Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 29.04.2015

Die Wahl

Am 10. Mai werden die Gemeinderäte gewählt. Der „Südtiroler Landwirt“ hat die Spitzen der bäuerlichen Organisationen nach den Hauptthemen befragt. Ihre Überzeugung: Nur eine starke bäuerliche Vertretung kann die Interessen der Landwirtschaft voranbringen. von Michael Deltedesco (Interview)

Stellten sich den Fragen von SBB-Pressereferent M. Deltedesco: (v.l.) H. Erschbamer, L. Tiefenthaler, C. Tschurtschenthaler und G. Oberstaller.

Stellten sich den Fragen von SBB-Pressereferent M. Deltedesco: (v.l.) H. Erschbamer, L. Tiefenthaler, C. Tschurtschenthaler und G. Oberstaller.

In wenigen Tagen wird in 109 von 116 Gemeinden ein neuer Gemeinderat gewählt.

Südtiroler Landwirt: Was sind die Ziele der Landwirtschaft bei diesen Wahlen?
SBB-Obmann Leo Tiefenthaler: Die bäuerlichen Familien waren in den letzten fünf Jahren sehr gut vertreten. Die Landwirtschaft stellt mehr als 20 Prozent der Gemeinderäte, viele Referenten und mehr als ein Dutzend Bürgermeister. Es wird zwar nicht ganz leicht werden – unser Ziel muss aber sein, diese Zahl zumindest zu halten. Daher sind wir alle gefordert, zur Wahl zu gehen und die bäuerlichen Kandidaten zu wählen. Nur wenn wir stark vertreten sind, können wir wichtige Abstimmungen gewinnen.

Die Bäuerinnenorganisation hat heuer sehr viel getan, um Bäuerinnen zu motivieren, sich der Wahl zu stellen. Was wollen die Bäuerinnen auf Gemeindeebene umsetzen?
Landesbäuerin Hiltraud Erschbamer: Wir möchten, dass möglichst viele Bäuerinnen in der Gemeindepolitik mitreden und ihre Ideen einbringen. Es ist wichtig, dass auch die weibliche Sichtweise wahrgenommen und umgesetzt wird. Zudem gibt es viele Themen auf Gemeindeebene, die besonders die Frauen betreffen, z.B. dass Schulmensen und Kindergärten regionale Produkte verwenden.

Die Forderung, dass sich mehr junge Menschen in der Gemeindepolitik engagieren, ist allgegenwärtig. Wie sieht die Situation bei der Bauernjugend aus?
SBJ-Landesleiterin Christine Tschurtschenthaler: Wir haben sehr positive Rückmeldungen bekommen. Gar einige unserer Mitglieder – besonders aus den Ausschüssen – stellen sich heuer der Wahl. Wir hoffen, dass sie den Sprung in den Gemeinderat schaffen. Daher appellieren wir an alle, der Jugend das Vertrauen zu schenken.

Die Senioren sind die stärkste und fleißigste Wählergruppe. Auf den Kandidatenlisten lassen sie aber lieber Jüngeren den Vortritt?
Seniorenvereinigung-Präsident Gottfried Oberstaller: Viele von uns waren in den letzten Jahrzehnten auf Gemeindeebene sehr aktiv. Wir sind der Meinung, dass die Jugend eine Chance bekommen soll. Deshalb lassen wir den jüngeren Kandidaten den Vortritt. Wir rufen unsere Mitglieder aber auf, zur Wahl zu gehen und fleißig die bäuerlichen Kandidaten zu wählen.

In fast allen Gemeinden gibt es bäuerliche Kandidaten. Wie zufrieden sind Sie mit der Kandidatenfindung?
Tiefenthaler: Die Ortsbauernräte haben sich sehr um gute Vertreter bemüht. Wir haben viele bäuerliche Kandidaten, die in den nächsten fünf Jahren unsere Anliegen in die Gemeindestuben tragen werden. Jetzt ist es unsere Aufgabe, sie bei den Wahlen entsprechend zu unterstützen.
Erschbamer: Bei den Kandidatinnen und Kandidaten sollte sich die ganze bäuerliche Familie wiederfinden. Daher bin ich froh, dass auch sehr viele Bäuerinnen und Jungbauern kandidieren. Es war uns sehr wichtig, unsere Mitglieder zu motivieren, dabei zu sein, mitzureden und mitzuentscheiden.

