Südtiroler Landwirt | 05.03.2015

Die Wunsch-Sorte der Zukunft

Was ist Cis-Genetik und kann sie den modernen Apfelanbau revolutionieren? Der „Südtiroler Landwirt“ hat Cesare Gessler, Wissenschaftler und emeritierter Dozent an der ETH Zürich, am Rande des Interpoma-Kongresses getroffen und dazu befragt. von Renate Anna Rubner (Interview)

Durch Gentransfer ist es möglich, bestimmte Eigenschaften in bekannte Sorten einzubauen. (Foto: Resimde.com; Montage: Daniel Hafner)

Durch Gentransfer ist es möglich, bestimmte Eigenschaften in bekannte Sorten einzubauen. (Foto: Resimde.com; Montage: Daniel Hafner)

Südtiroler Landwirt: Herr Gessler, Sie haben sich bis vor Kurzem intensiv mit Cis-Genetik am Apfel auseinandergesetzt. Wo sehen Sie die größten Vorteile des Gentransfers allgemein?
Cesare Gessler: Grundsätzlich können mit dem Transfer einzelner Gene bestimmte, auf Fehler oder nicht Funktionieren basierende Mängel bestimmter Sorten behoben werden. Am eindeutigsten kann das an Trauben und Äpfeln illustriert werden, weil dort die Sorte von Bedeutung ist.  Merlot, Pinot, Golden Delicious, Gala – alle sind hoch anfällig gegen bestimmte Krankheiten, die mittels massivem Einsatz von Pestiziden bekämpft werden müssen.
Durch klassische Züchtung können Resistenzen aus wilden Verwandten eingekreuzt werden. Dadurch entsteht aber eine neue Sorte mit anderen Eigenschaften. Und es braucht oft Jahrzehnte und etliche Rückkreuzungen, um ungünstige Eigenschaften des wilden Spenders wieder zu eliminieren.
Hingegen kann mit der Gentechnik das gleiche Resistenzgen innerhalb von ein oder zwei Jahren in die Zielsorte  transferiert werden. Voraussetzung dafür ist, dass die Resistenz-Gene schon bekannt und isoliert sind. Beim Apfel ist das mit zwei Resistenzgenen gegen den Apfelschorf und einem gegen den Feuerbrand der Fall.
Die Resistenz gegen Krankheiten ist in unseren Produktionssystemen eine zunehmend wichtige Eigenschaft, weil der Einsatz von Pestiziden immer fragwürdiger wird. Anderseits kann gerade im Wein- und Apfelanbau die Sorte nicht problemlos gewechselt werden.
Zusätzlich wissen wir, dass Resistenzen, die auf einem einzelnen Gen basieren, kurz- oder langfristig vom Schaderreger durchbrochen werden. Deshalb sollten immer mehrere Resistenz-Gene eingebaut werden, was mit Gentechnik möglich ist.

Viele Bauern stehen der Gentechnik kritisch gegenüber und können mit Begriffen wie Cis- und Trans-Genetik kaum etwas anfangen. Was hat Ihrer Ansicht nach die Cis-Genetik der Trans-Genetik voraus?
Grundsätzlich muss unterschieden werden, ob das Ziel-Gen von einem Spender stammt, das auch natürlich mit dem Empfänger gekreuzt werden kann (Cis-Genetik) oder von einem „exotischen“, nicht kreuzbaren Spender (Trans-Genetik). Bei Cis-Genetik kennen wir das Genprodukt und seine Wirkung oft schon von Kreuzungen und Sorten.
Ein Beispiel sind schorfresistente Apfel­sorten, wie Topaz zum Beispiel.  Man kann also behaupten, das Gen und sein Produkt sind schon getestet worden – durch alle diejenigen, die schon einen Topaz oder eine andere Vf-Sorte (Schorfresistenz, die von Malus floribunda stammt, Anm. d. Redaktion) gegessen haben.
Unnatürlich ist der Einbauort, wobei wir darauf achten können, dass nur Individuen selektioniert werden, bei denen der Einbau in „nicht kodierende Regionen des Genoms“ erfolgte. In Kürze wird man aber im-
stande sein, auch den Einbauort genau festzulegen.
Grundsätzlich sehe ich potentielle Probleme beim Einbau von „exotischen“ Genen (trans), die für ein Produkt kodieren, das nie in einer Pflanze produziert wurde. Es ist schwer vorauszusehen, was die möglichen Folgen davon sein können. Die Voraussagen dazu sind stark ideologisch gefärbt. Bei Cis-Genetik ist es relativ einfach: Wir müssen nur die Natur betrachten. Aber Achtung: Mit der heutigen Technologie werden immer noch Fremd-Gene (zum Beispiel Antibiotikaresistenz aus Bakterien) eingebaut – und zwar aus technischen Gründen. Also muss darauf geachtet werden, dass diese eliminiert oder nicht verwendet werden.

