Südtiroler Landwirt, Förderungen | 11.06.2015

Am Ziel: Betriebsprämie für Almen

Der Weg zur Förderung der Weidewirtschaft war wie ein schwerer Aufstieg auf eine Alm: steinig für Behörden und Grundbesitzer. Zumindest bringt er mehr Geld in die Almwirtschaft. von Guido Steinegger

Steine, Sträucher, Verwaldung: Viele Südtiroler Weideflächen sind zu weniger als 50 Prozent nutzbar. Jetzt können sie dennoch gefördert werden.

Steine, Sträucher, Verwaldung: Viele Südtiroler Weideflächen sind zu weniger als 50 Prozent nutzbar. Jetzt können sie dennoch gefördert werden.

Seit heuer ist es möglich, für bewirtschaftete Weideflächen um eine Betriebsprämie anzusuchen. Diese Flächenprämie, sprich Prämie pro Hektar, ist eine Direktzahlung aus der ersten Säule der neuen Gemeinsamen EU-Agrarpolitik. Positiv auswirken dürfte sie sich vor allem auf öffentliche Körperschaften und Interessentschaften, die für ihre gemeinschaftlich bewirtschafteten Weideflächen erstmals um eine Betriebsprämie ansuchen können.
Vor 2015 war für die Bewirtschaftung dieser Flächen nur die Alpungsprämie als Flächenprämie berücksichtigt worden.
Die neue Planungsperiode der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) in der Europäischen Union bringt also durchaus eine Verbesserung mit sich. Allerdings stehen die notwendigen Grundlagen für die Berechnung erst seit einigen Wochen zur Verfügung und die letzten Erhebungen sind nicht restlos abgeschlossen. Es ist somit noch immer nicht klar, wie hoch die effektive Förderung in jedem Einzelfall ausfallen wird und wann sie ausbezahlt wird.

Schwierige Entstehungsgeschichte
Dass eine Planungsperiode bereits begonnen hat, die Spielregeln dafür aber noch nicht feststehen, zeugt davon, dass der Werdegang für diese Förderung äußerst schwierig war.
Die erste Etappe dazu endete im Oktober 2014: Damals wurde festgelegt, dass die potenzielle Weidefläche grundsätzlich in das Verrechnungssystem aufgenommen wird. Dazu zählen auch die im Jahr 2014 nicht beweideten Flächen. Falls 2015 eine Bestoßung dieser Flächen erfolgt, dürfen sie in die Prämienanträge aufgenommen werden. Doch damit war nicht alles geklärt: Auch auf staatlicher Ebene wurde viel darum gefeilscht, welche Weideflächen nun tatsächlich berechtigt sind oder nicht.
Den Landwirtschafts-Vertretern aus Südtirol ging es dabei vor allem darum, auch die schlechteren Weideflächen anzuerkennen. Es handelt sich dabei um jene Flächen, die zu weniger als 50 Prozent als Weide nutzbar waren, also einen TARA-Index zwischen 50 und 100 Prozent hatten (Erklärung s. Infokasten). Sie waren bisher überhaupt nicht als förderungswürdig anerkannt.

TARA 70% ist Erfolg für Südtirol
Der Südtiroler Bauernbund und das Ressort von Landesrat Arnold Schuler wissen, dass Südtirol viele dieser Flächen hat. Auch wenn es dafür pro Hektar wenig Prämie geben sollte: Die Gesamtsumme für die Südtiroler Berglandwirtschaft ist doch beträchtlich.
Südtirol argumentierte in den Verhandlungen daher, dass viele Weideflächen zwar nicht zu 50 Prozent genutzt werden können, aber doch mit Schafen und Galtvieh bestoßen werden. Ein weiteres Argument: Bereits bisher gab es zwischen 100 Prozent nutzbar und 50 Prozent nutzbar auch eine weitere anerkannte Stufe mit 80 Prozent (TARA 20%). Wieso also sollte es nicht auch zwischen Null und 50 Prozent Nutzbarkeit noch eine Stufe geben? Diese Verhandlungen brachten einen Zwischenerfolg: Per Ministerialdekret wurde im November 2014 die TARA 70 Prozent (zu 30% nutzbar) festgelegt. Doch im Februar folgte wieder per Ministerialdekret der Rückschlag: Die Flächen mit TARA 70 Prozent wurden wieder für nichtzulässig erklärt.

