Südtiroler Landwirt | 31.10.2014

Bauernfamilien spielen Schlüsselrolle

Sie sichern nicht nur die Ernährung der Weltbevölkerung. Auch bei anderen globalen Zukunftsthemen läuft ohne die bäuerlichen Familienbetriebe wenig. Zu diesem Schluss kam eine internationale Tagung an der EURAC in Bozen. von Michael Deltedesco

Auf der heutigen Tagung wurde die Bedeutung der bäuerlichen Familienbetriebe näher beleuchtet: Tiefenthaler, Kebede, Kohler, Streifeneder, Fischer und und Kebede Eshete.

Auf der heutigen Tagung wurde die Bedeutung der bäuerlichen Familienbetriebe näher beleuchtet: Tiefenthaler, Kebede, Kohler, Streifeneder, Fischer und und Kebede Eshete.

Neun von zehn landwirtschaftlichen Betrieben weltweit werden von Familien geführt. Sie produzieren mehr als 80 Prozent der Lebensmittel. Bäuerliche Familienbetriebe spielen damit eine Schlüsselrolle für die Zukunft der Welt: nicht nur bei der Ernährungssicherung, sondern auch beim Klima- und Umweltschutz, dem Erosionsschutz und der Landschaftspflege.

Eine internationale Tagung anlässlich des UNO-Jahres der bäuerlichen Familienbetriebe hat sich vergangenen Freitag an der EURAC in Bozen mit der Bedeutung und zukünftigen Rolle der bäuerlichen Familienbetriebe beschäftigt.
Organisiert hatte sie der Südtiroler Bauernbund zusammen mit der EURAC und der Freien Universität Bozen.

Bauernfamilien gegen den Hunger
Etwa 570 Millionen bäuerliche Betriebe gibt es weltweit, über 500 Millionen davon sind Familienbetriebe – meist sind es Kleinbetriebe mit weniger als zwei Hektar Kulturgrund, wie Francesco Pierri von der Welternährungs-Organisation FAO in einer Videobotschaft erklärte: „Die bäuerlichen Familienbetriebe produzieren nicht nur für den Eigengebrauch oder die regionalen Kreisläufe, sondern sie sind mehr denn je entscheidend, wenn es um die Bekämpfung des Hungers geht.“

Besonders in den Berggebieten ist die landwirtschaftliche Produktion fast zur Gänze in der Hand von kleinstrukturierten bäuerlichen Familienbetrieben. Thomas Kohler von der Universität Bern wies darauf hin, dass sich andere Betriebsformen in den Bergen selten rechnen: „Dort sind wenige landwirtschaftlich nutzbare Flächen verfügbar. Steilheit und Höhenlage erschweren die Bewirtschaftung.“

Gerade für ein Berggebiet wie Südtirol sind Familienbetriebe laut Kohler wichtig: „Die Produktionsvielfalt kleinerer Betriebe ist deutlich höher. Zudem ist die hohe Biodiversität der Alpenflora das Ergebnis einer nachhaltigen Bewirtschaftung. Ohne Familienbetriebe wäre diese Flora gefährdet.“

Auch unter dem Aspekt der Arbeitsplätze sind bäuerliche Familienbetriebe von großer Bedeutung. „2,7 Milliarden Menschen arbeiten in einem Familienbetrieb oder verdanken ihren Arbeitsplatz direkt oder indirekt der bäuerlichen Landwirtschaft.“ Nicht zu unterschätzen ist laut Kohler auch die Pflege der Kulturlandschaft: „Ich möchte keine Wildnis haben, sondern eine gepflegte Landschaft.“

Sorge bereitete den Experten der Rückgang der Familienbetriebe in der Landwirtschaft. „In einigen Gebieten gibt es heute nur mehr halb so viele Betriebe wie vor einigen Jahrzehnten“, erklärte Thomas Streifeneder vom EURAC-Institut für Regionalentwicklung und Standortmanagement. Er stellte zusammen mit Prof. Christian Fischer von der Freien Universität Bozen eine Publikation über die bäuerlichen Familienbetriebe heute und morgen vor. In Südtirol nehme die Zahl der Betriebe zwar auch leicht ab, insgesamt aber sei die Entwicklung stabil. Die Forscher orientierten sich am Alter des Betriebsleiters: Dieser Indikator gibt darüber Aufschluss, wie sich die landwirtschaftlichen Betriebe entwickeln werden. In Italien sind fast 40 Prozent der Betriebsleiter über 65 Jahre alt. Entsprechend erwarten die beiden Forscher in Zukunft eine starke Betriebsabnahme. Mehr Stabilität erwartet Streifeneder für Südtirol: Hier liegt der Anteil der Über-65-Jährigen bei 21 Prozent.

