Südtiroler Landwirt, Politik | 16.04.2015

Klare Regeln schaffen Vertrauen

Seit kurzem gelten die neuen Landesrichtlinien zum Pflanzenschutz. Neben dem zusätzlichen Schutz der Bevölkerung bedeuten sie auch Chancen für die Bauern selbst. Klare Regeln stärken das Vertrauen in die Landwirtschaft und in die bäuerlichen Produkte, hieß es vergangene Woche in Terlan. von Tobias Egger

Ruhe in das heiß diskutierte Thema Pflanzenschutz sollen die heuer erstmals geltenden neuen Regeln bringen. (Foto: Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau)

Ruhe in das heiß diskutierte Thema Pflanzenschutz sollen die heuer erstmals geltenden neuen Regeln bringen. (Foto: Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau)

Was zuerst als Last erscheint, erweist sich im Nachhinein oft der Mühen wert: Gut möglich, dass dies auch für die neuen Richtlinien zum Pflanzenschutz gilt. Diese kommen heuer bekanntlich erstmals zum Tragen und regeln das Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln neu. Aufbauend auf den nationalen Aktionsplan hat das Land Abstandsregeln eingeführt, damit Pflanzenschutzmittel sparsam und zielgenau zum Einsatz kommen und Abdrift vermieden wird.
Die Richtlinien läuten vor allem im Obstbau, der zuletzt einiger Kritik ausgesetzt war, eine neue Ära ein. Um die Regeln erneut zu erläutern und das Thema Pflanzenschutz zu diskutieren, hatte Landesrat Arnold Schuler die Bauernbund-Ortsobmänner sowie zahlreiche Genossenschaftsvertreter Anfang April zu einer Tagung nach Terlan geladen. Dabei stellte Schuler einmal mehr klar: „Überall, wo die Bevölkerung direkt mit dem Pflanzenschutz in Berührung kommt, müssen verstärkt modernste Technik eingesetzt und Abstände eingehalten werden.“
„Es geht nur gemeinsam!“, unterstrich Schuler eingangs die Notwendigkeit der neuen Richtlinien. Die Bevölkerung sei beim Pflanzenschutz sensibler geworden, also müsse man jetzt den nächsten Schritt in Richtung Nachhaltigkeit setzen.

Chancen durch neue Richtlinien und Technik
Konrad Mair vom Amt für Obst- und Weinbau stellte die neuen Abstandsregeln vor und erklärte die vorgesehenen Kontrollen und Sanktionen. Die neuen Regeln dienen jedoch nicht nur dem Gesundheitsschutz der Bevölkerung: „Wir Bauern zeigen damit unsere Verantwortung für die Umwelt und die Gesellschaft“, betonte der Landesrat. Probleme mit Anrainern ließen sich somit im Vorfeld vermeiden.
Dabei sind die neuen Richtlinien nur eine Maßnahme im Pflanzenschutz von mehreren. Schuler nannte ebenso die technische Entwicklung der Sprühgeräte, die Forschung und die Regelungen innerhalb der Landwirtschaft als wichtige Maßnahmen. Markus Knoll vom Beratungsring für Obst- und Weinbau zeigte in seinem Vortrag auf, dass moderne Sprühgeräte die Abdrift auf ein Minimum reduzieren helfen. Schließlich rief der Landesrat alle Anwesenden dazu auf, die Diskussion um den Pflanzenschutz als Chance zu sehen: „Die Landwirtschaft will sich weiterentwickeln, um ihren Beitrag zur naturnahen Produktion von Lebensmitteln zu leisten.“ Diese Botschaft gelte es der Bevölkerung stärker zu vermitteln.

