Südtiroler Landwirt, Betriebsberatung | 04.12.2014

Forschen für die Südtiroler Betriebe

Der deutsche Agrarwissenschaftler Matthias Gauly lehrt seit Herbst das Fach Nutztierzucht und -haltung an der Universität Bozen. Mit dem „Südtiroler Landwirt“ hat er über seine Forschungspläne und die Stärken der kleinen Viehwirtschaftsbetriebe in Südtirol gesprochen.

Gemeinschaftsställe bieten große arbeitswirtschaftliche Vorteile und wären in vielen Fällen eine gute Alternative.

Gemeinschaftsställe bieten große arbeitswirtschaftliche Vorteile und wären in vielen Fällen eine gute Alternative.

Südtiroler Landwirt: Herr Gauly, Sie sind seit wenigen Monaten Professor für Nutztierhaltung an der Uni Bozen. Was hat Sie dazu bewogen, ausgerechnet nach Südtirol zu kommen?
Prof. Matthias Gauly: Südtirol bietet ein ganz neues Umfeld für mich – in jeder Hinsicht: Die Freie Universität Bozen ist jung und hatte bisher den tierischen Bereich in der Forschung und Lehre nicht abgedeckt. Auch das landwirtschaftliche Umfeld ist für mich herausfordernd, weil es völlig anders ist als im Großteil Europas.

Was ist für Sie das Besondere an der Viehwirtschaft in Südtirol?
Die Spezialität der Südtiroler Landwirtschaft ist sicher die kleine Struktur und der große Anteil Nebenerwerbsbauern. Das Ziel muss es sein, diese Bauern in der Landwirtschaft zu behalten. Denn sie sorgen dafür, dass viele der Flächen noch bewirtschaftet werden und das typische Landschaftsbild erhalten bleibt.
Mein Interesse dreht sich um die Frage, wie man die kleinen Betriebe für die Zukunft erhalten und sie effizient weiterentwickeln kann, damit ein vernünftiges Einkommen aus der Viehwirtschaft möglich ist.

Haben Sie dazu bereits konkrete Forschungspläne?
Ich konzentriere mich auf das Milch- und Fleischrind, auf die kleinen Wiederkäuer und das Geflügel. Diese drei Tierhaltungssysteme möchte ich als Ganzes beleuchten und nicht nur einzelne Aspekte daraus.
Zusammen mit meinem Kollegen Prof. Christian Fischer gibt es Kontakte zum Beratungsring BRING, zum Versuchszentrum Laimburg und zu den Tierzuchtverbänden, damit wir auch Anregungen aus der Praxis erhalten. Eine erste konkrete Überlegung ist der Gemeinschaftsstall für Milchkühe.
Dahinter steht die Frage, wie Nebenerwerbsbauern sich gemeinschaftlich besser organisieren können.

Erklären Sie uns bitte das Modell eines Gemeinschaftsstalles näher. Was kann der Bauer davon haben?
Ein Gemeinschaftsstall bietet den Bauern große arbeitswirtschaftliche Vorteile. Wenn z. B. vier Landwirte, die jeweils zehn bis 15 Milchkühe haben, gemeinsam einen Laufstall für 60 Kühe betreiben, dann können sie sich ganz anders organisieren.
Sie können sich anders mechanisieren, bis hin zum automatisierten Melken, und gewinnen dadurch mehr Freizeit – im Idealfall bei einer Verbesserung der ökonomischen Situation. Wir wollen herausfinden, wie ein geeigneter Gemeinschaftsstall ausschauen kann und welche rechtlichen oder ökonomischen Rahmenbedingungen notwendig sind.

Bislang sind Gemeinschaftsställe zumeist gescheitert ...
Es gibt auch Beispiele, die funktionieren. Ein Gemeinschaftsstall ist nicht das Modell für alle Standorte. Die Partnerbetriebe dürfen nicht zu weit entfernt voneinander liegen, außerdem benötigt ein Laufstall einen gewissen Platz.
Aber ich glaube, dass der Gemeinschaftsstall für eine größere Zahl von Bauern schon eine Alternative sein kann, ohne dass sie die Bewirtschaftung der bisher genutzten Flächen aufgeben. Denn das wäre das Letzte, das wir wollen.

