Südtiroler Landwirt, Arbeitsberatung | 06.11.2014

Flexibler Kollektivvertrag

Nach langen Verhandlungen haben die Sozialpartner am 22. Oktober den neuen gesamtstaatlichen Kollektivvertrag für landwirtschaftliche Arbeiter und Gartenbauarbeiter erneuert. Er bringt höhere Entlohnungen, aber auch mehr Flexibilität für die Betriebe. Das wiederum sichert die Wettbewerbsfähigkeit. von Josef Haller

Apfelernte als klassische Arbeitsspitze: Die Bauernvertreter wollten vor allem die Wettbewerbsfähigkeit der Arbeitgeber sichern.

Apfelernte als klassische Arbeitsspitze: Die Bauernvertreter wollten vor allem die Wettbewerbsfähigkeit der Arbeitgeber sichern.

Die Erneuerung des gesamtstaatlichen Kollektivvertrages beinhaltet wesentliche Änderungen bei der Flexibilität der Arbeitszeiten und auch der Überstunden. Das ermöglicht den Landwirtschaftsbetrieben Arbeitsspitzen besser zu bewältigen und verbessert letztendlich ihre Wettbewerbsfähigkeit. Für den Südtiroler Bauernbund hat Josef Haller an den Verhandlungen beim Sitz des italienischen Bauernverbandes Confagricoltura teilgenommen.

Die Verhandlungen gestalteten sich diesmal langwierig und schwierig. Beide Seiten bemühten sich, ihre wichtigsten Verhandlungsargumente durchzubringen.
Zeitweise lag aufgrund verhärteter Positionen ein Scheitern der Verhandlungen im Raum. Knackpunkte waren letztendlich die Forderung der Arbeitgeber nach mehr Flexibilität sowie jene der Gewerkschaften nach Mitsprache in den Unternehmen, insbesondere bei der Auslagerung der Tätigkeit mittels Werkverträgen.

SBB am Verhandlungstisch dabei
Dieser Kollektivvertrag betrifft in Italien 1,2 Millionen Arbeiter, in Südtirol sind im Jahresdurchschnitt mehr als 8500 Arbeitnehmer in der Landwirtschaft beschäftigt.
Das zeigt: Dieser Kollektivvertrag wird auch für Südtirol immer wichtiger. Seit Jahren steigt die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe, die Arbeitnehmer beschäftigen müssen, um insbesondere den Arbeitsspitzen begegnen zu können. Der Südtiroler Bauernbund betreut über 3000 Arbeitgeber mit jährlich rund 60.000 erstellten Lohnstreifen, knapp die Hälfte davon sind italienische Staatsbürger. Die lohnabhängig Beschäftigten in der Landwirtschaft tragen zwischenzeitlich auch in Südtirol wesentlich dazu bei, Krisen anderer Sektoren auszugleichen.
So war die Entscheidung des Bauernbundes richtig, sich vor Jahren das Recht einzuhandeln, an der Delegation der Confagricoltura teilzunehmen, und somit die nationalen Kollektivvertragsverhandlungen mitgestalten zu können.