Regeln fördern Glaubwürdigkeit
In dieselbe Kerbe schlug Urs Schneider, stellvertretender Direktor des Schweizer Bauernverbandes (SBV). Er berichtete in seinem Gastvortrag von ähnlichen Erfahrungen in der Schweiz: „Auch wir haben viele Regeln zu beachten, beim Pflanzenschutz und anderswo.“ Die Schweizer Bauern haben die Vorschriften mit der Zeit als Chance gesehen und sie sich zunutze gemacht. „Wenn es Regeln gibt, die wir alle einhalten und wir das der Bevölkerung vor Augen führen, dann stärkt das unsere Glaubwürdigkeit“, betonte Schneider. Ein hohes Vertrauen sei wiederum Voraussetzung für ein positives Ansehen der Landwirtschaft und den Absatz der bäuerlichen Produkte (siehe nebenstehendes Interview). Für Schneider ist zudem der Dialog mit der Bevölkerung wichtig, um ihr die Arbeit und die Leistungen der Bäuerinnen und Bauern zu erklären. Der Schweizer Bauernverband betreibt zu diesem Zweck eine Kommunikationskampagne, die bereits seit Jahren läuft und in der Schweiz sehr erfolgreich ist.

Entwicklung weiterführen
Dass die Landwirtschaft beim Pflanzenschutz bereits vieles gut macht, wurde bei der abschließenden Podiumsdiskussion klar. An der Diskussionsrunde nahmen neben Landesrat Schuler auch Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler, Apfelkonsortium-Obmann Georg Kössler, Beratungsring-Obmann Manuel Santer und Bioland-Obmann Michael Oberhollenzer teil. Tiefenthaler betonte: „Südtirols Obstbauern betreiben seit 25 Jahren integrierten Anbau und sind darin Vorreiter. Das müssen wir der Bevölkerung mehr kommunizieren.“ Dennoch dürfe die Entwicklung nicht stehen bleiben, wie auch Georg Kössler betonte: „Die Werte Gesundheit und Umwelt stehen ganz oben im Empfinden der Menschen und beeinflussen ihr Konsumverhalten.“
Der Apfel werde als gesundes Produkt geschätzt. „Es ist unsere Aufgabe, gemeinsam die nächsten Schritte in der nachhaltigen Produktion zu gehen“, schloss sich Beratungsring-Obmann Santer dem Konsortium-Obmann an. Bioland-Obmann Oberhollenzer rief zu mehr Dialog auf. Landesrat Schuler betonte abschließend, dass in Südtirol das Miteinander zwischen den Landwirten und der Bevölkerung in den allermeisten Fällen funktioniere: „Dort, wo es Probleme gibt, wird die Einhaltung der neuen Pflanzenschutz-Richtlinien helfen, diese zu minimieren“, ist Schuler zuversichtlich.


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3 Fragen an Urs Schneider

Sie haben gesagt, klare Regeln sind auch zum Nutzen der Bauern. Warum?
Regeln wie jene im Pflanzenschutz sorgen dafür, dass das Vertrauen bei der Bevölkerung und den Konsumenten steigt. Wenn die Menschen sehen, dass die Regeln eingehalten werden, dann kommt das dem Ansehen der landwirtschaftlichen Produkte zugute und damit ihrem Verkauf. Und nicht zuletzt steigen auch das Ansehen der Bauern und das Verständnis für ihre Arbeit.

Welche Erfahrungen haben Sie in der Schweiz gemacht?
Auch wir haben strenge Vorschriften im Bereich Pflanzenschutz. Wir versuchen, das den Konsumenten bewusst zu machen. Dazu ist eine gute Kommunikation wichtig. Wir leisten Überzeugungsarbeit für unsere Produkte und erklären den Menschen, wieso sie das heimische Produkt kaufen sollen und nicht das Importprodukt.

Honoriert die Bevölkerung den Mehraufwand, den die Schweizer Bauern betreiben?
Wir machen regelmäßig Umfragen zur Stimmung der Bevölkerung und Konsumenten gegenüber der Landwirtschaft. Dabei stellen wir fest, dass die Sympathiewerte sehr hoch sind. Drei Viertel der Befragten sind bereit, einheimische Lebensmittel zu bevorzugen und dafür etwas mehr zu bezahlen. Das stimmt letztlich nicht immer eins zu eins mit dem Kaufverhalten überein. Eine positive Stimmung ist aber sicherlich die Grundvoraussetzung für einen guten Absatz der bäuerlichen Produkte.