Südtiroler Landwirt, Südtiroler Bäuerinnenorganisation, Bauernbund | 25.09.2014

Herz am Hof

Frauen und besonders Bäuerinnen in ihrer tragenden Rolle für die Gesellschaft wahrnehmen und fördern, lautet die Forderung des diesjährigen Sechsländertreffens der Landfrauen und Bäuerinnen. Eine gemeinsame Resolution dazu wird nun bei der EU deponiert. von Renate Anna Rubner

Wie Bäuerinnen aus sechs Ländern ihre Anliegen gemeinsam weiterbringen

Wie Bäuerinnen aus sechs Ländern ihre Anliegen gemeinsam weiterbringen

So unterschiedlich die Realitäten in den einzelnen Ländern auch sein mögen, letztendlich stehen Bäuerinnen doch über die Grenzen und unterschiedlichen Betriebszweige hinweg vor ganz ähnlichen Herausforderungen: Sie sind Unternehmerinnen, Partnerinnen und Mütter, soziale, emotionale und kommunikative Anker in der Familie und im bäuerlichen Betrieb. Und deshalb besonders verantwortlich für die Stabilität in der Familie und damit im landwirtschaftlichen Betrieb. Dieser besonderen Rolle soll besonders im UNO-Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe Rechnung getragen werden, so die einhellige Überzeugung der Präsidentinnen der Bäuerinnen- und Landfrauenverbände aus dem deutschsprachigen Europa. Sie kamen Anfang September zum traditionellen Sechsländertreffen nach Südtirol, wo die Südtiroler Bäuerinnenorganisation diesmal Gastgeberin war.

Gemeinsame Resolution ausgearbeitet
Neben Brigitte Scherb, Präsidentin des Deutschen LandFrauenverbandes (dlv), waren auch die Österreichische Bundesbäuerin Andrea Schwarzmann und Christine Bühler, Präsidentin des Schweizer Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes (SBLV), zum Sechsländertreffen gekommen, um zusammen mit Landesbäuerin Hiltraud Erschbamer eine Resolution auszuarbeiten. Die Kolleginnen aus Liechtenstein und Luxemburg hatten ihre Teilnahme kurzfristig absagen müssen.
An drei intensiven Arbeitstagen in der Cusanus-Akademie in Brixen definierten die Präsidentinnen und Geschäftsführerinnen der Organisationen gemeinsam, was bäuerliche Familienbetriebe auszeichnet, welchen Herausforderungen sich diese Betriebe aktuell und künftig stellen müssen und formulierten daraus Forderungen, die bei einer gemeinsamen Pressekonferenz auf der Zanser Alm in Villnöß vorgestellt wurden. Nun soll diese Resolution bei der Europäischen Union deponiert werden, damit die Politik die entsprechenden Weichen für eine nachhaltige Entwicklung der bäuerlichen Familienbetriebe und des ländlichen Raumes stellen kann.

Bäuerinnen sorgen für Stabilität
Brigitte Scherb, Präsidentin des Deutschen LandFrauenverbandes (dlv) kennt die Anforderungen, denen Bäuerinnen täglich entsprechen sollen. Mit ihrem Mann zusammen bewirtschaftet die Juristin einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb in Goslar, die drei erwachsenen Kinder haben sich bei ihrer Berufswahl auch für die Landwirtschaft entschieden.
Scherb definierte zunächst, was bäuerliche Familienbetriebe auszeichnet: Es sei besonders die persönliche Verantwortung, die bäuerliche Familien für ihren Betrieb tragen, weil Haftung und damit Risiko ganz in ihrer Hand liegen. Deshalb brauche es neben Mut und Flexibilität ein breit gefächertes Wissen und Können von Seiten der einzelnen Familienmitglieder, die den bäuerlichen Betrieb führen. Und hier sind laut Scherb besonders die Frauen einer stärkeren Belastung ausgesetzt: „Denn sie sind nicht nur für den Hof und sein Bestehen verantwortlich, sondern tragen auch maßgeblich zur Stabilität in der Familie bei. Und die ist grundlegend für die Entwicklung des Betriebes“, so Scherb.

