Südtiroler Landwirt, Innovation | 16.04.2015

Checkliste für Neueinsteiger

Beeren, Steinobst, Gemüse, Kräuter usw.: Sonderkulturen stehen derzeit hoch im Kurs. Um mit diesem neuen Betriebszweig Erfolg zu haben, sollten vorab wichtige Voraussetzungen geprüft werden. Folgende Checkliste hilft dabei. von Lukas Unterhofer, SBB-Innovationsschalter

Die Beeren ins Körbchen: Wer in den Anbau von Sonderkulturen einsteigt, sollte auch wissen, wie er seine Produkte absetzen kann. (Foto: Frutmac, www.pixelio.de)

Die Beeren ins Körbchen: Wer in den Anbau von Sonderkulturen einsteigt, sollte auch wissen, wie er seine Produkte absetzen kann. (Foto: Frutmac, www.pixelio.de)

Bevor Bäuerinnen und Bauern mit dem Anbau, der Verarbeitung und der Vermarktung von Sonderkulturen beginnen, sollten sie sich über alle relevanten Aspekte informieren.

Vorhaben strukturiert planen
Es ist hilfreich, sich mit erfahrenen Betrieben auszutauschen, Weiterbildungsveranstaltungen zu besuchen und bei Bedarf Fachexperten hinzuzuziehen, um das Vorhaben strukturiert zu planen. Die folgende Checkliste soll Betrieben dabei helfen, noch unklare Themenbereiche und offene Fragen zu identifizieren.

1. Standort


Klima
Sind die klimatischen Voraussetzungen am Standort für die geplante Kultur grundsätzlich geeignet?
Wenngleich jeder Standort spezielle Eigenschaften hat, können verfügbare Richtwerte herangezogen werden. Kulturen, die bereits im näheren Umfeld oder unter ähnlichen Konditionen wachsen, sind weniger mit Risiko behaftet als neue Kulturen. Besondere Vorsicht gilt in Grenzlagen, in Lagen ohne Erfahrungswerte sowie mit neuartigen Kulturen beziehungsweise Sorten. In diesen Fällen empfiehlt es sich, mit einer kleinen Testanlage zu beginnen. So kann man erste praktische Erfahrungen sammeln.

Bewässerung
Gibt es eine Bewässerungsmöglichkeit?
Eine Bewässerungsmöglichkeit ist Grundvoraussetzung für einen professionellen Anbau bei fast allen Sonderkulturen – zumindest in bestimmten Wachstumsphasen. Neben Kultur und Wachstumsphase beeinflussen auch die Bodeneigenschaften, die Hangneigung und die klimatischen Gegebenheiten, wie viel und wie häufig der Bauer Wasser geben muss.

Boden
Ist der Boden am Standort für die geplante Kultur geeignet, beziehungsweise welche Kultur kann unter den vorhandenen Bodenbedingungen angebaut werden?
Jede Kultur hat spezielle Ansprüche an die Bodenverhältnisse, die berücksichtigt werden müssen: Bestimmte Kulturen sind relativ tolerant, andere sehr sensibel. Mit verschiedenen Bodenkorrekturmaßnahmen kann man ungünstige Konditionen möglicherweise ausgleichen.
Vor Erstellung einer Neuanlage sollte man eine Bodenprobe vornehmen. Sie liefert wichtige Informationen über die Bodenbeschaffenheit – zum Beispiel den pH-Wert und Humusgehalt. Empfehlenswert ist eine Bodenprobe auch, da sie als Grundlage für eine gezielte Düngung dient.

Bearbeitung der Flächen
Inwieweit sind meine Flächen (maschinell) bearbeitbar?
Die Arbeitsabläufe sollten bestmöglich organisiert werden. In Extremlagen müssen Bauern besonders auf die Erstellung der Anlage und deren Bearbeitbarkeit achten. Je nach Standort müssen sie deshalb bewerten,
ob eine maschinelle Bearbeitung notwendig und sinnvoll ist. Wichtige Faktoren sind
hierbei Kultur, Anbausystem und Flächen-größe.

2. Betrieb


Interesse und Motivation
Habe ich als Betriebsleiter, haben meine mitarbeitenden Familienmitglieder und Arbeitskräfte Interesse daran, Neues zu versuchen? Sind wir motiviert, auch Eigeninitiative zu ergreifen und Probleme unterschiedlicher Art – falls erforderlich – selbst zu lösen?
Der Anbau von Sonderkulturen erfordert ein hohes Maß an Professionalität, Motivation, Fleiß und Interesse. Bei anderen Kulturen gibt es langjährige Erfahrung und einen großflächigen Anbau. Im Gegensatz zu ihnen ist bei Sonderkulturen das Netzwerk Anbau, Beratung und Vermarkung weit weniger ausgeprägt. Daher ist auch Eigeninitiative erforderlich. Es muss auch die Bereitschaft da sein, eventuelle Probleme selbst zu lösen.

