Südtiroler Landwirt | 28.05.2015

Alles begann mit einem Wutbrief

„Liebe Verbraucher, heute habe ich dermaßen die Schnauze voll“, schreibt Landwirt Willi Schillings aus Nordrhein-Westfalen am 18. Jänner an 80 Millionen Verbraucher. Er spricht damit das aus, was viele Bauern denken und tritt eine Lawine los ... von Maria Elsler

Bauer Willi (3.v.l.) machte sich in der Kellerei St. Pauls ein Bild von der Südtiroler Weinwirtschaft: mit (v.l.) Klemens Kössler, Leopold Kager, Toni Ortler.

Bauer Willi (3.v.l.) machte sich in der Kellerei St. Pauls ein Bild von der Südtiroler Weinwirtschaft: mit (v.l.) Klemens Kössler, Leopold Kager, Toni Ortler.

Am Sonntag, 18. Jänner beschließt Bauer Willi, einen Wutbrief zu schreiben. Berlin ist dieser Tage das Schaufenster der Landwirtschaft: Besucherscharen pilgern auf der „Grünen Woche“ von Stand zu Stand, um sich über die Landwirtschaft zu informieren.
Bauer Willi ist nicht in Berlin. Er sitzt bei seinem Nachbarn in der Küche. Vor ihnen die Abrechnung der Pommes-Kartoffeln: 1 LKW = 25 t = 250 Euro. Das ist 1 Cent pro Kilogramm. „Mir reicht´s!“, sagt Bauer Willi.
Zu Hause angekommen schreibt er sich am Computer seinen Frust von der Seele: „Du, lieber Verbraucher, willst doch nur noch eines: billig. Und dann auch noch Ansprüche stellen! (…) möglichst nicht gedüngt und wenn, dann organisch. Aber stinken soll es auch nicht, und wenn organisch gedüngt wird, jedenfalls nicht bei dir. Gespritzt werden darf es natürlich nicht, muss aber top aussehen …“
Völlige Ahnungslosigkeit wirft Bauer Willi den Verbrauchern vor. Er beklagt die Bürokratie „Für jeden Scheiß, den ich mache, muss ich ein Formular ausfüllen“ und die Geringschätzung der Lebensmittel, die Scheinheiligkeit, regionale Produkte zu fordern und die Weintrauben aus Chile und den Spargel aus Südafrika zu kaufen. Willi Schillings beschließt seinen Brief mit den Worten: „Ich unternehme alles, um meinen Hof (…) für die nächsten Generationen zu erhalten. Ja, wir sind Unternehmer. (…) Wir können (und wollen) unsere Produktionsstätte nicht nach Asien verlagern. Wir bleiben hier. Und produzieren weiter so gut, wie wir es können. Und man uns lässt.“

Sachinformation und ein Blick in die Seele
Jetzt, vier Monate später, erzählt Willi Schillings: „Eine Viertelstunde hab ich für den Brief gebraucht – nicht länger, dann bin ich ins Bett.“ Am nächsten Morgen hat er überlegt, was er damit machen soll: „So ist es, hab ich gedacht! Genau so hast du dich gestern gefühlt und das dürfen die Leute ruhig wissen.“ Er schickt den Text an Alois Wohlfahrt mit der Bitte, ihn auf dessen Internetseite zu veröffentlichen. Alois Wohlfahrt ist auch Landwirt. Er und sein „Frag doch mal den Landwirt“-Team betreiben eine Internetseite, auf der Nicht-Landwirte und Landwirte miteinander kommunizieren. „Die Verbraucher verstehen die Landwirte nicht mehr und die Landwirte verstehen die Verbraucher nicht“, sagt Wohlfahrt.  „Unser Ziel ist es, viele Menschen im ländlichen Raum an unserer Erfahrung teil haben zu lassen.“
Eine Viertelstunde nachdem die E-Mail verschickt ist, kommt ein „Puhh ...“, und nach einer Weile folgt der Anruf von Alois Wohlfahrt: „Da hast wohl von der Leber gezogen …“ Die beiden beraten über die weitere Vorgangsweise. Sollen wir den Brief veröffentlichen? Oder sollen wir nicht? Sollen wir ihn abmildern? Oder so belassen? … Alle Optionen stehen im Raum. „Alois, drück auf Enter“, sagt Willi nach einer Weile und ihm ist sofort klar: Jetzt kriegst du richtig Ärger!