Arbeitszeiten
Denn die Betriebe können sich nur am Markt behaupten und Arbeitsplätze absichern, wenn Rahmenbestimmungen geschaffen werden, mit denen die Betriebe ihre Arbeitsspitzen bewältigen können. In Krisenzeiten gilt dies umso mehr. Vor diesem Hintergrund haben die Arbeitgeber mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten eingefordert.
Die Vertreter der Gewerkschaften zeigten dafür letztendlich Verständnis und man konnte sich auf wesentliche Änderungen bei den Arbeitszeiten einigen:
Die Möglichkeit, die wöchentliche Arbeitszeit von 39 Stunden auf 44 Stunden zu erhöhen, wurde von bisher 75 Stunden auf insgesamt 85 Stunden (also 17 Wochen lang 5 Stunden Mehrarbeit) aufgestockt. Diese Erhöhung der normalen Arbeitszeit zählt nicht als Überstunde, sondern wird in anderen Zeiträumen wieder ausgeglichen.
Die maximal möglichen Überstunden betrugen bisher 2 Stunden pro Tag, 12 Stunden pro Woche und 250 Stunden pro Jahr. Diese Obergrenzen wurden auf 3 Stunden pro Tag, 18 Stunden pro Woche und 300 Stunden pro Jahr aufgestockt.
Die maximale wöchentliche Arbeitszeit beträgt nun 39 Stunden normale Arbeitszeit. Sie kann um 5 Stunden sowie 18 Überstunden erhöht werden; also insgesamt 62 Stunden. Bisher lag die Summe bei 56 Stunden. 62 Stunden ermöglichen beispielsweise 4 Arbeitstage mit 10 Stunden sowie 2 Arbeitstage mit 11 Stunden.
Selbstverständlich müssen die gesetzlichen Pausen und Ruhezeiten eingehalten werden, z.B. ein Ruhetag pro Woche.

Entlohnung
Die Sozialpartner haben vereinbart, die Entlohnung um insgesamt 3,9 Prozent zu erhöhen. Diese Erhöhung wird wie folgt gewährt:
2,1 Prozent ab 1. November 2014. Diese Erhöhung umfasst auch den Ausgleich für die vertragsfreie Zeit zwischen Januar und Oktober 2014.
1,8 Prozent, ebenfalls auf die derzeit gültigen Entlohnungen, ab 1. Mai 2015.
Mit diesen Erhöhungen wird die Inflation des Zeitraumes ausgeglichen und die Kaufkraft der Löhne erhalten.

Andere Neuerungen
Zudem wurden die folgenden weiteren Maßnahmen vereinbart:
Dem Vater stehen nun bei Geburt eines Kindes zwei arbeitsfreie Tage zu. Bisher hatte er kollektivvertraglichen Anspruch auf einen arbeitsfreien Tag.
Bei Krebserkrankungen wird die unbezahlte Arbeitsplatzerhaltung um ein halbes Jahr verlängert.
Es wurden Leitlinien für die Anwendung der Produktivitätsprämien vereinbart. Der Südtiroler Landeskollektivvertrag war bisher einer der wenigen, der die Steuer- und Beitragsreduzierung für Produktivitätsprämien enthielt.
Die Tabellen mit den Mindestlöhnen wurden angepasst. Diese gelten für das gesamte Staatsgebiet. Der Landeskollektivvertrag liegt deutlich über diesen Untergrenzen.
Ebenfalls vereinbart wurden Leitlinien, um bilaterale Körperschaften auf territorialer Ebene einzuführen. Diese gibt es noch in wenigen Regionen. Sie können sozialpartnerschaftliche Aufgaben erfüllen, wie die Integrierung der Entlohnung bei Krankheit und Unfall, aber auch Beratung, Aus- und Weiterbildungstätigkeit für Arbeitssicherheit usw. Eine bilaterale Körperschaft wird durch Beiträge der  Arbeitnehmer und -geber finanziert.

Akzeptable Kompromisse
Die Sozialpartner haben sich bemüht, trotz schwierigen Rahmenbedingungen für beide Seiten akzeptable Kompromisse zu finden. Beim Thema Mitspracherecht und Recht auf Wiedereinstellung konnten die Arbeitgeber den Forderungen der Gewerkschaften nicht nachkommen.

Spielraum für Betriebe gesichert
So kann man festhalten: Es ist gelungen, einige wichtige Neuerungen im Kollektivvertrag zu verankern. Insbesondere die höhere Flexibilität bei den Arbeitszeiten ermöglicht den Landwirtschaftsbetrieben Spielraum, um Arbeitsspitzen besser begegnen zu können. Ebenso bleibt die Kaufkraft der Beschäftigten erhalten, was sich wiederum positiv auf die Gesamtwirtschaft auswirkt.
Die nächste Verhandlungsrunde zwischen den Sozialpartnern wird die Jahre 2016 / 2017 betreffen und findet auf provinzialer Ebene statt.