Wie erleben Sie als Wissenschaftler die allgemeine Haltung der Bevölkerung Europas gegenüber dem Gentransfer? Und wie steht die Politik dazu?
Sobald ich mit Einzelnen oder kleinen Gruppen diskutieren kann, wird die immer propagierte generelle negative Haltung ersetzt durch eine differenzierte Ansicht: Bestimmte Produkte können positiv gesehen werden (also positiv für die Umwelt, weil dann weniger Pestizide eingesetzt werden müssen), andere sind nur von Interesse der Groß-Agroindustrie (zum Beispiel die Herbizid-Resistenz).
Die Politiker sind in der Regel eher negativ eingestellt. Aber nicht, weil sie die Möglichkeiten nicht sehen, sondern aus Vorsicht oder Angst vor der lautstarken Kritik einzelner kleiner Gruppierungen. Diese führen oft – oder immer – eine stark vereinfachte Argumentation: Es handelt sich um ein Produkt eines Chemie-Konzerns (z.B. Monsanto), der Einsatz erfolgt großflächig in der Agroindustrie (z.B. Soja in Brasilien), das wiederum ist negativ für die Kleinbauern, es kommt zu einem Verlust der Sortenvielfalt und so fort. Das Fazit: Gentechnik ist schlecht. Solange sich diese Vereinfachungen verkaufen lassen, werden wir in Europa keine vernünftigen Produkte – die positiv für die Umwelt, die Bauern und die Konsumenten sind – der Gentechnik sehen, sondern höchstens Produkte von Großfirmen, die das Geld haben, sie auch zu vermarkten. Ein Beispiel dafür ist Herbizid-resistenter Mais.

Denken Sie, dass sich durch Aufklärung dahingehend etwas ändern lässt? Oder anders gefragt: Denken Sie, dass cis-genetisch veränderte Äpfel mittel- bis langfristig in unsere Verkaufsregale kommen können?
Sicher nicht in den nächsten 15 bis 20 Jahren. Generell werden sich Gentech-Produkte – und da gerade die vernünftigen – in China und der Dritten Welt durchsetzen.

Gibt es Länder, in denen Cis-gene Apfelbäume angebaut werden?
Bis heute nicht.

Denken Sie, dass sich Europa der Cis-Genetik öffnen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben?
Wir können uns leisten, weiterhin Pestizide einzusetzen. Die Art und Weise, wie bei uns Pestizide eingesetzt werden, ist im Gegensatz zu China und der Dritten Welt so, dass keine großen offensichtlichen Probleme auftreten, die ein drastisches Umdenken erfordern. Weil der Bio-Anbau prinzipiell gegen gentechnisch veränderte Produkte ist, ist auch von dieser Seite eher Opposition zu erwarten. …

In Südtirol wird derzeit das Thema Pflanzenschutzmittel vehement diskutiert. Es hat auch schon ein Referendum gegeben, in dem diejenigen, die ein absolutes Pflanzenschutzmittel-Verbot forderten, die Mehrheit erhalten haben. Wäre der Einsatz von Cis-genen Pflanzen in diesem Zusammenhang ein Lösungsansatz?
Auf jeden Fall, aber eben langfristig. Es braucht noch etliche Jahre Arbeit, bis von diesen einzelnen Bäumchen eine Produktionsanlage entstehen kann. Schon die Bewilligungsverfahren würden fünf bis zehn Jahre dauern. Und welcher Obstbauer würde schon das Risiko auf sich nehmen, eine Anlage zu pflanzen, die ihm zerstört wird oder mit Negativ-Propaganda eingedeckt wird, sodass er seine Früchte nicht verkaufen kann?

Können Sie behaupten, dass Cis-gene Pflanzen gesundheitlich und für die Umwelt gleich unproblematisch sind wie solche, die durch klassische Kreuzungszüchtung entstanden sind? Oder sogar weniger problematisch – siehe Thema Pflanzenschutzmittel?
Es braucht nicht viele Kenntnisse, um zu verstehen, dass zehn bis 15 Fungizid-Spritzungen, zigfache Durchfahrten mit dem Traktor und der entsprechende Dieselverbrauch nicht besonders umweltfreundlich sind. In der Schweiz setzen die Bio-Bauern zu 40 Prozent auf schorfresistente Sorten (Vf-Gen). Aber leider hält ein einzelnes Resistenzgen nicht sehr lange und in gewissen Anlagen kann sich der Schorfpilz wieder ausbreiten. Das war auch zu erwarten.
Aber auch der Bio-Anbau muss das produzieren, was der Kunde, was der Handel will: nämlich Gala und Golden Delicious. Würde demzufolge Gala mit dem Vf-Gen und einem zusätzlichen Resistenz-Gen angebaut, würden alle davon profitieren. Oder, als Wunsch-Sorte für die Zukunft: ein Gala, der schorfresistent und auch feuerbrandresistent ist. Und –  in ferner Zukunft – auch noch triebsuchtresistent ... Die Frage, ob diese weniger problematisch wären als Neuzüchtungen, müsste man dem Handel und den Konsumenten stellen. Wobei eine Neuzüchtung mit zwei Schorfresistenz-Genen mit gleichzeitiger Feuerbrand-Resistenz nicht innerhalb 20 oder 30 Jahren möglich wäre.


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Zur Person

Cesare Gessler studierte Agronomie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich) und schloss sie 1977 mit dem Doktorat ab.
Nach einem Aufenthalt an der University of Kentucky kehrte er 1980 an die ETH Zürich zurück und übernahm dort eine Stelle als Oberassistent am Institut für Phytomedizin. Im Jahre 1990 wurde er dort wissenschaftlicher Adjunkt.
Bereits als Oberassistent begann seine Tätigkeit als Dozent in den Fächern Systematische Biologie, Kryptogamen und Tropische Pflanzenpathologie.
Von 2003 bis 2007 leitete er das Projekt/Forschungszentrum Safecrop der Autonomen Provinz Trient.
Im Jahr 2006 wurde ihm der Titularprofessor der ETH verliehen.
2009 ehrte ihn die American Phytopathological Society (APS) mit dem Titel „Fellow“, mit dem außerordentliche Leistungen ausgezeichnet werden.
Seit Ende April 2014 ist Cesare Gessler emeritiert.