Südtiroler Landwirt, Produktion | 04.12.2014

Zukunft liegt nicht in Osteuropa

Dass der internationale Apfelmarkt in Bewegung ist, ist im Apfelland Südtirol längst bekannt. Beim Interpoma-Kongress im Kongresszentrum der Messe Bozen gingen namhafte Experten der Frage nach, worauf sich die Vermarkter vorbereiten müssen. von Bernhard Christanell

Die geänderte Marktstruktur hat auch Auswirkungen auf das Apfelsortiment in Südtirol.

Die geänderte Marktstruktur hat auch Auswirkungen auf das Apfelsortiment in Südtirol.

Am ersten Tag des internationalen Fachkongresses „Der Apfel in der Welt“ ging es um den Schwerpunkt „Neue Marktströme und die Organisation des Angebotes am weltweiten Apfelmarkt“. Den europäischen Apfelmarkt nahm dabei Helwig Schwartau von der deutschen Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) unter die Lupe. Schwartau ist ein profunder Kenner des internationalen Apfelmarktes und kennt auch das Apfelland Südtirol sehr gut.
Am Beginn seines Vortrages in Bozen bot Schwartau einen Überblick zur aktuellen Lage auf dem europäischen Apfelmarkt. Demnach gibt es in den 28 EU-Mitgliedsstaaten je nach Saison zwischen 7 und 7,8 Millionen Tonnen an Tafelware. Das Angebot verschiebt sich bereits seit Jahren kontinuierlich zu Gunsten der osteuropäischen Länder: Lag dieses 2010 noch bei etwa 25 Prozent, so wird es laut Schwartau bis 2020 auf rund 35 Prozent steigen.

Apfelkonsum rückläufig
Außerdem ist der europäische Apfelmarkt geprägt von einem rückläufigen Apfelkonsum. Wenn die rund 500 Millionen EU-Bürger die in der EU produzierten Äpfel allesamt selber essen müssten, dann müsste jeder EU-Bürger im Schnitt 15 Kilogramm Äpfel pro Jahr essen. Ein Konsumrückgang von jährlich zwei Prozent käme einem Minus von 150.000 Tonnen Tafeläpfeln pro Jahr gleich. Schwartau machte unmissverständlich klar: „Für die Europäer gibt es nur eine Lösung: Sie müssen mehr EU-Äpfel exportieren und weniger Überseeäpfel importieren.“
Bei den Exportmärkten für EU-Äpfel vollzieht sich zurzeit ein starker Wandel: Das Exportvolumen verschiebt sich stark in Richtung Süden. Beschleunigt wird dieser Trend, weil bekanntlich seit dem russischen Importstopp keine Äpfel mehr nach Russland geliefert werden können und damit ein großer Exportmarkt wegbricht. Schwartau zeigte Zahlen, laut denen Italien im Zeitraum von 2009/10 bis 2013/14 den Export nach Nordafrika und in den mittleren Osten stark erhöht hat. Neben Russland (minus 15,3 Prozent) und Südosteuropa (minus 19,2 Prozent) nehmen auch Märkte wie Spanien und Deutschland ab. Mehr Äpfel aus Italien exportiert wurden unter anderem nach Österreich, Südamerika, in die arabischen Länder und nach Asien.
Diese geänderte Marktstruktur hat auch deutliche Konsequenzen für die Neuanpflanzungen in Südtirol: „Die Sorte Gala liegt laut Daten des VOG bei 31 Prozent, Red Delicious bei 13 Prozent. Das zeugt von einer klaren Ausrichtung auf Exportmärkte außerhalb von Europa – und das ist gut so.“

Polen kämpft mit Russland-Embargo
Der russische Importstopp macht vor allem den polnischen Äpfelvermarktern zu schaffen. Aus Westeuropa sind nämlich in den vergangenen Jahren immer weniger Äpfel nach Russland gekommen. Lag der traditionell hohe Anteil an polnischen Äpfeln in Russland im Jahr 2010 laut Daten der AMI noch bei 61 Prozent, so stieg dieser bis zum Jahr 2013 auf 89 Prozent. In diesem Herbst hat Polen noch Restbestände von der letztjährigen Ernte, dazu kommt die verhinderte Exportmenge nach Russland. „Das bringt mit sich, dass Polen zurzeit knapp 700.000 Tonnen Äpfel zu viel hat, die es irgendwie loswerden muss. Diese Menge wird den Apfelmarkt in den kommenden Monaten sicher beeinflussen“, erklärte Schwartau.
Beim Kongress in der Messe Bozen war auch Dominik Wozniak von der polnischen Vermarktungsorganisation „Rajpol Cooperative“ zu Gast. Er berichtete von den polnischen Erfahrungen mit dem russischen Importstopp: „Die jetzige Situation war vor einem Jahr noch überhaupt nicht vorhersehbar. Natürlich haben wir jetzt vor allem Probleme mit Sorten wie Idared, die vorwiegend und in großen Mengen für den russischen Markt produziert wurden.“ Wozniak hofft jedoch neben neuen Märkten vor allem auf die polnische Bevölkerung: Der Anteil an Ware, die über Supermärkte in Polen verkauft wird, stieg zuletzt stark an. „Die Supermärkte setzen stark auf polnische Produkte. Ich habe ein gutes Gefühl, dass die Konsumenten in Polen mitziehen und wir dort mehr Äpfel absetzen können.

