergelder weiter sinken, müsse mehr in die Software – also Bildung, Pflege, Gesundheit, Betreuung usw. – statt in die Hardware investiert werden. Zudem sind die Mittel sinnvoller einzusetzen. „Für alle Bereiche gilt es aber, Netzwerke zu bilden“, sagte Weber.  

Positivbeispiele aus dem Ausland
Beispiele dafür gibt es im Landkreis Regensburg. Elisabeth Sojer-Falter, die Leiterin der Abteilung Regionalentwicklung und Wirtschaft im Regensburg, berichtete: „Gemeinden arbeiten dort seit Jahren sehr erfolgreich zusammen und sichern so die Lebensqualität. Der Verein für Naherholung hat sich die Verbesserung der Freizeit-Infrastruktur zum Ziel gesetzt und erschließt Badeseen und gemeinsame Bootswanderwege. Im Bereich Wirtschaft sind interkommunale Gewerbegebiete stark im Kommen.“
Im Bregenzerwald wurde vor 15 Jahren der Werkraum Bregenzerwald gegründet, dem 85 Handwerksbetriebe aus 25 verschiedenen Branchen angehören. Der Werkraum fördert den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den Betrieben untereinander, aber auch mit externen Dienstleistern. Das neu eröffnete Werkraumhaus dient als Showroom für die Leistungen des Handwerks. Dank des Werkraumes Bregenzerwald konnten neue Arbeitsplätze geschaffen, die Wertschöpfung ausgebaut und die Attraktivität des Handwerks gesteigert werden. 
Seit kurzem gibt es in der Schweiz eine politische Strategie für den ländlichen Raum. Thomas Egger, Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete, berichtete: „Die grenz- und sektorenübergreifende Zusammenarbeit sowie die horizontale und vertikale Vernetzung werden gestärkt. Die Bundespolitik gibt die Visionen vor – ein attraktiver Lebensraum, die Sicherung und Nutzung lokaler Ressourcen, die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und die Gestaltung der kulturellen Vielfalt – die dann im Raumentwicklungsstrategien münden.“

Bürokratie in Südtirol oft Hindernis
Gute Ansätze für interessante Initiativen gebe es auch in Südtirol zuhauf, waren sich die Teilnehmer der abschließenden Diskussionsrunde – die Bürgermeister Andreas Tappeiner (Laas) und Rosmarie Pamer (St. Martin i. Passeier), SWR-Präsident Philipp Moser und Thomas Egger – einig. Allerdings verhindere die zunehmende Bürokratie viele Maßnahmen. Tappeiner forderte mehr Spielraum für die Gemeinden und eine bessere Unterstützung der kleinen Kreisläufe. Zudem dürfen lokale Einkommensquellen der Gemeinden, wie die Wasserkraft, nicht verhindert werden. Moser kritisierte das derzeitige Vergabegesetz, das die lokalen Gegebenheiten zu wenig respektiere. Auch müsste der Schaffung von Arbeitsplätzen mehr Priorität eingeräumt werden. 
Gemeindeverbands-Vizepräsident Joachim Rainalter rief zum Abschluss der Tagung alle Teilnehmer zu mehr Zusammenarbeit und dem Aufbau von Netzwerken auf.

Von links: Leo Tiefenthaler, Elisabeth Sojer-Falter, Univ.-Prof. Gerlind Weber, Andreas Schatzer, Renate Breuß (Werkraum Bregenzerwald), Arno Kompatscher und Thomas Egger

Zur ersten Tagung der Plattform Land waren Experten aus Südtirol, der Schweiz, Österreich und Bayern eingeladen.