Wirtschaft, Südtiroler Landwirt, Politik | 19.02.2015

Fokus Bildung

Die acht Fachschulen für Landwirtschaft sowie Hauswirtschaft und Ernährung bieten eine berufliche Ausbildung in zahlreichen Fachrichtungen. Mit der Berufsmatura eröffnen sich jetzt aber ganz neue Möglichkeiten. von Martin Ebert, Abteilung für land-, forst- und hauswirtschaftliche Berufsbildung

An Südtirols Fachschulen bereiten sich Schüler und Schülerinnen erstmals auf die Matura vor. (Foto: Matteo Groppo)

An Südtirols Fachschulen bereiten sich Schüler und Schülerinnen erstmals auf die Matura vor. (Foto: Matteo Groppo)

Wir  sind zwar eine Art Versuchskaninchen. Trotzdem sind wir stolz darauf, als erste an einer Fachschule die Maturaprüfung abzulegen“, erklärt Christiane Gurschler aus Göflan. Sie besucht zur Zeit an der Fachschule für Hauswirtschaft und Ernährung Kortsch das fünfte (maturaführende) Schuljahr und bereitet sich mit viel Ehrgeiz auf die Abschlussprüfung vor.

Allgemeingültige Matura
Erst vor zwei Jahren ist es der Landesregierung gelungen, eine Vereinbarung mit dem Ministerium für Unterricht, Universität und Forschung zu unterzeichnen, mit der es den Südtiroler Berufs- und Fachschulen im Schuljahr 2014/15 erstmals möglich wird, ein maturaführendes Schuljahr anzubieten. Die Schülerinnen und Schüler werden während dieses Jahres auf die Anforderungen der „staatlichen Abschlussprüfung“ (Matura) vorbereitet.
Mit diesem Abschluss steht auch den Absolventen der Fachschulen für Land- und Hauswirtschaft der Weg für ein Studium an einer Universität oder Fachhochschule offen. Unter den Südtiroler Fachschulen sind es heuer die von Kortsch, die Fürstenburg und die Laimburg, die eine Maturaklasse eingeführt haben.

Über Wege und Umwege ans Ziel
Für Hannes Reiterer von der Maturaklasse an der Fachschule für Land- und Forstwirtschaft Fürstenburg stand bereits nach der Mittelschule fest, dass er den landwirtschaftlichen Viehzuchtbetrieb seiner Eltern weiterführen will. Der aus Flaas stammende Schüler hat daher an der Fachschule für Land- und Hauswirtschaft Salern die dreijährige Ausbildung zum Fachmann für Landwirtschaft absolviert. „In diesen drei Jahren habe ich mir die Grundlagen der Landwirtschaft in Theorie und Praxis angeeignet und eine angemessene Ausbildung für meinen beruflichen Werdegang erhalten. Damit war für mich zunächst das Thema Schule abgeschlossen“, erinnert er sich.
„Bald danach las ich im ,Südtiroler Landwirt‘ über die geplante Berufsmatura“, erzählt der Schüler. Diese Gelegenheit habe er sich nicht entgehen lassen wollen: Die Matura spiele heute eine zu entscheidende Rolle. Um zur Matura zugelassen zu werden, musste Hannes aber das vierte Spezialisierungsjahr abschließen: „Im vierten Jahr haben wir den Lehrstoff der vorhergehenden Jahre detaillierter und genauer durchgenommen. Zudem standen viele Auslandfahrten und ein vierwöchiges Betriebspraktikum auf dem Programm“, berichtet er.
Martin Sellemond aus Feldthurns blickt auf einen eher ungewöhnlichen schulischen Werdegang zurück: „Nach der Mittelschule besuchte ich das Technische Biennium in Brixen und danach ein Jahr die Gewerbeoberschule in Bozen. Anschließend entschied ich mich, die Fachschule Laimburg zu besuchen. Nach dem Spezialisierungsjahr war ich drei Jahre in einem Handwerksbetrieb tätig und habe mich dann erst entschlossen, die Matura nachzuholen“, erzählt Martin.
Zusätzlich zum positiven Abschluss des vierten Schuljahres mussten sich alle interessierten Schülerinnen und Schüler einem Test stellen, bei dem ihre sprachlichen und mathematischen Grundvoraussetzungen abgeklärt wurden. In einem persönlichen Gespräch wurde zudem ermittelt, welche Beweggründe der einzelne Schüler hat und wie groß seine Lernbereitschaft ist. Erst dann wurde entschieden, ob er in den Maturalehrgang aufgenommen wird.

Schwerpunkt auf allgemeinbildenden Fächern
Während in der dreijährigen Berufsausbildung und im vierten Spezialisierungsjahr der Praxisunterricht an den einzelnen Fachschulen im Vordergrund steht, wird im maturaführenden Lehrgang großer Wert auf den Theorieunterricht und auf die allgemeinbildenden Fächer gelegt. Damit können sich die Schülerinnen und Schüler angemessen auf die Maturaprüfung vorbereiten.
Auch Hannes räumt ein, dass er und seine Mitschüler in einigen Bereichen Mankos haben, die es im Maturajahr aufzuholen gilt: „Das eine oder andere Fach bereitet uns Schülern so manche Schwierigkeiten. Aber die können mit viel Fleiß und Einsatz gemeistert werden“, ist Hannes überzeugt.
Christiane meint in diesem Zusammenhang: „Die Lerninhalte entsprechen im Großen und Ganzen meinen Erwartungen. Mit dem Fach Ernährungslehre habe ich mich schon in den Jahren davor gerne und intensiv auseinandergesetzt. Im heurigen Schuljahr werden die Inhalte der einzelnen Fächer ausgebaut und weiter vertieft, was mich freut.“ Auch finde sie die Konzentration auf die theoretischen Fächer in Vorbereitung auf die Abschlussprüfung gut, weil das einen ungestörten Unterrichtsablauf ohne Unterbrechungen bedeutet.