Traditionsmärkte werden Selbstversorger
Schwartau beleuchtete in seinem Vortrag auch noch die übrigen europäischen Märkte. Deutschland werde immer mehr zum Selbstversorger, für andere Länder werde es daher zunehmend schwierig, dort Ware zu platzieren. Der deutsche Apfelmarkt ist zudem gekennzeichnet durch eine große Nachfrage nach Clubsorten. Letzteres trifft auch auf den niederländischen Markt zu, die Eigenproduktion in den Niederlanden und im ganzen Benelux-Raum geht immer mehr in Richtung Birnen. Auch Großbritannien hat seinen Selbstversorgungsgrad mit Äpfeln in den letzten Jahren deutlich ausgebaut.
Zusammenfassend nannte Schwartau noch einmal die Gewinner und Verlierer der aktuellen Export-Entwicklung am internationalen Apfelmarkt. Unter den Sorten zählen zu den Gewinnern die Sorten Gala, Red Delicious sowie die Clubsorten Pink Lady und Kanzi, die Länder Italien, Frankreich und Spanien sowie Deutschland im Bereich der Clubsorten. Als Verlierer bei den Apfelexporten listete Schwartau die Sorten Braeburn, Jonagold, Jonagored, Idared, Gloster und Granny auf, alle Länder mit einem Liefer-Schwerpunkt nach Russland sowie Deutschland im Hinblick auf die Standardsorten.
Bei den Importen von der Südhalbkugel ist die Tendenz laut Schwartau rückläufig – eine Chance für Europa, mehr Ware in die zweite Saisonhälfte zu bringen. „Wenn die Exporte von der Südhalbkugel auf etwa 250.000 Tonnen zurückgehen würden, wäre das eine starke Marktentlastung.
Schwartaus Prognose für die Chancen von EU-Äpfeln auf dem osteuropäischen Markt fiel deutlich aus: „Osteuropa bleibt blockiert, auch wenn das Russland-Embargo fallen sollte. Im Apfelexport sollten Italien und Frankreich weiter im arabischen Raum und Asien expandieren. Deutschland und die Benelux-Staaten sollten sich stark auf den eigenen Markt konzentrieren.
Den Clubsorten prophezeit Schwartau, dass sie sich weiterhin etablieren werden, eine Ausweitung des Sortiments in die Breite – sprich: noch mehr zusätzliche Clubsorten – werde sich bei der derzeitigen Marktlage aber nicht ausgehen.


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Neue Sorte aus Neuseeland
Die Südtiroler Erzeugerorganisationen VOG und VI.P. haben auf der Interpoma in der Messe Bozen die ersten in Südtirol geernteten Früchte einer neuseeländischen Sortenneuheit vorgestellt. Der Name der Apfelsorte lautet Scilate,  die weltweite Vermarktung läuft unter der Marke envy®.
Scilate/envy® reiht sich in das Segment der extrasüßen/knackigen Sorten ein, zeichnet sich aber durch hervorragende organoleptische Eigenschaften aus. Entstanden ist der Apfel im Jahr 1985 als Ergebnis langjähriger Kreuzungsversuche beim Hort Research Institute in Havelock North/Neuseeland. Das neuseeländische Unternehmen ENZA (T&G) hat die exklusiven weltweiten Rechte für den Anbau und Vermarktung der Sorte von  Plant&Food Research erworben und vermarktet diese geschützte Sorte unter der Marke envy®.
Bei der neuen Sorte handelt es sich um eine Kreuzung von Gala und Braeburn, sie ist rot gestreift und großfrüchtig, mit sehr festem Fruchtfleisch und daher knackig, süß und saftig.
Vor zwei Jahren hatten sich VOG und VI.P die exklusiven Anbaurechte für Italien gesichert und mit den ersten Anpflanzungen begonnen, die nun ihre Früchte tragen. Bis 2016 werden 370.000 Bäume auf 110 Hektar in Südtirol gepflanzt, diese Pflanzungen ergeben im Vollertrag eine Ernte von rund 6000 Tonnen.