Mit Selbstvertrauen Vertrauen schaffen
Die Vorarlberger Bergbäuerin Andrea Schwarzmann steht seit 2013 der Arbeitsgemeinschaft Österreichische Bäuerinnen vor und vertritt als solche 130.000 Bäuerinnen und damit landwirtschaftliche Betriebe. Sie stellte die Kampagne „Wir bauen auf Vertrauen“ vor, die neben der Weiterbildung für Bäuerinnen und der Vertretung ihrer Interessen auch die Stärkung des Zusammenhalts innerhalb der Berufsgruppe zum Ziel hat. „Wir wollen ein gesundes, bäuerliches Selbstvertrauen schaffen, das Vertrauen in die bäuerlichen Gremien stärken und in Frauen auch den Mut und den Willen wecken, sich selber in diesen Gremien zu engagieren“, so Schwarzmann.
Der Bäuerin komme laut Schwarzmann die Rolle der Kommunikatorin zu, was bedeutet, dass sie sowohl innerhalb des Betriebes und in der Familie den Dialog aufrecht erhält, aber oft auch die Kommunikation nach außen, zum Kunden und Konsumenten bewerkstelligt. „So sind die Bäuerinnen die Botschafterinnen der heimischen Landwirtschaft“, ist Andrea Schwarzmann überzeugt.
Die Österreichische Bundesbäuerin ist sich sicher, dass die bäuerlichen Familienbetriebe der Grund für die Erfolgsgeschichte Europas sind. Darauf müsse besonders in diesem UNO-Jahr der Bäuerlichen Familienbetriebe immer wieder deutlich hingewiesen werden. „Bäuerliche Familienbetriebe generieren Wertschöpfung, schaffen und sichern Arbeitsplätze auch in vor- und nachgelagerten Sektoren, zeigen Engagement und Verantwortung, leben Werte und Traditionen“, erklärte Schwarzmann. Deshalb müsse der Landwirtschaft auch ermöglicht werden, sich zu entwickeln und zeitgemäß zu bleiben.

„Heidi-Land“ gibt es nicht
Das Dilemma zwischen den Vorstellungen der sich immer stärker von der Landwirtschaft entfremdenden Bevölkerung und der oft harten Realität der bäuerlichen Betriebe ist auch in der Schweiz deutlich spürbar. Christine Bühler, Präsidentin des Schweizer Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes, erklärte: „Bei uns in der Schweiz sind nur noch zwei Prozent  landwirtschaftliche Betriebe. Aber alle sind Familienbetriebe. Ein Problem ist die große Einkommensschere zwischen den großen und den kleinen, teils im Nebenerwerb bewirtschafteten Höfen.“
Das Einkommen der bäuerlichen Familien sei in den letzten Jahren stetig gesunken, während die Anforderungen insgesamt steigen: Anpassungen kosten Geld und Energie, Ressourcen sind knapp, insbesondere Grund und Boden. Der Klimawandel macht sich auch bemerkbar. „Der Bevölkerung muss klar gemacht werden, dass es das „Heidi-Land“ nicht mehr gibt, in Wirklichkeit hat es das nie gegeben!“, so Bühler. Die diplomierte Bäuerin betreibt gemeinsam mit ihrem Mann einen Landwirtschaftsbetrieb mit Milchwirtschaft und Hühnerfarm im französisch sprechenden Berner Jura. Sie ist überzeugt davon, dass es Aufgabe der Verbände ist, den Druck, der immer stärker auf den landwirtschaftlichen Betrieben lastet, zu benennen und entsprechend zu intervenieren.

Bäuerin als Dreh- und Angelpunkt
Mit der gemeinsamen Resolution wollen die Landfrauen- und Bäuerinnenorganisationen nun ein gewichtiges Zeichen in diese Richtung setzen. Landesbäuerin Hiltraud Erschbamer legte die Forderungen offen (siehe Kasten), die in den kommenden Wochen an die entsprechenden politischen Schaltstellen gehen sollen.
Sie fasste die vielfältigen Problematiken und Herausforderungen zusammen, mit denen Frauen im ländlichen Raum und insbesondere Bäuerinnen täglich konfrontiert sind und erklärte: „Frauen sind das Rückgrat des bäuerlichen Familienbetriebes – und das weltweit. Sie sind Dreh- und Angelpunkt in Betrieb und Familie.“ Diese Realität sei laut Erschbamer nach wie vor zu wenig anerkannt. Deshalb brauchen Frauen eine gezielte Förderung. „Vor diesem Hintergrund haben wir beim diesjährigen Sechsländertreffen diese Forderungen ausgearbeitet und empfehlen sie zur Umsetzung“, so die Landesbäuerin.

Das Sechsländertreffen
Die Landfrauen- und Bäuerinnenverbände aus Deutschland, Luxemburg, Liechtenstein, Österreich, Schweiz und Südtirol vertreten rund 750.000 Bäuerinnen und Landfrauen im deutschsprachigen Raum.
Die Präsidentinnen und Geschäftsführerinnen dieser Verbände treffen sich jährlich. So werden Netzwerke gepflegt und neue Knoten geknüpft, um Strategien und Visionen für Frauen im ländlichen Raum zu erarbeiten, über Entwicklungen in der Landwirtschaft zu diskutieren, Wissen und Erfahrungen auszutauschen.