Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 22.01.2015

Im neuen Jahr geht es zur Sache

Nach den Debatten und Reformen wird es 2015 konkret. SBB-Landesobmann Leo Tiefenthaler hat mit dem „Südtiroler Landwirt“ über die Zukunft der Landesförderung, die neuen Regeln beim Pflanzenschutz, das Ende der Milchquoten und die Gemeinderatswahlen gesprochen.

Im Netzwerk stark - Bauernbundobmann Leo Tiefenthaler will gemeinsam mit der Politik das schwierige Jahr 2015 meistern.

Im Netzwerk stark - Bauernbundobmann Leo Tiefenthaler will gemeinsam mit der Politik das schwierige Jahr 2015 meistern.

Südtiroler Landwirt: 2014 war für die Landwirtschaft kein gutes Jahr. Die Witterung, aber auch die heftige Kritik nicht nur am Obstbau, haben das Jahr gekennzeichnet. Was erwarten Sie sich von 2015?
Landesobmann Leo Tiefenthaler: 2014 war ein problematisches Jahr. Das schlechte Wetter und die Nässe sorgten für große Probleme in der Berglandwirtschaft, im Weinbau und bei den Sonderkulturen. Hinzu kam die Kirschessigfliege.
Im Obstbau war die Situation besser. Was den Obstbauern Sorgen macht, ist die Vermarktung. Durch die hohe Ernte in ganz Europa, die Stagnation beim Konsum und das Russland-Embargo sind die Preise stark unter Druck geraten.
Für heuer hoffe ich auf besseres Wetter und steigende Preise. Zudem wünsche ich mir, dass die häufig sehr populistische Pauschalkritik an der Landwirtschaft aufhört.

Aus verbandspolitischer Sicht war das abgelaufene Jahr eher durchwachsen. Wie hat sich der Wechsel in der Landesregierung auf die Zusammenarbeit ausgewirkt?
Politisch war 2014 das Jahr des Umbruchs – mit einem neuen Landeshauptmann, einer teilweise neuen Landesregierung und einem neuen Landesrat für Landwirtschaft. Dass da die Abstimmung nicht auf Anhieb optimal funktioniert, ist normal. Hinzu kam, dass verschiedene Förderungen ausgesetzt wurden, um neue Förderrichtlinien auszuarbeiten. Das hat für viel Kritik gesorgt hat, weil die Landwirtschaft darauf nicht vorbereitet war. Rückblickend war der Förderstopp nachvollziehbar.
In der Praxis wird sich nun zeigen, wie sich die neuen Richtlinien auswirken. Das gilt auch für die EU-Agrarpolitik. Mit dem Großteil der Neuerungen sind wir einverstanden. Nicht recht glücklich waren wir mit der einen oder anderen Presseaussendung der Landesverwaltung, wie zum Beispiel über die Entschädigung beim Besenwuchs oder über die Nässeschäden. In Zukunft wird man in der Kommunikation vorsichtiger sein müssen.
Kurzum: Es brauchte Anlaufzeit, um sich kennenzulernen und abzustimmen. Jetzt funktioniert die Zusammenarbeit deutlich besser. Das erwarten sich auch unsere Mitglieder – dass das Ressort Landwirtschaft und der Südtiroler Bauernbund zusammenarbeiten.

Der Obstbau stand letztes Jahr stark in der Kritik. Grund dafür war der Pflanzenschutz. Mittlerweile gibt es den Nationalen Aktionsplan, die Landesrichtlinie und die Rahmenvereinbarung mit den Bioverbänden. Werden sie die Probleme lösen können?
Die Neuregelung der Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln wird mit Sicherheit eine deutliche Verbesserung bringen. Besonders wichtig ist mir die Sensibilisierung der Mitglieder: Mit Broschüren, in Veranstaltungen usw. haben wir über die Neuerungen informiert und die Obstbauern darauf hingewiesen, verantwortungsvoll mit Pflanzenschutzmitteln umzugehen. Wir müssen die Abdrift in den Griff bekommen! Da hilft nur Sensibilisierung, Zusammenarbeit und gegenseitiger Respekt.
In der Öffentlichkeitsarbeit ist im letzten Jahr eine Imagekampagne für den Obstbau gestartet. Ziel ist es, die Bevölkerung über den Obstbau zu informieren und dessen wirtschaftliche Bedeutung hervorzuheben. Wir müssen noch besser erklären, welche enorme Entwicklung die Obstwirtschaft auch durch die Integrierte Produktion in den letzten Jahren genommen hat. Was viele nicht wissen: Wir sind vielen Anbaugebieten um Jahre voraus.

