Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 11.06.2015

Geteilte Stimmung unter den Bauern

Die Stimmung unter den Südtiroler Landwirten ist geteilt. Während in der Wein- und in der Milchwirtschaft die Bauern für 2015 ein ähnlich gutes Ergebnis wie im letzten Jahr erhoffen, haben sich die Erwartungen in der Obstwirtschaft deutlich verschlechtert. von Michael Tschöll, WIFO

Investitionen der Landwirtschaftsunternehmen 2014 und 2015 (Nach Investitionsart, Anteil in Prozent)

Investitionen der Landwirtschaftsunternehmen 2014 und 2015 (Nach Investitionsart, Anteil in Prozent)

Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) der Handelskammer Bozen. Es hat in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Bauernbund das wirtschaftliche Stimmungsbild unter den Landwirten eingefangen.
Allgemein zeigen sich die Bauern mit dem Landwirtschaftsjahr 2013/14 zufrieden. Insgesamt 86 Prozent fanden die von den Genossenschaften erhaltenen Auszahlungspreise zufriedenstellend. Bei selbst vermarkteten Produkten (z. B. Versteigerungen, ab Hof oder Bauernmärkte) zeigt sich dasselbe Bild.
Die Hälfte aller Befragten bemängeln allerdings, dass die Kosten für Produktionsmittel (z. B. Energie, Futtermittel, Pflanzenschutzmittel) stärker gestiegen seien als die Verkaufspreise ihrer landwirtschaftlichen Produkte und damit das Jahresergebnis belastet haben. Insgesamt sechs von zehn Landwirten gehen davon aus, dass sich diese Kostenerhöhungen auch heuer fortsetzen werden. Die Investitionstätigkeit der Landwirte war 2014 hoch, mehr als die Hälfte hat im eigenen Betrieb investiert. Am häufigsten wurden neue Maschinen und Geräte angeschafft, gefolgt von Neuanlagen (inklusive Bewässerung, Hagelnetze usw.).
Für das Landwirtschaftsjahr 2014/15 gehen die Erwartungen auseinander. Während in der Wein- und in der Milchwirtschaft der Großteil wieder von guten oder zufriedenstellenden Auszahlungspreisen ausgeht, stellen sich die meisten Obstbauern auf schlechte Preise für ihre letzte Ernte ein. Im Jahr 2015 wollen 60 Prozent aller Befragten Investitionen tätigen. Während in der Obst- und Weinwirtschaft vor allem Neuanlagen geplant sind, wollen die Milch- und Viehwirte am öftesten in Bauten investieren.

Schwierige Lage für Obstbauern
Am schwierigsten ist zurzeit die Lage in der Obstwirtschaft. Waren mit dem vergangenen Landwirtschaftsjahr noch acht von zehn Obstbauern zufrieden, sind es heuer nur noch 20 Prozent.
Die europaweit sehr hohen Erntemengen und die russischen Importbeschränkungen für Lebensmittel aus der EU führten zu einem Preisverfall. Die Verkaufspreise für Äpfel im Großhandel lagen im März um zwölf bis 26 Prozent unter jenen des Vorjahres und die Lagerbestände Anfang Mai ca. zehn Prozent über jenen von 2014. Die Genossenschaften versuchen vielfach, ihre Produkte außerhalb Europas abzusetzen und neue Märkte zu bearbeiten.
Die Rekord-Apfelernte von 1,2 Mio. Tonnen kann den Preisverfall nur teilweise ausgleichen. Zudem war die Witterung im letzten Jahr problematisch, was zu einem erhöhten Schädlingsbefall geführt hat.

Weinbauern: Ausblick stabil
Unter den Weinbauern ist der Ausblick auf das laufende Jahr stabil. Rückblickend geben 94 Prozent an, im vergangenen Landwirtschaftsjahr gute oder befriedigende Auszahlungspreise von den Kellereigenossenschaften erhalten zu haben, und die Erwartungen für das laufende Jahr sind diesbezüglich unverändert.
Allerdings ist die Ernte 2014 je nach Betrieb zwischen zehn und 30 Prozent niedriger ausgefallen als 2013. Die gesamte Erntemenge betrug dabei 41.405 Tonnen. Den ganzen Sommer über gab es kaum längere Trockenphasen, was vielfach Pilzbefall durch aufgeplatzte Beeren zur Folge hatte. Hinzu kam Schädlingsbefall wie etwa durch die Kirschessigfliege und eine sehr arbeitsintensive Auslese und Ernte. Die mittleren und hohen Lagen konnten besser von der Schönwetterperiode im Herbst profitieren. Der vergangene Winter war relativ mild, sodass die Schädlingspopulation heuer nochmals größer ausfallen könnte.

Milchbauern zuversichtlich
In der Milchwirtschaft ist nach drei Jahren konstanter Milchmengen die Anlieferung 2014 um 2,1 Prozent auf 378 Millionen Kilogramm gestiegen. Der Biomilch-Anteil beträgt 1,7 Prozent.
Mit den Auszahlungspreisen waren im vergangenen Milchwirtschaftsjahr 93 Prozent der befragten Bauern zufrieden. Für 2015 erwarten sich 88 Prozent zufriedenstellende Preise von ihren Milchhöfen und Sennereien. Große Niederschlagsmengen und wenige Sonnentage haben vielen Milch- und Viehbauern Schwierigkeiten bereitet. Der Wegfall der Milchquoten innerhalb der EU wird zu einem niedrigeren und stärker schwankenden Weltmarktpreis für Milch führen, allerdings sieht sich Südtirols Milchwirtschaft durch beste Produktqualität und hohen Veredelungsgrad für den stärker werdenden Wettbewerb gerüstet. Zudem zeichnet sich in Italien eine Erholung der Wirtschaft und des Konsums ab, wo ca. 60 Prozent der Milchprodukte Südtirols abgesetzt werden.

UaB-Betriebe weiter im Aufwind
Die 2675 Landwirtschaftsbetriebe, die auch Urlaub auf dem Bauernhof anbieten, können mit dieser Nebenerwerbsmöglichkeit vielfach die steigenden Kosten der landwirtschaftlichen Tätigkeit ausgleichen. Außerdem ermöglicht es die direkte Vermarktung der eigenen Produkte. 2014 konnten die Nächtigungen von Urlaubern auf dem Bauernhof gegenüber dem Vorjahr um 2,7 Prozent auf 2,32 Millionen ausgebaut werden.
Auch der Anteil an den gesamten Nächtigungen in Südtirol stieg erneut und lag 2014 im Jahresdurchschnitt bei 8,2 Prozent, im Juli und August sogar bei über zehn Prozent. Für 2015 wird ein stabiler bis leicht positiver Geschäftsverlauf erwartet.
Die Sicht der Bauern deckt sich damit im Wesentlichen mit jener der Genossenschaften, die im Wirtschaftsbarometer vom April erhoben wurde. Alle befragten Genossenschaften konnten den Erzeugern nach eigener Meinung gute oder zumindest zufriedenstellende Auszahlungspreise gewährleisten. Die Aussichten für das laufende Jahr sind geteilt. Während die meisten Kellereigenossenschaften und Milchhöfe davon ausgehen, zufrieden stellende Preise auszahlen zu können, sind es bei den Obstgenossenschaften nur 22 Prozent.

Kosten für Produktionsmittel im Vergleich zu Verkaufspreisen 2014 (Anteile in Prozent)

Kosten für Produktionsmittel im Vergleich zu Verkaufspreisen 2014 (Anteile in Prozent)