Der Brief erreicht die Herzen
Was dann geschieht übersteigt alle bisherigen Vorstellungen. Der Brief wurde am Tag zwischen 15.000 und 30.000 Mal angeklickt. „Alois und ich haben den Mund nicht mehr zu bekommen. Das freut uns jetzt, haben wir gedacht.“ Doch die Freude währt kurz. Alois Wohlfahrt bekommt einen Anruf von seinen „Frag doch mal den Landwirt“-Kollegen. Diese befürchten, dass die emotionale Art und Weise des Artikels, wie er sich an die Verbraucher richtet, als pauschale Anklage herüber kommt und sind dafür, den Brief aus dem Netz zu nehmen. 24 Stunden bleibt der Brief daraufhin offline. Als er anschließend wieder online gestellt wird, explodieren die Zugriffe. Er erscheint in der „Huffington Post“, bei „Top Argar“, bei „Spiegel online“ und etwa zwanzig anderen Zeitungen, sowie in Radio- und Fernsehberichten. Schätzungen zufolge wurde der Brief mittlerweile sechs bis acht Millionen Mal angeklickt.
Bauer Willi ist heute ein gefragter Interview-partner und Mann des öffentlichen Lebens. Auch beim deutschen Fernsehmoderator Günther Jauch war er kürzlich zu Gast.
Offensichtlich hat da jemand den Nerv der Zeit und gleichzeitig den richtigen Ton getroffen: Die Reaktion zeigt: Er spricht Bauern wie Verbraucher an – und wohl vielen auch aus dem Herzen.

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„Verbraucher sind zwei Personen in einer“
Eigentlich macht Bauer Willi Urlaub in Südtirol. Die beiden Obstbauern Klemens Kössler und Toni Ortler haben ihm den Obst- und Weinbau im Überetsch gezeigt. Der „Südtiroler Landwirt“ stellte ihm dabei einige Fragen.

Südtiroler Landwirt: Bauer Willi, was ärgert Sie?
Bauer Willi: Mich ärgert, dass der Verbraucher in gewisser Weise schizophren ist: Er ist eigentlich zwei Personen in einer. Das eine ist der Bürger, der sich über alles mögliche aufregt: Kunstdüngung, Pestizide – wie er es nennt … Und er wirft dem Bauer vor, er verseuche die Umwelt und dies und das und jenes … Das andere ist der Verbraucher: Der geht in den Supermarkt, sieht zehn Eier für 99 Cent und greift zu. Ich sage: Wer ein Hühnchen um 2,75 Euro kauft, gibt an der Kasse das Recht ab, sich über Massentierhaltung aufzuregen. Auf der einen Seite will man billig einkaufen, auf der anderen Seite beschimpft man den Landwirt für seine modernen Methoden. Dieser Dissens bringt mich auf die Palme.

Sie haben jetzt Südtirols Landwirtschaft kennengelernt. Was schreiben Sie in Ihren Blog?
Gerade heute Morgen habe ich einen Beitrag übers Villnösser Brillenschaf reingestellt: Ein wunderbares Beispiel, wie Landwirte es geschafft haben, mit einem Produkt auf den Markt zu kommen, das den Landwirten ein gutes Einkommen ermöglicht und eine gute Qualität garantiert unter Bedingungen, die jeder Bürger und Verbraucher unterstreichen kann. Ich sehe darin ein Modell für andere Produkte. Wir müssen als Produzenten unsere Produkte so positionieren, dass der Verbraucher bereit ist – und das haben wir bezüglich Wein heute ja deutlich gehört – für gute Qualität einen guten Preis zu bezahlen.

Sie suchen den Dialog zwischen Bauern und Verbrauchern. Aber interessiert es Verbraucher überhaupt, wie ein Apfel angebaut wird, wie Schweine gehalten werden?
Ja. Aber wir müssen zu ihm hin gehen. Und die Produkte müssen immer auch eine Geschichte erzählen.

Wie kann so eine Begegnung zwischen Produzent und Verbraucher gelingen?
Ich glaube, da haben wir Bauern in den letzten Jahrzehnten einen Fehler gemacht. Wir sind größer geworden, effizienter, haben moderne Produktionsmittel eingesetzt: Dünger, Pflanzenschutzmittel usw. Bei der Tierhaltung dasselbe: Die Ställe sind größer, moderner geworden. Bei Kühen mit sehr viel mehr Tierwohl heute als noch vor zwanzig Jahren. Das haben wir aber keinem erzählt. Da müssen wir jetzt eine wirklich professionelle Agentur dranlassen, um wieder ein positives Bild von der Landwirtschaft herzustellen. Das wird Geld kosten, doch ohne wüsste ich nicht wie’s gehen soll … Das Authentischste ist natürlich, wenn der einzelne Bauer seine Mitbürger unterrichtet. Doch ich glaube, das überfordert uns alle.
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Lust auf mehr „Bauer Willi“?
Bauer Willi hat Eindrücke von seinem Urlaub in Südtirol in seinem Blog zusammengefasst. Einen Link dorthin gibt es auf unserer Facebook-Seite unter http://on.fb.me/1ISCSdo