Die Bauernjugend möchte sich in den nächsten fünf Jahren verstärkt in die Gemeindepolitik einbringen. Welche Themen liegen der SBJ besonders am Herzen?
Tschurtschenthaler: Ein Schwerpunkt ist die Abwanderung, die uns junge Menschen besonders betrifft. Die Gemeinden müssen der Abwanderung noch aktiver entgegentreten – zum Beispiel durch den Ausbau von Infrastrukturen und dem Breitband-Internet oder durch die Schaffung von Arbeitsplätzen. Ein großes Anliegen ist uns das Vereinswesen: Vereine vor Ort sind für ein attraktives Dorfleben besonders wichtig. Wir als SBJ haben oft Schwierigkeiten mit Lizenzen für Veranstaltungen. Auch hier kann die Gemeinde einiges tun und die Abläufe vereinfachen.

Bei welchen Themen wollen die Bäuerinnen mitreden?
Erschbamer: In vielen Gemeinden sind attraktive Zu- und Nebenerwerbsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft ein großes Thema, das besonders die Bäuerinnen betrifft. Wir brauchen Arbeitsplätze, besonders auch Teilzeitarbeitsplätze, die nicht allzu weit vom Hof entfernt liegen. Eine interessante Erwerbsmöglichkeit können hier besonders soziale Dienstleistungen wie Kinder- und Seniorenbetreuung sein. Solche Dienste sind unbedingt zu fördern und auszubauen.

Senioren haben ganz besondere Bedürfnisse – altersgerechte Strukturen, soziale Dienste, Nahversorgung, öffentlicher Nahverkehr usw. Welche Wünsche haben sie an die Gemeindeverwaltungen?
Oberstaller: Diese Dienste sind in der Tat sehr wichtig und hängen maßgeblich auch von der Gemeinde ab. Besonders wichtig ist das ländliche Wegenetz. Wir brauchen gute Straßen bis zum letzten Hof hinauf. Nur so kommen Senioren, die noch mobil sind, ohne Probleme ins Dorf, um z. B. ärztliche Dienste nutzen zu können. Teilweise sind die Wege in einem sehr schlechten Zustand, wobei der öffentliche Nahverkehr in unserer Gemeinde gut funktioniert.
Was ältere Menschen noch brauchen, sind Geschäfte, Dorfgasthäuser usw., wo man sich zum „Ratscherle“ oder „Karterle“ trifft. Vor allem diese sozialen Treffpunkte sind für die Lebensqualität wichtig.

Auf Gemeindeebene werden sehr wichtige Entscheidungen getroffen, die das bäuerliche Eigentum betreffen. Das beste Beispiel dafür ist der Bauleitplan oder der Ensembleschutz …
Tiefenthaler: Genau deshalb ist es wichtig, dass möglichst viele Bäuerinnen und Bauern in den Gemeindestuben vertreten sind und mitreden, wenn es um bäuerlichen Grund und Boden geht. Denn eines ist sicher: Entschieden wird so oder so. Die Frage ist nur: Entscheiden Bäuerinnen und Bauern mit, weil sie gewählt wurden, oder entscheiden andere über uns? Nur wenn wir in den Gemeinden vertreten sind, können wir unsere Standpunkte darlegen und für die Interessen der Landwirtschaft kämpfen.

Sie kommen aus vier sehr unterschiedlichen Gemeinden – Terlan, Montan, Taisten/Welsberg und Sexten. Was sind dort die größten Herausforderungen aus landwirtschaftlicher Sicht in den nächsten fünf Jahren?
Erschbamer: Bei uns in Terlan ist sicher das Bauen ein sehr großes Thema. Aufgrund der günstigen Lage ist der Druck, Flächen für den Wohnbau und Gewerbegebiete auszuweisen, besonders stark. Daher werden die bäuerlichen Vertreter bei der Flächennutzung sehr genau hinsehen und notfalls klar die Stimme erheben, wenn der Druck zu groß werden sollte. Wir müssen klar machen, dass der Kulturgrund nicht vermehrbar ist und wir Bauern von der Produktion und somit von unserem Grund und Boden leben.
Tiefenthaler: In Montan mit seinen vielen Fraktionen ist der Erhalt bzw. der Ausbau des Wegenetzes die wohl größte Herausforderung. Anzugehen ist auch der Erhalt verschiedener anderer Infrastrukturen und der Ausbau des Breitbandnetzes. Diese Dienste sind für alle Bürger von immenser Bedeutung, nicht nur für die Landwirtschaft.
Oberstaller: In Taisten ist die Dorfgestaltung schon seit einigen Jahren ein Thema. Es gibt nun ein Projekt, das umgesetzt werden soll. Es geht hier um den Bau von neuen Gehsteigen, Parkplätzen usw. Dabei sind auch bäuerliche Gründe betroffen. Wir müssen darauf achten, dass mit dem bäuerlichen Eigentum möglichst sparsam umgegangen wird. Ein weiteres Thema ist der Ausbau des Breitbandnetzes. Besonders die Peripherie muss besser angebunden werden.
Tschurtschenthaler: Sexten hat einen sehr starken Tourismus- und Landwirtschaftssektor. Was manchmal fehlt, ist die Zusammenarbeit. Ich wünsche mir, dass die Gemeinde Initiativen setzt, um das Miteinander zu stärken. Es muss vermittelt werden, dass eine Zusammenarbeit allen nützt!