Worauf sollten interessierte Bauern achten, damit der gemeinsame Stall funktionieren kann?
Der Landwirt muss akzeptieren, dass er unternehmerische Entscheidungen gemeinsam mit seinen Partnern trifft. Dazu braucht es die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Viele sehen auch die Vorteile in der gemeinsamen Absprache. Voraussetzungen für die gute betriebliche Zusammenarbeit sind von vornherein klare Regelungen und Arbeitsabläufe.

Kommen wir zu den bestehenden Viehwirtschaftsbetrieben. Welchen Eindruck konnten sie bislang gewinnen?
Ich stelle fest, dass viele Optimierungen im Einzelbetrieb möglich sind. Die neu aufgestellte Beratung durch den BRING wird hier sehr hilfreich sein.
Allgemein hat die kleine Betriebsstruktur in Südtirol auch Vorteile. Die starke Bindung der Landwirte zu ihrem Hof und ihrer Landschaft, die hohe Motivation oder die Einbeziehung der familiären Arbeitskräfte sind gute Voraussetzungen, damit sich ein Betrieb erhalten und entwickeln kann. Auch die enge Bindung zum Urlaub auf dem Bauernhof ist eine einmalige Chance, dass der Landwirt aus seinen Produkten ein vernünftiges Einkommen erzielen kann.
Eine Stärke Südtirols ist auch der hohe Stellenwert regionaler Produkte. Hier sehe ich noch großes Potenzial für die Produktion von Rindfleisch.

Was sind die Vorteile kleiner Betriebe speziell in der Tierhaltung?
Kleine Betriebe haben große Vorteile in der Tierbeobachtung. Der Bauer kennt das einzelne Tier besser und erkennt frühzeitig, ob der Kuh etwas fehlt oder nicht. Auch die intensive Betreuung und die enge Bindung des Tieres zum Menschen sind vorteilhaft. Der Landwirt fühlt sich für das Tier verantwortlich. In einem Großstall ist das in dieser Intensität nicht möglich. Das sieht auch der Verbraucher so und honoriert das. Der Nachteil ist, dass wir heute den Anbindestall als nicht mehr ideales Haltungssystem für das Rind sehen. Daher muss man in kleinen Schritten weitergehen.

Was kann der Bauer machen, damit sich die Tiere im Anbindestall wohler fühlen?
Die Liegefläche für das Tier sollte groß genug sein und einen gewissen Liegekomfort bieten. Der Bauer kann für eine korrekte Art der Fixierung sorgen. Mit relativ einfachen Mitteln kann man viele Verbesserungen erreichen, z. B. die Helligkeit erhöhen oder Elemente austauschen. Ein Problem ist auch, dass unsere Kühe viel größer sind als jene, die früher im Stall standen. Man muss sich überlegen, ob z. B. das großrahmige Holstein-Rind die geeignete Rasse ist. Das Tiroler Grauvieh ist wegen seiner kleineren Dimensionen möglicherweise geeigneter für den Anbindestall. Bei der Wahl der Rasse müssen wir nicht nur die Milchleistung bewerten, sondern die gesamten Kosten des Tieres. In diesem Bereich brauchen wir mehr Forschung, um fundierte Zahlen zu haben.

Welche Rolle spielen Weidegang und Alpung, die in Südtirol weit verbreitet sind?
Wenn ein Tier im Anbindestall gehalten wird, ist es natürlich sehr wichtig, dass es Auslauf erhält und nicht das ganze Jahr über stehen muss. Abgesehen davon ist die Kuh auf der Alm ein großer Imageträger für die Landwirtschaft. Wo der Bürger – wie in Südtirol – auf der Weide und auf der Alm Tiere mit eigenen Augen sieht, steht er auch positiv zur gesamten Viehwirtschaft.


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Zur Person

Matthias Gauly
Der Agrarwissenschaftler Prof. Matthias Gauly (52) lehrte seit 2003 Produktionssysteme der Nutztiere an der Universität Göttingen. Seit 2009 sitzt er im wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, seit 2012 im Council der Europäischen Vereinigung für Tierproduktion und seit 2013 im Hauptausschuss der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft. Im August 2014 wechselte Gauly an die Fakultät für Naturwissenschaften und Technik der Uni Bozen. Er lehrt dort das Fach Nutztierhaltung im Studiengang Agrarwissenschaften.

Prof. Matthias Gauly lehrt an der Uni Bozen das Fach Nutztierhaltung im Studiengang Agrarwissenschaften.

Prof. Matthias Gauly lehrt an der Uni Bozen das Fach Nutztierhaltung im Studiengang Agrarwissenschaften.