Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 05.03.2015

Wir müssen reden!

Die Anliegen der bäuerlichen Familien und die Ansprüche der Gesellschaft in Einklang bringen: Wie ist dieser Spagat zu schaffen? Dieser Frage ist der Südtiroler Bauernbund bei der Landesversammlung im Bozner Waltherhaus auf den Grund gegangen. von Bernhard Christanell

Der Bauernbund will den Dialog zur Gesellschaft stärken und die Landwirtschaft noch besser erklären.

Der Bauernbund will den Dialog zur Gesellschaft stärken und die Landwirtschaft noch besser erklären.

Rund 20.000 bäuerliche Betriebe gibt es in Südtirol, das entspricht in etwa einem Betrieb pro 26 Einwohner. Mit knapp 54.000 familieneigenen Beschäftigten und etwa 30.000 weiteren Arbeitskräften ist die Landwirtschaft ein wichtiger wirtschaftlicher Sektor, der etwa zehn Prozent der Arbeitsplätze in Südtirol schafft und für eine Wertschöpfung von 700 Millionen Euro verantwortlich ist.  Beeindruckende Zahlen, bei denen Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler aber sogleich einräumte: „Sie sind zwar sehr anschaulich, dem wahren Wert der Landwirtschaft werden sie aber nicht gerecht.“
Viel wichtiger seien die vielfältigen Leistungen der Landwirtschaft: die Produktion von qualitativ hochwertigen Lebensmitteln, die Pflege und Erhaltung der Kulturlandschaft und die Mitgestaltung des sozialen Lebens im Land. „Kurz gesagt: Die Landwirtschaft schafft die Lebensgrundlage dafür, dass die Menschen in diesem Land gut leben können“, unterstrich Tiefenthaler.
Dabei seien die Bauern bei ihrer Arbeit Bedingungen unterworfen, wie es sie für keinen anderen Wirtschaftszweig gebe. Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner erklärte, warum die Landwirtschaft etwas Besonderes ist: „Der Agrarmarkt gehorcht besonderen Gesetzen, die Produktion und damit der Ertrag schwankt stark, weil wir unter freiem  Himmel produzieren. Die Landwirtschaft stellt verderbliche Waren her, und die größte Besonderheit ist wohl, dass die Landwirtschaft unseren Tisch deckt.“ Besonders sei auch, dass die Preise der Agrarprodukte leider – oder Gottseidank, je nach Sicht des Betrachters – nicht den allgemeinen Preisentwicklungen folgen. „Würde der Markt wirklich alle Leistungen der Landwirtschaft begleichen, würden wir uns viele Diskussionen darüber sparen können, warum denn viele bäuerliche Familien die Unterstützung der öffentlichen Hand und damit der Gesellschaft benötigen“, stellte Rinner fest.

Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache
Auf die vielfältigen Leistungen der Landwirtschaft wieder deutlicher hinzuweisen und sie der Gesellschaft zu erklären, sei eine große Herausforderung der heutigen Zeit. Die Gesellschaft sei wesentlich kritischer geworden, es gehöre – erinnerte Rinner – „fast schon zum guten Ton, sich kritisch-distanziert zu Entwicklungen der Landwirtschaft zu äußern“.
Umso mehr sei es wichtig, dass die Bäuerinnen und Bauern vermehrt Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache betreiben. „Die Gesellschaft malt sich ihr Bild von der Landwirtschaft vorwiegend mit Hilfe der Medien. Wir müssen wieder selbst den Pinsel in die Hand nehmen und mit guten Argumenten realistische Bilder unserer Landwirtschaft malen“, forderte Rinner die Bäuerinnen und Bauern auf.
Im Austausch mit den Mitbürgern und den Gästen hätten auch kritische Diskussionen über die Ausrichtung der Landwirtschaft durchaus Platz, es dürfe aber keinen Platz für Ideologie und Demagogie geben.
Möglichkeiten des Dialogs mit der Gesellschaft gebe es genug: Mit Veranstaltungen wie dem Bauernhof-Sonntag oder dem Erntedankfest versuche der Bauernbund schon jetzt, der nichtbäuerlichen Bevölkerung die Landwirtschaft zu erklären. „Diesen Weg müssen und werden wir konsequent weitergehen und weiterhin Schritte in diese Richtung setzen“, betonte Obmann Tiefenthaler.

Spannungsfelder Pflanzenschutz und Almerschließung
Zwei der Themenbereiche, in denen es zuletzt immer wieder Reibungspunkte mit der Gesellschaft gibt, sprach Leo Tiefenthaler konkret an: den Pflanzenschutz und die Alm-erschließungen: „Wir haben nicht nur enorm strenge Hygienebestimmungen bei der Milchverarbeitung und das schärfste Weingesetz der Welt, sondern sind gerade auch im Obstbau Vorreiter: Seit 25 Jahren betreiben wir freiwillig integrierten Pflanzenschutz, seit vielen Jahren freiwillig integrierte Produktion. Südtirol hat sich hier einen Vorsprung erarbeitet, der vielen gar nicht bewusst ist.“
Landeshauptmann Arno Kompatscher stärkte den Obstbauern in seinen Grußworten den Rücken: „Die Gesundheit der Bevölkerung steht an erster Stelle. Aber wir dürfen die Obstbauern nicht so einschränken, dass sie nicht mehr arbeiten können!“ Natürlich müsse sich auch die Obstwirtschaft weiter entwickeln. „Daran werden wir, die Politik, gemeinsam mit der Obstwirtschaft weiter arbeiten.“
Der zweite oft kritisierte Bereich sei jener der Zufahrtswege auf die Almen. Wer diese kritisere, müsse – betonte Tiefenthaler – eines bedenken: „Diese Zufahrten sind notwendig, damit eine Bewirtschaftung weiterhin möglich bleibt. Landwirtschaft ist kein Hobby, da steckt das Wort Wirtschaft drin. Auch wir Bauern müssen unsere Betriebe konkurrenzfähig halten und unsere Familien ernähren“, betonte Tiefenthaler.
Vielfach hätten Menschen heute ein Bild von der Landwirtschaft und eine Erwartungshaltung, die mit der Realität nichts zu tun hat. Zum Teil sei dies durchaus nachvollziehbar: „Wer fern von der landwirtschaftlichen Produktion  aufwächst und lebt, versteht die Arbeit der Bauern nicht immer“, räumte Tiefenthaler ein.

Realität statt Romantik
Dennoch werde es Zeit, dass sich jene, die ein allzu romantisches Bild von der Landwirtschaft haben, sich davon verabschieden. Im Straßenbau sei es selbstverständlich, dass die neuesten Maschinen zum Einsatz kommen, und in jedem Büro stehen Computer der neuesten Generation, mit denen man effizient arbeiten kann.
„So ist es auch in der Landwirtschaft: Auch die Bauern brauchen moderne Maschinen, um gut arbeiten zu können. Die Zeiten, in denen unsere Bauern ihre Felder mit Ochsen gepflügt haben, sind endgültig vorbei!“, stellte Tiefenthaler klar.
Der österreichische Landwirtschafts-Minister Andrä Rupprechter, der in seinem Gastreferat über die Wechselwirkungen von Landwirtschaft und Gesellschaft sprach, fand klare Worte gegenüber überzogenen Erwartungen von Teilen der Gesellschaft: „Wir brauchen keine Lehrmeister, die uns sagen, wie wir unsere Tiere und Pflanzen zu pflegen haben“, erinnerte Rupprechter.
In dieselbe Kerbe schlug Bauernbund-Direktor Rinner: „Wir sind auf einen sachgerechten Umgang der Politik mit den Anforderungen der Gesellschaft angewiesen, wir können uns nicht die Idealvorstellungen anderer aufzwingen lassen.“
Für Themenbereiche, bei denen es zu Konflikten mit den Erwartungen der Gesellschaft komme, brauche die Landwirtschaft vor allem Lösungen, die am Markt umsetzbar seien. „Auf Verbote, die der Landwirtschaft gegenüber ausgesprochen werden, trifft dies ganz gewiss nicht zu. Sie sind für unsere bäuerlichen Familien am Markt nicht absetzbar“, unterstrich Rinner.
Allen kritischen Teilen der Gesellschaft bietet der Bauernbund auch weiterhin seine Zusammenarbeit an. Obmann Tiefenthaler versprach: „Wir wollen nicht Gegner, sondern Partner der Gesellschaft sein, nehmen ihre Wünsche ernst und versuchen das, was möglich ist, auch umzusetzen. Wir nehmen auch kritische Stimmen zum Anlass, unsere Arbeit zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Als Gegenleistung erwarten wir uns aber auch genauso viel Verständnis von unseren Kritikern und vor allem die Unterstützung aller Südtirolerinnen und Südtiroler, indem sie unsere Produkte kaufen und damit die heimische Landwirtschaft unterstützen.“

Landwirtschaft ist voller Ideen
Dass Südtirols Bäuerinnen und Bauern alles andere als rückständig sind, zeigen die vielen innovativen Ideen, mit denen sie immer wieder aufhorchen lassen: „Im Innovationsschalter, den wir beim Bauernbund eingerichtet haben, sehen wir Tag für Tag, zu welchen Ideen unsere Landwirte fähig sind. Auch diese innovativen Ideen müssen wir noch stärker als bisher der Bevölkerung näher bringen“, forderte Tiefenthaler.
Die Landwirtschaft als Triebfeder im ländlichen Raum zeige sich auch in der neu gegründeten „Plattform Land“, wo der Bauernbund und der Südtiroler Gemeindenverband gemeinsam mit den führenden Wirtschaftsverbänden daran arbeiten, die Peripherie in Südtirol durch Infrastrukturen, Arbeitsplätze und Dienstleistungen zu erhalten. Schwerpunkte der „Plattform Land“ seien die Verhinderung der Abwanderung und eine intelligente Flächennutzung.
Die Erhaltung des ländlichen Raumes ist auch eines der Anliegen, die den Südtiroler und den Tiroler Bauernbund verbinden. Der Obmann des letzteren – Josef Geisler – sichterte in seinen Grußworten zu, auch weiterhin die Gesamttiroler Anliegen zu unterstützen: „Ein konkretes Beispiel bietet sich schon in zwei Wochen in Straßburg – bei einer Tagung der beiden EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann und Elisabeth Köstinger zum Auslaufen des EU-Milchquotensystems.“