Vor den Wahlen entdecken viele Kandidaten die Landwirtschaft und sind plötzlich Vertreter der Bäuerinnen und Bauern. Nach den Wahlen sieht es dann oft ganz anders aus. Ist das ein Grund, warum die bäuerlichen Organisationen appellieren, die von ihnen vorgeschlagenen Kandidaten zu wählen?
Erschbamer: Die Ortsbauernräte, in denen auch die bäuerlichen Organisationen vertreten sind, haben die Kandidaten ausgewählt. Auf diese Kandidaten ist Verlass. Bei uns in Terlan trifft das so zu. Bei den anderen, selbsternannten bäuerlichen Kandidaten ist das nicht immer so!
Die bäuerlichen Kandidaten kennen die Themen und Anliegen der Landwirtschaft und werden diese vertreten. Natürlich liegt es auch an uns, ihnen unsere Wünsche mitzuteilen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang eine gute Zusammenarbeit zwischen Bäuerinnen und Bauern, Ortsbauernrat und bäuerlichen Gemeindeverwaltern.

Am 10. Mai werden die Gemeinderäte gewählt. Was sagen Sie den bäuerlichen Wählerinnen und Wählern?
Oberstaller: Wir rufen alle auf, zusammenzuhalten, geschlossen zur Wahl zu gehen und die bäuerlichen Kandidaten zu unterstützen. Wir Älteren sind da sicherlich ein Vorbild. Wer nicht zur Wahl geht, verzichtet auf sein Mitspracherecht und schwächt gleichzeitig die bäuerliche Vertretung. Und das kann keiner von uns wirklich wollen.
Tschurtschenthaler: Ich hoffe, dass möglichst viele junge Kandidaten gewählt werden. Daher sollten gerade die Jungwähler zur Wahl gehen. Es sind alle fünf Jahre nur ein paar Minuten im Wahllokal. Die müssen wir uns einfach nehmen. Daher: Bitte, geht zur Wahl!
Was Sexten betrifft, so hoffe ich, dass es der bäuerliche Bürgermeisterkandidat Thomas Summerer schafft. Er ist sehr engagiert und ein sehr guter Kandidat.
Tiefenthaler: Wichtig ist, zur Wahl zu gehen und die vier Vorzugsstimmen den bäuerlichen Kandidaten zu geben. Denn nur wer viele Vorzugsstimmen erhält, ist gewählt. Hier waren die bäuerlichen Wähler in der Vergangenheit sehr fleißig. Ich hoffe, dass es auch heuer wieder so sein wird.
Erschbamer: Ich wünsche mir, dass die Landwirtschaft in den nächsten fünf Jahren in allen Gemeinden gut vertreten ist. Und zwar mittendrin, und nicht nur nebenbei.


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Wahl am 10. Mai

So wird gewählt


Bis zu 15.000 Einwohner:

Wahl des Bürgermeisters: Auf entsprechendem Stimmzettel den Vor- und Nachnamen des Bürgermeister-Kandidaten schreiben.
Wahl des Gemeinderates: Zuerst das Parteizeichen ankreuzen. In die leeren Zeilen dann die Vor- und Zunamen der Kandidaten schreiben.

Über 15.000 Einwohner (Bozen, Meran, Brixen und Leifers):
Auf dem Stimmzettel zuerst das Listenzeichen ankreuzen. Damit ist der Bürgermeister-Kandidat gewählt, da der Name bereits vorgedruckt ist.
Wahl des Gemeinderates: In die leeren Zeilen die Vor- und Nachnamen der Kandidaten schreiben.
 
Allgemein gilt:

Es können bis zu vier Vorzugsstimmen gegeben werden!

In einigen Gemeinden unterstützen die bäuerlichen Organisationen Kandidaten verschiedener Listen. Gewählt werden können aber nur Gemeinderatskandidaten, die der gleichen Liste angehören.
Wahllokale geöffnet von 7 bis 21 Uhr. Erforderlich: Gültiger Wahlausweis (zuvor überprüfen!) und Personalausweis.


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(Illustration: Peter Schwienbacher)

(Illustration: Peter Schwienbacher)