Südtiroler Landwirt | 16.04.2015

Energie: erneuerbar und bürgernah

Südtirols Energielandschaft durchlebt eine Zäsur. Nach SEL-Skandal und Stromhochzeit SEL – Etschwerke muss sich auch der Südtiroler Energieverband neu orientieren. Das wurde bei der Jahresvollversammlung klar. von Raiffeisenverband Südtirol

Europäische Spitze: Der Anteil der erneuerbaren Energie in Südtirol liegt bei über 50 Prozent.

Europäische Spitze: Der Anteil der erneuerbaren Energie in Südtirol liegt bei über 50 Prozent.

Global denken – dezentral handeln. Unter dieses Motto stellte der Südtiroler Energieverband (SEV) seine Visionen für die Zukunft bei der heurigen Jahresvollversammlung Anfang April im Bozner Merkantilgebäude. Dabei ist das Dezentrale laut Geschäftsführer Rudi Rienzner der heimischen Energiewirtschaft ureigen.

Zu „Utilities“ entwickelt
So sorgen 77 Genossenschaften und Konsortien, 195 Betriebe und 34 Gemeinden und öffentliche Körperschaften seit vielen Jahrzehnten für ein kapillares bürgernahes Versorgungsnetz mit kundenfreundlichen Preisen und Dienstleistungen.
Die seit über 100 Jahren bestehenden Energiewerke haben sich laut Rienzner zu „Utilities“ entwickelt. Zu Versorgungsdienstleistern, die die Haushalte nicht nur mit Strom versorgen, sondern auch mit anderen Diensten, wie z. B. Wärme. So seien auch in der Peripherie so etwas wie Stadtwerke entstanden. Der SEV reagierte zuletzt mit der Aufstockung des Fachpersonals im Bereich des Stromhandels, der Fernwärmeversorgung und Elektromobilität auf eine gleichzeitig steigende Nachfrage. Denn den Vorteil der dezentralen Energielieferer spürt der Konsument laut Rienzner vor allem im Preis: 40 bis 70 Prozent liege das Angebot der integrierten Betriebe unter den gängigen Marktpreisen, so Rienzner.
Daran soll nach der beschlossenen SEL-Etschwerke-Fusion auch eine noch größere Landesgesellschaft nicht viel ändern, ist man beim SEV optimistisch. Dennoch blickt man noch mit etwas Bauchweh auf die Stromhochzeit: „Klar, wir hätten eine andere, sprich dezentralere Lösung bevorzugt“, meint Rienzner. Aber es gehe nun darum, den Neustart im Südtiroler Energiegeschäft gemeinsam anzupacken und die Südtiroler Konsumenten wieder in den Mittelpunkt zu stellen.

Mehr Bürgerbeteiligung
„Langfristig gelingen Energieprojekte, vor allem große wie beispielsweise die alternative abgelehnte Windnutzung am Brenner, nur mehr mit Bürgerbeteiligung. Das zeigen uns etliche Beispiele im Ausland. Wir als Vertreter des kapillaren, bürgernahen Netzwerkes können bei einem entsprechenden Sinneswandel bei den Entscheidungsträgern wesentlich mithelfen“, meint SEV-Geschäftsführer ­Rienzner. Laut ihm sind aus diesem Grund in ganz Europa und in den USA Energiegenossenschaften auf dem Vormarsch. Wie dort neue Kooperationsmodelle mit Energieindustrie und Zivilgesellschaft erfolgreich ausprobiert werden, überzeugte sich der SEV
kürzlich bei einem „transatlantischen Meinungsaustausch“ in Brüssel, der vom Europäischen Verband der unabhängigen Strom- und Gasverteilerunternehmen (GEODE) veranstaltet wurde. Die Südtiroler waren 2014 dem Verband beigetreten. Genossenschaften mit über 160.000 Mitgliedern, wie in einem Fall in Virginia, machen dem SEV Mut. Denn Südtirol habe mit über 50 % regenerativer Energie schon von seiner Grundvoraussetzung her beste Chancen, die Herausforderungen der Zukunft im Bereich der Energiewende zu meistern.
Der Südtiroler Energieverband vertritt heute 306 Mitglieder. Damit hat sich die Mitgliederzahl in nur fünf Jahren nahezu verdoppelt. Der SEV will sich als unabhängige Dienstleistungsplattform für kleine und mittlere Unternehmen, Genossenschaften und Stadtwerke positionieren.

Kleinen den Rücken stärken
Dabei setzt er auf eine kooperative Vernetzung mit seinen Partnern und will – gerade angesichts der Fusion von SEL und Etschwerke – den kleinen und mittleren Versorgern, die vor allem in der Peripherie angesiedelt sind, den Rücken stärken. „Initiativen wie die Übernahme der Stromverteilung durch einzelne Gemeinden müssen auch in Zukunft möglich sein. Ebenso die Gründung von Verteilergenossenschaften in den Gemeinden oder auf Bezirksebene. Schließlich können nur kundennah arbeitende Genossenschaften die Stromkosten für Haushalte und Betriebe spürbar senken“, sagt SEV-Präsident Hanspeter Fuchs, der bei den Vorstandswahlen ebenso bestätigt wurde wie SEV-Vize Georg Wunderer.
Wie die Energielandschaft der Zukunft und auch in Südtirol aussehen soll, darüber diskutierte übrigens eine Podiumsrunde mit Energielandesrat Richard Theiner, SEL-Präsident Wolfram Sparber, Kammerabgeordneten Albrecht Plangger, Rudi Rienzner und Stephan Kohler, Präsidiumsmitglied des Weltenergierats (WEC), der auch einen Gastvortrag zum Motto „Global denken – dezentral handeln“ hielt.