Südtiroler Landwirt | 30.10.2014

„Gebt ihnen Rechtssicherheit!“

Vergangene Woche erlebte der Südtiroler Landtag eine Premiere: Erstmals trat mit Gerd Sonnleitner ein UNO-Sonderbotschafter im unserem Landesparlament auf. Dank des Internationalen Jahres für bäuerliche Familienbetriebe stand die Landwirtschaft im Mittelpunkt. von Guido Steinegger

Der Vortrag von Gerd Sonnleitner im Landtag war sehr gut besucht.

Der Vortrag von Gerd Sonnleitner im Landtag war sehr gut besucht.

Es war ein ungewohntes Bild im Plenarsaal des Landtags: Statt der Landesregierung nahmen die Spitzen der bäuerlichen Organisationen Platz. Ihnen gegenüber saßen nicht nur Landtagsabgeordnete, sondern auch Vertreter aus den verschiedenen Sektoren der Südtiroler Landwirtschaft.

Grund dafür war ein außerordentlicher Besuch: Erstmals in der Geschichte hörte der Südtiroler Landtag einen UNO-Sonderbotschafter an. Und dieser sprach ausgerechnet über Landwirtschaft! Den Anlass für diese Anhörung gab das „Internationale Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe“ der Vereinten Nationen (UNO). Zum Sonderbotschafter dafür hatte die UNO einen – wie Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler sagte – „alten Freund der Südtiroler Landwirtschaft“ gemacht: Gerd Sonnleitner, vormals Präsident des bayerischen, deutschen und europäischen Bauernverbandes.

Landtagspräsident Thomas Widmann nannte Tiefenthalers Idee, Sonnleitner einzuladen, „eine gute Gelegenheit, den Südtiroler Landtag aufzuwerten.“ Südtirol sei eine kleine Region im Alpenraum und habe dennoch am wenigsten Landflucht im europäischen Vergleich. Dies sei auch Verdienst der bäuerlichen Familien: „Dank ihnen ist Südtirol ein attraktiver Tourismusstandort.“.

Tiefenthaler wies auf die Bedeutung der bäuerlichen Familienbetriebe für die Gesamtwirtschaft im Lande hin: „Diese Betriebe waren immer ein Hauptaugenmerk der Südtiroler Landesregierungen – wir sind zuversichtlich, dass dies so bleibt.“

Bauernfamilien stärken, Hunger bekämpfen
Dass die bäuerlichen Familienbetriebe nicht nur in Südtirol, sondern in aller Welt enorm viel leisten, war auch eine von Sonnleitners Kernaussagen: „Die UNO hat erkannt, wie wichtig die von Familien geführten Landwirtschaftsbetriebe in aller Welt sind. Sie produzieren weitaus die meisten Lebensmittel. Bäuerliche Familienbetriebe zu stärken heißt daher, den Hunger in der Welt zu bekämpfen.“ Die Gründe für Hunger sind vor allem Diktaturen oder Situationen der Rechtslosigkeit: „In Nordkorea gibt es Hungertote. Auch in Brasilien, Indien und einigen afrikanischen Ländern hungern Menschen, weil die Regierungen den Bauern wenig Sicherheit bieten.“ Sonnleitner weiter: Im Umkehrschluss sind also liberale Regierungen und Rechtssicherheit die wichtigsten Voraussetzungen für eine gesunde, marktfähige Landwirtschaft. Dort wird auch eine bessere Ausbildung der Bauern garantiert – ein weiterer Erfolgsfaktor.

Merkmale eines Familienbetriebs
Wichtig war Sonnleitner, zu erklären, was bäuerliche Familienbetriebe überhaupt sind: „Bei allen Unterschieden verbinden sie vier Merkmale: Erstens verfügen sie selbst über den Grund – durch Besitz oder Pacht, zweitens auch über das nötige Kapital – auch durch Kredite. Drittens: Sie bewirtschaften den Grund selbst. Ein bäuerlicher Familienbetrieb muss nicht streng auf die Familienmitglieder beschränkt sein: Er kann auch Mitarbeiter anstellen. Die Familie trägt aber – viertens – allein alle Risiken und muss auch die alleinige Entscheidungsgewalt haben. Bei Aktiengesellschaften oder Großeigentümern wie in Afrika, Brasilien usw. ist dies oft nicht möglich.
Gerade die ersten beiden Punkte sind laut Sonnleitner in Ländern des Südens oft gefährdet: Oft können die bäuerlichen Familien schlicht nicht beweisen, dass ihnen ihr Land gehört. Rechtstitel wie unser Grundbuch oder Kataster gibt es selten. Genau daher ist das „Landgrabbing“ in diesen Ländern so einfach: Ausländische Investoren oder Staaten wie China kaufen riesige Ländereien, oft auch mit Bestechung der Politik. Die Kleinbauern müssen dann weichen und ihren Grund verlassen. „Unsere Bauern in Bayern oder Südtirol würden unter solchen Voraussetzungen gewiss nichts in den Grund investieren“, sagte Sonnleitner. Und wer keinen Grundbesitz nachweisen kann, tut sich auch schwer, zu Finanzmitteln zu kommen.

