Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 19.02.2015

„Den Trend zur Regionalität nutzen“

Österreichs Land- und Forstwirtschaftsminister Andrä Rupprechter will den heimischen Konsum fördern und die Bedeutung der Landwirtschaft wieder mehr in den Mittelpunkt rücken. Rupprechter ist Hauptredner bei der Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes am Samstag, 28. Februar in Bozen. von Michael Deltedesco (Interview)

Andrä Rupprechter ist Österreichs Minister für Land- und Forstwirtschaft und Hauptredner bei der diesjährigen Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes. (Foto: Bernhard Kern)

Andrä Rupprechter ist Österreichs Minister für Land- und Forstwirtschaft und Hauptredner bei der diesjährigen Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes. (Foto: Bernhard Kern)

Südtiroler Landwirt: Herr Minister, Bäuerinnen und Bauern erbringen viele lebenswichtige gesellschaftliche Leistungen. Dennoch blickt die Gesellschaft zunehmend kritisch auf die Landwirtschaft. Wie kann man das Verständnis für bäuerliche Anliegen stärken?
Andrä Rupprechter: Seit meinem Amtsantritt setze ich mich mit Nachdruck dafür ein, dass der Wert der Landwirtschaft wieder verstärkt im Bewusstsein der Menschen verankert wird. Wir müssen bewussten Konsum fördern und den großen Trend zur Regionalität nutzen. Beispielsweise zeigt unsere Kampagne „Schau drauf“ auf, warum es sich auszahlt, heimische Produkte zu wählen. Unsere Bäuerinnen und Bauern stehen für qualitativ hochwertige Lebensmittel, und sie sorgen natürlich auch für umwelt- und klimafreundliche Rohstoffe und Energieträger.

Auch der Südtiroler Bauernbund möchte den Dialog mit der Gesellschaft verstärken. Wie wichtig ist es, wieder mehr mit den Bürgern zu kommunizieren?
Der Dialog mit der Gesellschaft ist absolut unverzichtbar. Das beste Beispiel dafür bieten die Vorzüge regionaler Märkte: Konsumentinnen und Konsumenten können sich dort direkt informieren, woher die Produkte kommen und wie sie erzeugt werden. Landwirtinnen und Landwirte wiederum erfahren die Kundenwünsche aus erster Hand. Verstärkt auf Regionalität zu setzen, bringt uns also alle weiter: Eine Steigerung von zehn Prozent beim heimischen Konsum bedeutet 10.000 neue Jobs.

Die Herausforderungen für die Landwirtschaft (Klimawandel, Ökologie, Lebensmittel- und Versorgungssicherheit usw.) werden zunehmen, sind sich Experten einig. Besonders kleinstrukturierte Betriebe in benachteiligten Gebieten werden das zu spüren bekommen. Werden kleine Betriebe im Berggebiet genügend von der Politik unterstützt? Wie sehen Sie die neue EU-Agrarpolitik?
Die flächendeckende und kleinstrukturierte Bewirtschaftung durch unsere Bäuerinnen und Bauern garantiert Ernährungssicherheit und Lebensmittelvielfalt. Das ist gerade in Zeiten einer stark steigenden Weltbevölkerung, globaler Krisen und Umweltkatastrophen sowie des Klimawandels von großer Bedeutung.
Um die Wettbewerbsfähigkeit aller Betriebe sicherzustellen, braucht es eine gesamteuropäische, konsequente Strategie. Genau das setzen wir im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik gerade um.

Bäuerinnen und Bauern sind künftig noch stärker betriebswirtschaftlich gefordert. Auch für sie werden unternehmerisches Denken und Innovation immer wichtiger. Ist die Landwirtschaft innovativ und „wirtschaftlich“ genug oder wo hat sie noch Nachholbedarf?
Bäuerin oder Bauer zu sein, heißt heute auch immer mehr, Unternehmerin und Unternehmer zu sein. Wichtig ist, dass ihre Leistungen entsprechend honoriert werden.
Beim Thema Innovation sehe ich noch großes Potenzial. Die Aufgaben der Landwirtschaft werden nämlich immer vielseitiger und ihre Bedeutung nimmt weiterhin zu. Der Agrarsektor kann auch in Umweltfragen einen wichtigen Beitrag leisten und ist der Schlüssel für die nachhaltige Entwicklung der ländlichen Räume Europas.

Ein zentrales Anliegen des Südtiroler Bauernbundes ist es, die Attraktivität des ländlichen Raumes zu erhalten. Dafür wurde erst kürzlich, zusammen mit Landespolitik, Wirtschaftsverbänden und Handelskammer, die „Plattform Land“ gegründet. Welche Maßnahmen zur Stärkung des ländlichen Raumes werden in Österreich ergriffen? Was wirkt besonders gut?
Unser zentrales Instrument für die Stärkung des ländlichen Raumes ist die Ländliche Entwicklung. Die breit gefächerten Maßnahmen unseres neuen Programmes reichen von der höheren Investitionsförderung über innovative Bildungs- und Beratungsangebote bis hin zum Ausbau der Breitband-Infrastruktur und zu sozialen Dienstleistungen. Dabei setzen wir auch verstärkt auf den direkten Dialog mit den Konsumentinnen und Konsumenten und verantwortungsvolles Wirtschaften im Einklang mit der Natur.

Der ländliche Raum wird von der Gesellschaft häufig mehr als Natur- und Freizeitraum und weniger als Wirtschaftsraum gesehen. Zudem kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen der Notwendigkeit einer landwirtschaftlichen Bewirtschaftung und den Vorstellungen des Naturschutzes. Wie soll man in Zukunft diesem Spannungsfeld begegnen?
Der ländliche Raum ist Lebens-, Wirtschafts-, Arbeits-, Natur-, Kultur- und Erholungsraum zugleich. Ich sehe darin aber keinen Widerspruch, ganz im Gegenteil.
Seit Generationen pflegen die bäuerlichen Familienbetriebe Österreichs einzigartige Kulturlandschaft und versorgen die Bevölkerung mit sicheren, gesunden Lebensmitteln. Für die Erhaltung ganz spezieller, vom Menschen weitestgehend unberührter Naturzonen stehen unsere Nationalparks. Auch darin zeigt sich unser Land vorbildlich.


Einladung/Programm - 68. Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes