Südtiroler Landwirt | 18.12.2014

Die Krippe im Koffer – die Heimat im Herzen

Während der Option zogen Südtiroler Familien in eine ungewisse Zukunft. Was uns diese Schicksale in der Fremde über Gottes Weihnachtsbotschaft verstehen lehrt, veranschaulicht eine Geschichte von Joseph Zoderer. von Bernhard Holzer, Dekan in Bozen

Ende Dezember jährt sich zum 75. Mal ein Tag, der zu den schwärzesten in der Geschichte Südtirols gehört: Unsere Eltern und Großeltern mussten bis zum 31. Dezember 1939 „freiwillig und unbeeinflusst“ eine Entscheidung treffen, die für viele zu einer regelrechten Zerreißprobe wurde. Sie mussten „verbindlich und endgültig“ wählen, ob sie auswandern und deutsch bleiben oder ob sie – ohne Garantie für den Schutz der deutschen Muttersprache und der kulturellen Identität – dableiben wollen.
Das Ganze ist als „Option“ in die Geschichte eingegangen. Ein schön klingendes Wort für eine brutale und grausame Wirklichkeit, die unbeschreibliches Leid verursacht und ganze Dorfgemeinschaften und Familien gespalten hat. Südtirolweit hatten sich bis zum Ablauf der Optionsfrist 86 Prozent für das Abwandern entschieden.

Die Weihnachtskrippe im Reisegepäck
Welches Schicksal die Deutschland-Optanten erwartete, lässt eine berührende Weihnachtsgeschichte von Joseph Zoderer mit dem Titel „Die Krippe im Koffer“ erahnen. Der Autor schildert in dieser Erzählung, dass zu den wenigen Habseligkeiten, welche die Eltern bei ihrer Reise mitschleppten, auch ein Holzkoffer mit einer vom Vater gefertigten Weihnachtskrippe gehörte. In diesem Koffer nahmen sie gleichsam ihre Heimat, winzig verkleinert, mit in die Fremde. In dieser Krippe war alles da, was Tiroler Identität ausmacht: Ein maßstabgetreu nachgebildetes Bauernhaus aus gespaltenen Lärchenspänen, rundherum grüne Wiesen mit weidenden Herden, schneebedeckte Berge, Menschen in ihren typischen Kleidern und schmucken Trachten.
Der vierjährige Bub von damals erinnert sich noch gut, wie er – vor der Krippe stehend – in seinen Gedanken oft die kleine Holzstiege hinaufstieg, die zum Eingang des in der Krippe nachgebildeten Elternhauses führte. Oft ist er in seinen Träumen auch durch die Haustür, die man mit dem Finger aufdrücken konnte, hineingeschlichen in die vertraute Stube. Diese Krippe war für ihn so etwas wie ein Ort der Geborgenheit, wie ein Stück Heimat mitten in der Fremde.

Wurzeln als Fundament für das Leben
Unwillkürlich habe ich mir beim Lesen dieser Erzählung gedacht: So eine winzig kleine Krippe möchte ich uns allen ins Herz hinein wünschen und mit ihr das Wissen und die Überzeugung, dass eine geheimnisvolle, gute und uns schützende Macht alle unsere Wege begleitet und mit uns mitgeht.
Auch in unserem Leben gibt es Wege, die uns verschiedentlich und oft genug auch unfreiwillig in die Fremde führen: In die Fremde eines Leids oder einer Krankheit, einer zerbrochenen Beziehung, einer schmerzenden Todeserfahrung. In die Fremde der zunehmenden Altersgebrechen, des Verlassen- oder nicht Verstandenwerdens, der Einsamkeit. Da machen Eltern die leidvolle Erfahrung, dass eines ihrer Kinder ganz andere Wege geht, weg von daheim, im wirklichen und im übertragenen Sinne. Welch schöneren Trost gibt es für sie dann als das Wissen: Wir haben unseren Kindern Wurzeln gegeben, familiäre und menschliche Wurzeln, aber auch Wurzeln im Glauben. Und diese Wurzeln werden ihnen – wo immer sie sind und in welche Situation sie immer auch kommen – Halt und Sicherheit geben. Sie sind für sie so etwas wie ein bleibendes und tragendes Fundament für ihr Leben.
Wenn´s drauf ankäme, könnten wir auf vieles im Leben verzichten, könnten wir vieles zurücklassen, so wie die Optanten vor 75 Jahren es gezwungenermaßen tun mussten. Aber auf das, was wir an Weihnachten feiern, darauf kann kein Christ verzichten. Weihnachten, das Fest der Menschwerdung Jesu, ist zusammen mit der Botschaft seiner Auferstehung die Mitte unseres Glaubens.

Weihnachten als Symbol für Geborgenheit bei Gott
Der Blick in unsere weihnachtlichen Krippen ruft in vielen von uns schöne Kindheitserinnerungen wach, Erinnerungen an frühere Zeiten, Erinnerungen an daheim. Er lässt uns daran denken, wo wir herkommen, aber auch wo wir hingehören. Wo unsere Wurzeln sind, aber auch welches unsere Bestimmung ist.
Und nicht zuletzt gibt uns Weihnachten die Gewissheit, dass es EINEN gibt, der alle unsere Wege mitgeht, auch die Wege in die Fremde. EINEN, der gekommen ist mit dem Auftrag und dem Ziel, uns Heimwege zu zeigen und zu ermöglichen, aus allem Fremden des menschlichen Lebens heraus, hinein in das Daheim und die Geborgenheit bei Gott.


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Ich bin bei dir

Von einem mir unbekannten Autor stammt der folgende Text, den er dem im Kind von Betlehem menschgewordenen Gott in den Mund gelegt hat:

In die Lichtblicke deiner Hoffnung
und in die Schatten deiner Angst,
in die Enttäuschungen deines Lebens
lege ich meine Zusage:
Ich bin bei dir.
In das Dunkel deiner Vergangenheit
und in das Ungewisse deiner Zukunft,
und in das Elend deiner Ohnmacht
lege ich meine Zusage:
Ich bin bei dir.
In die Fülle deiner Aufgaben
und in deine leere Geschäftigkeit,
in die Vielzahl deiner Fähigkeiten
und in die Grenzen deiner Begabung
lege ich meine Zusage:
Ich bin bei dir.
In die Freude deiner Erfolge
und in den Schmerz deines Versagens,
in die Sehnsucht deines Suchens
und in das Vertrauen deines Betens
lege ich meine Zusage:
Ich bin bei dir.


In diesem Wissen und in dieser Überzeugung wünsche allen Lesern ein friedvolles, gesegnetes Weihnachtsfest!

Bernhard Holzer, Dekan in Bozen

Wer von zu Hause weggeht, muss vieles zurücklassen. Was aber bleibt, ist die Gewissheit der Heimat und Geborgenheit bei Gott. (Dirk Maus, www.pixelio.de)