Fachwissen
Ist genügend Vorwissen über Anbau, Verarbeitung und Vermarktung vorhanden? Gibt es besondere rechtliche Voraussetzungen, die ich beim Anbau, der Verarbeitung und der Vermarktung von Nischenprodukten beachten muss? Kann ich diese erfüllen? Bin ich bereit, bestimmte Themenbereiche zu vertiefen, Informationsveranstaltungen sowie Weiterbildungskurse zu besuchen, um Wissenslücken zu schließen?
Anbau, Verarbeitung und Vermarktung von Sonderkulturen sind komplex. Ausbildung und ständige Weiterbildung sind von großer Bedeutung für einen langfristigen Erfolg – auch ändern sich Anforderungen, Vorschriften und Richtlinien. Rechtliche sowie steuerrechtliche Voraussetzungen müssen beachtet werden.

Vereinbare Tätigkeiten
Ist der Betriebszweig Sonderkulturen vereinbar mit den anderen Tätigkeiten am Betrieb oder mit den Tätigkeiten außerhalb des Hofes? Habe ich als Betriebsleiter und hat meine Familie genügend zeitliche Ressourcen beziehungsweise die Möglichkeit, den Betrieb auch arbeitswirtschaftlich neu auszurichten? Ist die Arbeitsbelastung vertretbar?
Sonderkulturen gelten allgemein als arbeitsintensiv. Arbeitsspitzen müssen mit entsprechendem Personal abgedeckt werden – die Einstellung zusätzlicher Arbeitskräfte kann erforderlich sein.

Finanzkraft
Habe ich Kapitalressourcen für das Vorhaben beziehungsweise finanzielle Rücklagen, um Ausfälle ausgleichen zu können? Gibt es Fördermöglichkeiten für mein Vorhaben?
Der Investitionsbedarf beim Anbau ist abhängig von der Kultur und dem gewählten Anbausystem. Neben der Anlagenerstellung können noch weitere betriebliche Investitionen erforderlich sein, z. B. Verarbeitungsraum und Räumlichkeiten für Arbeitskräfte. Ausfälle unterschiedlicher Art müssen mit einkalkuliert werden. Die möglichen Förderungen sollen als Starthilfe gesehen werden und nicht ausschlaggebend für Entscheidungen sein.

Geräte und Maschinen
Habe ich für andere Betriebszweige bereits Geräte und Maschinen, die ich auch bei Sonderkulturen einsetzen kann, oder ist ein Neuerwerb notwendig?
Sonderkulturen erfordern teilweise den Einsatz von Spezialmaschinen für Bodenbearbeitung, Kultur- und Pflanzenschutzmaßnahmen sowie Ernte. Dabei entstehen Kosten im laufenden Betrieb sowie verschiedene Fixspesen. Folgende Faktoren wirken sich daher auf das Betriebsergebnis aus: Auf welche Betriebszweige werden die erforderlichen Maschinen und Geräte verteilt? Sind Maschinen und Geräte bereits vorhanden? Können sie gegebenenfalls besser ausgelastet werden? Oft ist der überbetriebliche Einsatz von Maschinen und Geräten sinnvoll. Zudem gilt es, mögliche Investitionen in Lagerung, Vermarktung und Verarbeitung zu berücksichtigen.

3. Absatzkanäle


Absatzkanäle
Habe ich bereits konkrete Vorstellungen, wie und wo ich die Erzeugnisse beziehungsweise Produkte vermarkten kann? Kenne ich die verschiedenen möglichen Vertriebskanäle, deren Vor- und Nachteile? Stellt die Verarbeitung von Produkten für mich eine sinnvolle Möglichkeit dar?
Jeder Vertriebskanal hat Vor- und Nachteile. Die Vertriebsstrategie ist im Einklang mit verschiedenen Einflussfaktoren festzulegen. Eventuell können mehrere Vertriebskanäle miteinander kombiniert werden und sich ergänzen. Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Verarbeitung von Produkten zur gewählten Gesamtstrategie des Betriebes passt. Zu einer erfolgreichen Verarbeitung gehören viel Können und Wissen.


- Broschüre "Nischenkulturen als Erwerbsmöglichkeit" liefert wertvolle Informationen