Schlüsselkompetenz Innovation
Für Prof. Christian Fischer haben die bäuerlichen Familienbetriebe in den letzten Jahrzehnten eine erfolgreiche Entwicklung durchlaufen: Sie wurden vom Selbstversorger zum Verbundproduzenten und zum Kultur- bzw. Landschaftserhalter. Sie sind nicht überholt, sondern moderner denn je. Sie sind ein Teil der „New Economy“ geworden.

Um für die Zukunft gerüstet zu sein, gibt es kein Universalrezept, sehr wohl aber Erfolgsfaktoren: „Betriebe müssen offen sein für Innovationen und in die Aus- und Weiterbildung investieren. Sie müssen sich aufgrund der eigenen Stärken spezialisieren und nach Kooperationsmöglichkeiten suchen.“ Potential sieht Fischer in einer engeren Zusammenarbeit mit dem Tourismus. Für Thomas Kohler verdienen sich die Familienbetriebe mehr Wertschätzung: „Die Politik darf keine allzu großen zusätzlichen ökologischen Auflagen vorsehen. Stattdessen braucht es zusätzliche Einkommensergänzungen.“

Mit ganz anderen Herausforderungen sind die bäuerlichen Familienbetriebe in den Anden und in Äthiopien konfrontiert. So haben die afrikanischen Bauern mit Dürre und Erosion zu kämpfen, häufig fehlt auch der Zugang zu Kapital und Maschinen, berichteten Abba Temesgen Kebede Eshete und Solomon Kebede von der Caritas Meki in Äthiopien.

Frauen erfüllen zentrale Aufgaben
Einig waren sich die Referenten: Die Einheit von Betrieb und Familie macht die bäuerlichen Familie zu etwas Besonderem. Dennoch hat sich in den letzten Jahren die Rolle und das Selbstbewusstsein der Frauen auf den Höfen stark geändert. Frauen erfüllen am Hof zunehmend mehr Aufgaben, vor allem, wenn es um das Zusatzeinkommen geht. Laut einer Untersuchung von Studentinnen der Freien Universität Bozen erwirtschaften nahezu 60 Prozent der Bäuerinnen ein Zusatzeinkommen – zu etwa gleichen Teilen am und außerhalb des Hofes. Dieses Einkommen entspricht etwa 30 Prozent des Gesamteinkommens.

Starker Wirtschaftssektor
Landesrat Arnold Schuler hob die Bedeutung der heimischen bäuerlichen Familienbetriebe hervor. Immerhin machen Lebensmittel etwa 30 Prozent des Exports aus. Lob und Anerkennung für die bäuerlichen Familienbetriebe kamen auch von EURAC-Direktor Stephan Ortner und Universitäts-Präsident Prof. Konrad Bergmeister. SBB-Obmann Leo Tiefenthaler unterstrich, wie wichtig die Familien für die Entwicklung des Landes waren und weiterhin sind. In Zukunft gelte es vor allem auf Innovation zu setzen. Die Politik ersuchte Tiefenthaler, die bäuerlichen Familienbetriebe angemessen zu unterstützen.


Nachfolgend die Folien der einzelnen Vorträge zum Download (pdf):

Thomas Kohler: Berglandwirtschaft ist familienbetriebene Landwirtschaft

Thomas Streifeneder/Christian Fischer: Bäuerliche Familienbetriebe - Heute und morgen

Abba Temesgen Kebede Eshete: Äthiopien – Leben zwischen Dürre und Erosion


Maximilian Lösch: Anbau in den Anden - Von kargen Böden zur Vielfalt

Hiltraud Erschbamer: Die Rolle der Frau innerhalb der bäuerlichen Familie

Günther Schamel, Elisa Gemassmer und Katharina Beber: Sozialökonomische und familiäre Aspekte

Solomon Kebede (Äthiopien): Landwirt am Rande der Armut

Renè Eigenmann (Schweiz): Steter Wandel als Erfolgsrezept

Isidor Kompatscher (Völs): Viele Standbeine – viele Herausforderungen


Video zur "We are Alps tour 2014"