Südtiroler Landwirt, Südtiroler Bäuerinnenorganisation | 16.04.2015

Lichtblicke in dunklen Momenten

Nur wer Kraft hat, kann auch Kraft geben: Das tun 35 ehrenamtlich tätige Berater/-innen der Lebensberatung für die bäuerliche Familie der Bäuerinnenorganisation. Sie werden dabei vom Supervisor Wilfried Mairösl begleitet. Er berichtet von seinen Erfahrungen. von Nicole Irsara (Interview)

Wer in seinem Leben schwere Zeiten durchmacht, kann bei der Lebensberatung für die bäuerliche Familie Hilfe finden. (Foto: Herla, www.pixelio.de)

Wer in seinem Leben schwere Zeiten durchmacht, kann bei der Lebensberatung für die bäuerliche Familie Hilfe finden. (Foto: Herla, www.pixelio.de)

Südtiroler Landwirt: Herr Mairösl, welche Rolle spielen Sie innerhalb der Lebensberatung für die bäuerliche Familie?
Wilfried Mairösl: Ich begleite die Lebensberaterinnen und -berater. In der Supervision können sie alle Fragen und Themen, die sich bei ihren Beratungen ergeben, aufgreifen. Wir überlegen gemeinsam, wie man die Ratsuchenden bestmöglich unterstützen kann. Durch die Supervision sollten zwei Dinge passieren: erstens, dass eine gute Begleitung für die Ratsuchenden angeboten werden kann, und zweitens, dass die Beratung die Lebensberater nicht zu sehr belastet, damit sie gut abschalten können.

Welche Geschichte hat Sie am meisten beeindruckt?
Ich finde es immer wieder beeindruckend, dass sich so viele Menschen an die Lebensberatung für die bäuerliche Familie wenden. Auch ältere Menschen gehen ganz offen mit ihren Schwierigkeiten um und probieren mit Schwung und Mut neue Lösungswege aus. Mich beeindruckt schon sehr, dass sie sich nicht einfach mit der Situation abfinden und sagen: „Das ist einfach so, ich kann da nichts mehr ändern.“

Was ist das Besondere an der Lebensberatung für die bäuerliche Familie?
Die Lebensberater kommen ja größtenteils selbst aus einem bäuerlichen Umfeld und bringen den Ratsuchenden dadurch mehr Verständnis für ihre Anliegen entgegen. Es gelingt also leichter, die Ratsuchenden sozusagen dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Sie haben das Gefühl: Da kommt jemand, der kennt sich aus. Über diese Beratung gelingt es häufiger, Klärungsgespräche zu führen und dadurch die Beziehungen zu verbessern.

Welches sind die am häufigsten genannten Themen?
Das sind eigentlich Themen, die der Rest der Bevölkerung auch hat, zum Beispiel Paarproblematiken. Natürlich gibt es auch Themen, die speziell dem bäuerlichen Kontext entsprechen, wie Hofübergabe oder Konflikte zwischen Jung und Alt. Auch die Integration des neuen Partners in die Ursprungsfamilie des Partners kann manchmal problematisch sein, weil ja der Lebensraum etwas enger ist.

Wann sollte man sich Hilfe holen?
Wenn man das Gefühl hat, sich in einer Situation zu befinden, bei der irgendwo Stillstand herrscht und die unveränderbar erscheint, wenn man merkt, dass diese Gefühle und der Stillstand immer mehr zu einer Belastung werden – psychologischer und körperlicher Natur –, dann sollte man den Weg ins Außen gehen. Man sollte aktiv werden und aus der Ohnmacht heraustreten.

Kann ich mich nicht auch einer vertrauten Person anvertrauen?
Das kommt auf das Thema an. Grundsätzlich ist es natürlich gut, dass man sich an vertraute Personen wendet, und das Gespräch hilft, die Situation zu verändern. Wenn man aber merkt, dass das Gegenüber überfordert ist und das Gespräch nicht das bringt, was man sich erhofft hat, dann ist es wichtig, dass man einen Schritt weiter geht und eine Beratung aufsucht.
Es kann aber auch Situationen geben, wo man das Gefühl hat, das Thema ist so schwierig und beängstigend, dass man mit niemandem aus dem eigenen Umfeld darüber sprechen möchte. Dann kann man sich bei einer Person, die man nicht kennt, besser aufgehoben fühlen.

Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen heute mehr als früher über Dinge reden, die Sie in ihrem täglichen Leben belasten?
Ja, ich habe schon den Eindruck, dass die Menschen heute immer offener mit ihren schwierigen Situationen umgehen. Ich kenne das vor allem auch aus meiner Tätigkeit als Notfallpsychologe, wo ich auch mit direkt Betroffenen – alten wie jungen –, aber auch mit Einsatzkräften spreche. Sie finden das toll, dass es heute mehr Möglichkeiten gibt als früher, über Belastungen zu sprechen. Versuchten sie früher, „Gras über die Sache wachsen zu lassen“, dann wird es heute schon als Erleichterung empfunden, über Belastungen zu reden.

Stoßen die Lebensberater bei der Beratung auch an Grenzen?
Ja, es kann vorkommen, dass die Unterstützung der Lebensberatung für die bäuerliche Familie zu kurz greift. Dann ist es wichtig, die Ratsuchenden zu motivieren, einen nächsten Schritt zu machen. Eine wichtige Aufgabe der Lebensberatung ist es in meinen Augen nämlich auch, eine Brücke zwischen Ratsuchenden und anderen Fachdiensten herzustellen.

Was wünschen Sie sich für die Lebensberatung und für die Lebensberater?
Für die Lebensberatung wünsche ich mir, dass es in Zukunft noch viele Menschen gibt, die Freude daran haben, anderen Menschen in schwierigen Situationen beizustehen. Diese Tätigkeit erfolgt ja in deren Freizeit, und insofern ist es ein Geschenk für die Bäuerinnenorganisation.
Für die Lebensberater wünsche ich mir, dass sie eine gute Balance zwischen Geben und Nehmen finden. Es muss ein ganz klares Motto sein, dass sie über eine Beratungsstätigkeit sehr viel Gutes tun können, aber es sollte auch Ziel sein, dass sie selbst dabei „gesund“ bleiben. Denn nur wer Kraft hat, kann auch Kraft geben.


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zur Person

Wilfried Mairösl ...
... ist Psychotherapeut und Notfallpsychologe. Nach langjähriger Tätigkeit im stationären Suchtbereich ist er nun seit einigen Jahren als freiberuflich arbeitender Psychologe in eigener Praxis tätig.

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