Ein kontroverses Thema war die Gülleausbringung in Natura 2000-Gebieten ...
Wir müssen deutlich machen, dass Gülle ein natürlicher und wertvoller Rohstoff ist, der auch in Natura 2000-Gebieten ausgebracht werden soll. Wir müssen vermehrt darauf hinweisen, dass sich durch die Gülleausbringung, in einem vernünftigen und verträglichen Maß, ein natürlicher Kreislauf schließt und sie wohl die natürlichste Form der Wiesendüngung ist.

Ein Trend ist in vielen Ländern feststellbar: Die Menschen verlieren zunehmend die Beziehung zur Produktion von Lebensmitteln. Wie kann man den Konsumenten wieder näher an die Landwirtschaft hinführen?
Die Kommunikation mit der Gesellschaft wird in den nächsten Jahren eine der Schlüsselaufgaben sein. Wir müssen Produzenten und Bürger wieder einander näher bringen. Sehr erfolgreiche Initiativen gibt es bereits. Die Bäuerinnen sind hier aktiv, aber besonders die Bauernjugend. Die Produktaktion „So(g) frisch“ war eine tolle Initiative der SBJ, die der Landwirtschaft sicher viel Sympathie gebracht hat. Auch der Bauernhof-Sonntag und das Erntedankfest waren ein voller Erfolg. Was wir unbedingt nützen müssen, ist der starke Trend hin zu mehr Regionalität. Die Menschen schätzen einheimische Produkte. Das ist unsere Chance.

Ein Schwerpunkt werden heuer die Gemeinderatswahlen sein. Welches Ziel hat sich der Südtiroler Bauernbund gesteckt?
Gerade in den Gemeinden ist eine starke bäuerliche Präsenz immens wichtig. Ganz viele Entscheidungen auf Gemeindeebene betreffen die Landwirtschaft direkt. Unser Ziel ist es, in allen Gemeinderäten gut vertreten zu sein. Je mehr bäuerliche Vertreter in die Gemeinden gewählt werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die bäuerlichen Anliegen umgesetzt werden. Das muss allen bewusst sein! Ich appelliere an alle, die bäuerlichen Kandidatinnen und Kandidaten gut zu wählen – im Mai bei den Wahlen, aber auch bei den Vorwahlen, die in der einen oder anderen Gemeinde in den kommenden Wochen anstehen.
Auch hoffe ich, dass sich viele Kandidatinnen und Kandidaten der Wahl stellen. Unser Ziel muss sein, die Zahl der bäuerlichen Bürgermeister, Gemeindereferenten und Gemeinderäte zumindest zu halten. Ideal wäre natürlich, ihre Zahl zu steigern.

Das Freihandelsabkommen TTIP mit den USA spaltet die Geister. Wie sehen Sie das Freihandelsabkommen?
Solange nicht alle Details bekannt sind, ist eine Bewertung schwierig. Fakt ist, dass derzeit viel mehr landwirtschaftliche Produkte aus Italien in die USA exportiert werden als umgekehrt. Insofern könnte ein Freihandelsabkommen eine große Chance sein – auch weil Südtirol gut aufgestellt ist, eine hohe Qualität produziert und schon derzeit stark im Export tätig ist. Eines muss klar sein: Die Standards, die in der EU gelten, müssen auch für amerikanische Produkte gelten. Marken und Ursprungsbezeichnungen müssen weiterhin geschützt bleiben.

Ende März laufen die Milchquoten aus. Sind die Südtiroler Betriebe auf den Wegfall vorbereitet?
Die weitere Entwicklung ist schwer vorauszusehen. Südtirol ist gut aufgestellt, hat mit den Milchhöfen eine professionelle Vermarktungsstruktur und beliefert interessante Märkte. Ich hoffe, dass wir kurzfristig, wo das Risiko am größten zu sein scheint, keine allzu großen Preisschwankungen erleben, wie sie derzeit in Deutschland zu sehen sind. Mittelfristig, und da schließe ich mich den Experten an, wird die Nachfrage nach Milchprodukten das Angebot übersteigen. Das lässt auf gute Preise hoffen.


Interview: Michael Deltedesco

Nach einem durchwachsenen Jahr 2014 hofft Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler, dass 2015 den Bauern mehr Glück bringt.

Nach einem durchwachsenen Jahr 2014 hofft Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler, dass 2015 den Bauern mehr Glück bringt.