Südtiroler Landwirt | 05.03.2015

Werte tragen und geben Halt

Was erfüllt unser Leben? Dieser Frage ging Pater Olaf Wurm bei der Bezirksversammlung der Bozner Bäuerinnen nach. Der „Südtiroler Landwirt“ fasst seine zehn Werte für ein gelingendes Leben zusammen. von Olaf Wurm

Wurzeln brauchen entsprechenden Boden, um darin Halt zu finden. Dasselbe gilt für unser Leben. (Foto: Karl-Heinz Laube, www.pixelio.de)

Wurzeln brauchen entsprechenden Boden, um darin Halt zu finden. Dasselbe gilt für unser Leben. (Foto: Karl-Heinz Laube, www.pixelio.de)

In vielen Wörtern kommt der Begriff „Wert“ vor. So „verwerten“ wir Informationen, sehen Dinge und Ereignisse als „wertlos“ oder „wertvoll“ an, „bewerten“, investieren in „Wertanlagen“ oder ernähren uns „vollwertig“.

Was aber sind Werte?
„Werte“ können als persönliche Einstellungen und individuell geprägte Wahrheiten, als Lebensphilosophien und wirksame Grundsätze des Lebens oder als Weltbilder, so genannte „Tugenden“ bezeichnet werden, die unsere individuelle Art des Fühlens, Denkens und Handelns beeinflussen und damit eine „innere Richtschnur“ in unserem Leben darstellen.
Werte sind grundlegende Elemente, die für eine verantwortungsvolle Gestaltung der eigenen Lebenszeit und für ein Zusammenleben mit anderen Menschen von tragender Bedeutung sind. Wir Menschen brauchen Werte und Werteübereinstimmungen, um eine glückliche Beziehung zu uns selbst herzustellen, kommunikationsfreundlich mit anderen Menschen umgehen zu können und die (un)mittelbar erlebbare Welt verantwortlich mitzugestalten.
Aber: Was dem einen als gut oder noch tolerabel erscheint, ist für den anderen unerträglich. Gemeinsame, lange als selbstverständlich gehaltene Wertüberzeugungen driften heute deutlich auseinander.
Es ist gut, wenn es in Artikel 1 unserer Verfassung heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Wir spüren aber zunehmend, dass dieser Verfassungsartikel ein bestimmtes Menschenbild voraussetzt, dessen allgemeine Selbstverständlichkeit nicht mehr vorausgesetzt werden kann.

Wertewandel und gesellschaftlicher Wandel
Denn wir müssen beachten, dass Wertewandel und gesellschaftlicher Wandel in engem Zusammenhang stehen: Beispielsweise lässt ein Mehr an Bildung den Freiheitsraum der Menschen wachsen. Dadurch verändern sich ihre Ansprüche in Bezug auf ihre persönliche, aber auch gesellschaftlich-politische Freiheit. Dies wiederum hat Einfluss auf Partnerschaftsbeziehungen, auf das Bindungsverhalten im privaten und öffentlichen Bereich. Menschen belasten dann gegebenenfalls einander weniger. Man kann sich z. B. mit Hilfe eines liberalisierten Scheidungsrechtes schnell trennen. Die Kehrseite aber ist: Menschen stützen und tragen einander auch weniger. Die Ausweitung der Freiheitsräume bewirkt also, dass Menschen weniger gebunden sind, aber auch eher allein gelassen werden.
Wir stellen heute durchaus auch neue Werthaltungen fest, etwa neue Formen solidarischen Verhaltens. Es ist richtig: Bei jungen Leuten – und nicht nur bei ihnen – ist ein Rückgang überlieferter Formen von Solidarität zu beobachten. Andererseits aber auch eine Zunahme von sozialem, politischem und kulturellem Engagement. Nicht immer dominiert dabei reiner Altruismus, sondern auch der Wille, das eigene Leben zu bereichern und inhaltliche Befriedigung durch soziale Kommunikation zu gewinnen.

Haben Christen eigene Werte?
Die meisten Werte eines Christen sind auch die der anderen („ordentlichen“) Menschen. Grundtugenden wie Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, das rechte Maß halten sind allen Menschen einsichtig, auch wenn sie sich nicht immer danach richten!
Es ist also gar nicht so einfach, die Eigenheit einer christlichen Ethik zu bestimmen. Am ehesten wird sie in der Bergpredigt Jesu sichtbar: Es ist das Leben als Nachahmung der Verhaltensweise des Vaters im Himmel. Im Vergleich gesprochen: Ich respektiere die Straßenverkehrsordnung nicht wegen der Polizei, sondern wegen einer umfassenden Sicht des Lebens als eine kostbare Gabe, die ich nicht gefährden darf!

Welche Werte sind wesentlich?
Es müssen Werte sein, die etwas mit dem menschlichen Miteinander zu tun haben, denn innige Beziehungen tragen am nachhaltigsten zum Glück des Menschen bei.
Lassen Sie mich, in Anlehnung an die zehn Gebote, zehn Werte aufzählen, von denen ich meine, dass sie für ein gelingendes Leben und Miteinanderleben grundlegend sind:
Interesse am Nächsten haben
Jemand hat einmal gesagt: „Einen Menschen lieben, heißt Zeit für ihn haben.“ Das beginnt natürlich bei uns selbst, aber es sollte nicht bei uns selbst aufhören.

Opferbereitschaft
Für eine Beziehung sollte man sich auch in Bewegung setzen und Mühen auf sich nehmen. Doch wichtig dabei ist die Ausgewogenheit: In guten Beziehungen nehmen sich beide immer wieder zurück, nicht nur einer!

Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Treue
Sie sind die unentbehrliche Basis dafür, dass langfristig Respekt und Vertrauen zwischen Menschen wachsen können.

Großzügigkeit statt Missgunst
Wo berechnendes, materialistisches Denken herrscht, gehen menschliche Verbindungen über kurz oder lang an Habgier und Neid zugrunde. Alles, was wir anderen schenken, egal ob es Zeit, Geld, Liebe, Energie oder Interesse ist, schenken wir letzten Endes auch uns selbst.

Ausdauer und Durchhaltevermögen
Im Leben wird nichts Wertvolles erreicht, wenn man erwartet, dass es immer Spaß macht. Weder macht ein Beruf immer Spaß, noch Verheiratet sein, noch Kinder haben, noch Freundschaften pflegen …

Gesprächsfähigkeit und -bereitschaft
Rede mit den Menschen, die dir wichtig sind oder nahe stehen, nicht nur über das, was getan worden ist oder getan werden muss, sondern auch über das, was dich freut, bewegt oder belastet. Das schafft Entlastung, aber auch gegenseitiges Verständnis und Verbundenheit.

Streitkultur und Vergebungsorientierung
In jeder ehrlichen Beziehung gibt es Konflikte, Enttäuschungen und Verletzungen. Vielen fällt es leicht, sich auseinanderzusetzen, aber es fällt ihnen schwer, wieder auf den anderen zuzugehen, zu verzeihen.

Anerkennungskultur
Sage dem Menschen, den du schätzt, auch dass du ihn schätzt und was du an ihm schätzt. Nimm es nicht für selbstverständlich, dass er da ist und dich so „erträgt“, wie du bist.

Achtung vor der Natur
Ein achtsamer Umgang mit der Schöpfung und ihren Ressourcen ist heute dringender denn je.
Vielleicht denken manche jetzt: Wo bekomme ich die Kraft, um diese Werte in meinem Leben zu verwirklichen? Damit bin ich beim zehnten Wert: Re-ligio, zu deutsch: Rückbindung an Gott.
Die stärksten Wurzeln nutzen einem Baum nichts, wenn ihm der entsprechende Untergrund fehlt, in den sie hineinwachsen können. Der Standort entscheidet darüber, was aus ihm wird! Im Gegensatz zum Baum können wir Menschen uns eines Tages auf den Weg machen und unseren eigenen Wurzelgrund suchen. Wir haben ein geistig-seelisches Fundament, auf dem wir das Haus unseres Lebens bauen wollen.
Denn eines ist klar: Wir brauchen Vertrauen in uns selbst, aber wir können nicht in uns selbst Wurzeln schlagen. Jedes Haus ist nur so stabil wie sein Fundament.
Für mich persönlich gilt: Die Basis für mein Lebensgebäude, das muss ein Du sein. Ein Du, das größer ist als ich, klüger und das weit mehr  weiß und sieht als ich mit all meiner Einsicht je sehen und wissen kann. Und: Es muss ein Du sein, dem ich vertrauen kann. Darum ist mein Wurzelgrund ganz konkret Gott, in den Jesus vertraut hat...
Natürlich ist mein Glaube nicht unveränderlich, sondern in Bewegung: Da gibt es auch Erschütterungen, Erdrutsche oder Dürrezeiten, und dennoch ist mir dieser Glaube aus mindestens drei Gründen unentbehrlich:

Mein Glaube gibt mir Ziele
Ich habe mal den Satz gehört: „Nur ein Schiff, das angebunden ist, schwimmt nicht mit dem Strom.“ Ich will nicht mit dem Strom schwimmen und mich von Werten und Urteilen meiner Umgebung bestimmen lassen, sondern innerlich unabhängig sein. Das kann ich nur, wenn ich abhängig bin von Gott. Verstehen Sie mich recht, ich freue mich, dass ich etwas zu geben habe und etwas leisten kann, aber ich will nie vergessen, dass mein persönlicher Wert nicht in meiner Leistungsfähigkeit oder meinen Erfolgen liegt, sondern er liegt darin, dass ich „ich“ bin und so von Gott akzeptiert werde.

Mein Glaube ist eine Haltung
Haben Sie sich schon einmal überlegt, wo Sie als Person unersetzlich sind? Als Arbeitskraft sind Sie ersetzbar, ob in Beruf oder Familie. Als Kunde sind Sie auch ersetzbar. Unersetzlich sind Sie eigentlich nur da, wo Sie lieben – sei es als Freundin oder Freund, als Mutter oder Vater, als einfühlsamer Ehepartner, auch als guter Chef oder Kollege.
Doch diese Liebesfähigkeit, die schöpfe ich nicht nur aus mir selbst. Da ist der Akku ganz schnell leer! Die schöpfe ich auch aus meinem Glauben und aus der Stille vor Gott.

Mein Glaube gibt mir Gelassenheit
Gelassenheit brauchen wir, um mit den Herausforderungen des Lebens fertig zu werden. Denn ist nicht die Angst unser ständiger Begleiter? Wenn Angst mich überfällt, dann bin ich froh, dass ich ihr etwas entgegensetzen kann: mein Vertrauen darauf, dass ich das Schwere nicht allein bewältigen muss. Gott wird mir die Kraft und die Menschen schicken, die ich brauche, um damit fertig zu werden und um weiterzukommen – auch in meinem Glauben. Und vergessen wir eines nicht: „Erst in der Nacht kannst du die Sterne sehen.“ Und Sterne können Orientierung geben.