Politischer Einsatz wird belohnt
Es ist vor auch dem vehementen Einsatz von Senator Hans Berger zu verdanken, dass es Anfang Mai im Landwirtschaftsministerium in Rom erneut zu einer technisch-politischen Aussprache mit Vertretern der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft und der Landeszahlstelle Bozen kam – mit dem erwünschten Durchbruch: Die Flächen mit TARA 70 Prozent sind nun doch wieder förderungswürdig.
Unterdessen hatte das politische Hin und Her auch Auswirkungen auf Behörden und betroffene Grundbesitzer. Vor allem die Forstverwaltung musste nach den ersten Erhebungsarbeiten immer wieder Korrekturen und Neuanpassungen vornehmen. Kein Wunder, dass es unterschiedliche Meinungen und Interpretationen zum Thema gibt.
Andreas Kasal, zuständiger Mitarbeiter des Amtes für Bergwirtschaft der Landesabteilung Forstwirtschaft, erinnert sich an die ersten Schritte, nachdem 2008 der digitale Almkataster – sprich die digitale Erfassung der Weideflächen – eingeführt worden war: „Die Basis dafür waren Luftbilder. Deren Auflösung war noch nicht so gut wie heute. So gut es die Luftbildinterpretation zuließ, wurden die Flächen eben zugeteilt. Damals wurden die Flächen sicher etwas großzügig ausgelegt.“ Kasal will dabei aber nicht von einer fehlerhaften Erhebung sprechen: „Die entsprechenden Hilfsmittel ließen eben keine bessere Ausscheidung der Flächen zu. Es waren eben grundsätzlich geschätzte Flächen.“
Ab 2011 traten dann immer mehr Probleme bei Kontrollen auf: „Es ergaben sich Flächeninterpretationsfehler zwischen der digitalisierten Fläche der Provinz Bozen zur Fläche der AGEA (agenzia per le erogazioni in agricoltura) bzw. zur festgestellten Fläche durch private beauftragte Kontrollfirmen.“ Deshalb mussten die Flächen ab 2014 neu erhoben werden.
Der Vergleich zu den 2008 erhobenen und bis 2014 fast unveränderten Daten ist deutlich: Die gesamte Weidefläche ist um etwa 35.000 Hektar weniger geworden. „Somit werden in Südtirol künftig nur mehr rund 73.000 Hektar gefördert“, fasst Kasal zusammen. Dieser Schwund erklärt sich zum einen damit, dass inzwischen bessere, genauere Luftbilder (Orthofotos) zur Verfügung stehen. Diese sind zum anderen auch aktueller, denn in den vergangenen fünf Jahren sind auch einige Flächen zugewachsen. In einigen Fällen hatten die Behörden auch Schätzungen bzw. Kontrollen vor Ort gemacht, um die effektive Weidefläche besser feststellen zu können.

Betroffene informiert
Um die Betroffenen zu informieren, hat die Landesabteilung Forstwirtschaft im März  Informationsveranstaltungen zur Weidewirtschaft bzw. zu deren Förderung in Latsch, Salern und Dietenheim organisiert.
Alle betroffenen Antragsteller der EU-Maßnahme 214.6 im Entwicklungsplan Ländlicher Raum bzw. alle Weidebewirtschafter waren eingeladen. Kasal berichtet: „In den gut besuchten Veranstaltungen gab es eine allgemeine Information zur Sachlage. Zur Höhe der Förderung konnte zum damaligen Zeitpunkt leider noch niemand etwas Genaues sagen.“

Privat oder gemeinschaftlich?
Sogar zum heutigen Stand der Dinge ist es noch schwierig, konkrete Zahlen zur Förderung vorzulegen: Wer ist berechtigt? Welche Flächen werden im konkreten Einzelfall anspruchsberechtigt sein? Eine Antwort dagegen kann Kasal auch jetzt geben: Private Bewirtschafter, die in der Vergangenheit die Betriebsprämie erhalten haben, werden in Zukunft diese Geldmittel auf alle Betriebsflächen erhalten. Juridische Personen wie Interessentschaften, Fraktionen oder Gemeinden hingegen können sich jetzt zum ersten Mal an dieser Förderung beteiligen – unter der Voraussetzung, dass eine Mindestpflege in Form einer effektiven Beweidung und eine landwirtschaftliche Tätigkeit der Körperschaft im Jahr 2013 nachgewiesen werden kann.

Die nächste Herausforderung
Für die Verwaltung ist laut Kasal die nächste Herausforderung, „sämtliche Umstellungen im digitalen System in den Griff zu bekommen. Vor allem für die Förster, die für die Erhebungen verantwortlich sind, ist diese Herausforderung groß.“