Landwirtschaft ist mehr wert
Auch wenn die Situation in den meisten nördlichen Ländern wesentlich besser ist: „Auch hier wird der Wert der Landwirtschaft vielfach verkannt!“, sagte Sonnleitner. Er appellierte an die Regierungen und Gesellschaft, die Wertschöpfung der bäuerlichen Familienbetriebe inklusive des vor- und nachgelagerten Bereichs nicht zu unterschätzen. „Vor allem wenn Staaten knapp bei Kasse sind, greifen sie gerne mit Steuern auf den Grund zu. Gefährlich wird es, wenn sie den Verkehrswert statt des Ertragswerts besteuern. Bei den Südtiroler Grundpreisen wird mir bei diesem Gedanken angst und bange“, sagte der UNO-Botschafter. „Auch in diesem Fall brauchen die Bauernfamilien Rechts- und Planungssicherheit!”

Ein wichtiges Standbein für die bäuerlichen Betriebe seien die Infrastrukturen. „Südtirol beweist, dass kleine Bauernbetriebe Familien ein Einkommen sichern, wenn der Zugang zu den Märkten gesichert ist. Dazu braucht es Strukturen – von den Genossenschaften bis zu den Straßen.“ Den Bauernstand selbst warnte Sonnleitner von innerer Spaltung: „Ich kenne viele Länder – auch Italien – wo sich mehrere Verbände gegenseitig blockieren. Überall dort steht der Bauernstand der Regierung gegenüber schwach da.“
Von Europa sprach Sonnleitner „als Stabilitätsfaktor“ in der Welternährung: „Wer sagt, wir sollten die Ernährungsproduktion anderen überlassen, liegt daher falsch: Wir dürfen auch in Europa die Produktionsflächen nicht aufgeben.“

Südtirol mit seiner „florierenden, hervorragend geführten Landwirtschaft“ stellte Sonnleitner als Vorbild für die Welt dar. „Wären alle Bauern so organisiert wie Sie hier in Südtirol, könnte die Welt nicht nur sieben, sondern zwölf, ja 15 Milliarden Menschen ernähren“, erklärte Sonnleitner und schloss mit einem nahezu paradiesischen Vergleich: „Wenn ich mir den Himmel vorstelle, dann denke ich, er ist so wie Südtirol!“

Die Verantwortung der Südtiroler
Im Gespräch mit Journalisten verband der UNO-Sonderbotschafter diese „himmlische“ Aussage mit einem klaren Auftrag: „Jeder Mensch, dem es gut geht, soll anderen helfen! Das sehe ich als Christ und Humanist so.“ Südtirols Landwirtschaft gehe diesen Weg bereits: Bekanntlich unterstützen Bauernbund und Gärtnervereinigung ein Ausbildungs-zentrum für Bauern in Äthiopien. Damit sei man auf dem richtigen Weg: „Südtirols Landwirtschaft muss ihr Modell nach Kräften in der Welt vorstellen. Viele Regionen brauchen diese Unterstützung: das Fachwissen und die Technologie, aber auch finanzielle Hilfe.“

Bäuerliche Familien in aller Welt

Eine Wanderausstellung des Südtiroler Bauernbundes zeigt, wie bäuerliche Familien auf allen Kontinenten dieser Welt leben und wirtschaften. Auf jedem der 15 Paneele liefert ein Informationskasten zusätzliche Daten und Fakten über das jeweilige Land.
Erstmals vorgestellt wurde die Ausstellung im Südtiroler Landtag nach der Anhörung von UNO-Sonderbotschafter Gerd Sonnleitner.

Die Ortsgruppen aller bäuerlichen Organisationen und interessierte Vereinigungen können die Wanderausstellung ab Dezember buchen. Die Funktionäre der bäuerlichen Organisationen erhalten ein entsprechendes Schreiben mit Informationen zur Buchungsmodalität.