Wozu Matura?
Auf die Frage, warum sie sich dazu entschieden haben, das Maturajahr an der Fachschule zu besuchen, geben Christiane, Hannes und Martin recht unterschiedliche Antworten.
Für Christiane steht fest, dass sie studieren möchte: „Für mich ist die Matura spätestens seit der dritten Klasse ein Ziel, das ich anstrebe. In diesem Jahr habe ich meine Leidenschaft für Lebensmitteltechnologie entdeckt und mich entschlossen, dieses Fach auch zu studieren.“ Sofern sie die Aufnahmeprüfung schaffen sollte, möchte sie im Herbst am MCI in Innsbruck damit anfangen. Sollte sie scheitern, greift Plan B: Das Studium von Chemie und Mathematik auf Lehramt.
Hannes zieht hingegen eher einen Eintritt ins Berufsleben in Betracht: „Mit der Matura stehen mir zahlreiche Türen offen: Ein Weiterstudium an einer Universität ist ebenso möglich, wie in die Arbeitswelt einzusteigen.“ Zurzeit gehe sein Interesse eher in Richtung Berufseinstieg. Besonders deshalb, weil sich einige Berufe sehr gut mit der Landwirtschaft  kombinieren lassen. Ein Studium biete seiner Meinung nach dagegen keine besseren Voraussetzungen in der Landwirtschaft.
„Ich habe mich entschieden die Matura zu machen“, erklärt Martin, „weil aus meiner Sicht die Bildung ein grundlegender Baustein für die berufliche Karriere ist.“ Seine konkreten Pläne für die Zukunft seien noch ungewiss. Er sei sich noch nicht sicher, ob er eine Universität besuchen wolle. „Aber eines Tages“ – da ist er sich sicher – „möchte ich in der Landwirtschaft arbeiten.“

Tage der offenen Tür an den Fachschulen:

Fachschule für Land- und Hauswirtschaft Salern (Vahrn)
: 27.02.2015 & 28.02.2015
Fachschule für Hauswirtschaft und Ernährung Neumarkt:
28.02.2015
Fachschule für Obst-, Wein- und Gartenbau Laimburg (Pfatten):
28.02.2015
Fachschule für Hauswirtschaft und Ernährung Kortsch (Schlanders):
28.02.2015
Fachschule für Land- und Forstwirtschaft Fürstenburg (Mals):
07.03.2015
Fachschule für Hauswirtschaft und Ernährung Frankenberg (Tisens):
14.03.2015
Fachschule für Hauswirtschaft und Ernährung Haslach (Bozen):
10.04.2015
Fachschule für Landwirtschaft, Hauswirtschaft und Ernährung Dietenheim (Bruneck):
(Tag der offenen Tür war bereits Anfang Februar)


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Was Fachschulen bieten


Fachschulen für Landwirtschaft
An den Fachschulen für Landwirtschaft erlangen die Absolventen nach bestandener Abschlussprüfung die Berufsbezeichnung „Fachmann bzw. Fachfrau für Landwirtschaft“. Je nach Schulstandort werden folgende Fachrichtungen angeboten: Berglandwirtschaft und ökologische Landwirtschaft, Berglandwirtschaft, Nutztierhaltung, Forstwirtschaft, Obstbau sowie Obst- und Weinbau.
Die Fachschule Laimburg ist darüber hinaus auch für die Ausbildung in den Bereichen Gartenbau und Floristik zuständig.
Seit dem Schuljahr 2007/08 gibt es an den Fachschulen für Landwirtschaft außerdem ein viertes Spezialisierungsjahr, das die Schüler als „Landwirtschaftlicher Betriebsleiter“ abschließen. Die Fachschulen Fürstenburg und Laimburg bieten heuer erstmals einen Maturalehrgang an.


Fachschulen für Hauswirtschaft und Ernährung
Die dreijährige Ausbildung beenden die Absolventen als Fachkraft für hauswirtschaftliche Dienstleistungen oder für Ernährungswirtschaft. Als dritte Fachrichtung gibt es seit dem Schuljahr 2014/15 zusätzlich die Ausbildung zur Fachkraft für Agrotourismus, die vor allem auf die Bedürfnisse von „Urlaub auf dem Bauernhof“-Betrieben zugeschnitten ist.
Mit dem Schuljahr 2010/11 wurde auch an den Fachschulen für Hauswirtschaft und Ernährung ein viertes Spezialisierungsjahr eingeführt, das die Schüler zur „Spezialisierten Fachkraft für Agrotourismus und Großhaushalte“ ausbildet. In Kortsch gibt es heuer erstmals einen Maturalehrgang.
Die Fachschule in Haslach (Bozen) bietet die Berufsausbildung im zweiten Bildungsweg an.


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