Südtiroler Landwirt, Südtiroler Bäuerinnenorganisation | 28.08.2014

Leben und leben lassen

Wo Arbeit Teil des Familienlebens ist, kann die Familie auch Teil der Arbeit sein. In dieser Überzeugung liegen viele Chancen, aber auch Herausforderungen. Das kam bei der Tagung „Miteinander auf dem Hof“ der Südtiroler Bäuerinnenorganisation zur Sprache. von Verena Niederkofler

Das gemeinsame offene Gespräch ist der Schlüssel zu einem guten Miteinander auf dem Hof. (Foto: Florian Andergassen)

Das gemeinsame offene Gespräch ist der Schlüssel zu einem guten Miteinander auf dem Hof. (Foto: Florian Andergassen)

Konflikte sind selbstverständlich, wenn Menschen zusammentreffen. „Wo es viele gibt, gibt es viele Meinungen“, so Bauer Hans Dorfmann, der den Obermoserhof in Feldthurns  vor 30 Jahren übernommen hat. „Wichtig ist nur, dass miteinander geredet wird. Und reden tun wir viel“, so der Bauer, der mittlerweile selber zwei große Söhne hat. Sein Vater Johann Dorfmann hat den Hof rechtzeitig übergeben, damit „der Sohn aus dem Hof noch etwas machen kann“, wie der Senior bei der Tagung „Miteinander auf dem Hof“ erklärte. Auf die Frage, ob es ihm schwer gefallen sei loszulassen, meinte er mit einem Schmunzeln: „Loslassen ist gar nicht schwer, wenn man auch noch ein Leben außerhalb des Hofes hat. Ich bin in vielen Vereinen tätig, watte und tanze gern. Von Langeweile kann da keine Rede sein.“

Miteinander arbeiten und feiern
Bei den Familientreffen der Familie Dorfmann kommen schon mal 30 Leute zusammen: Kinder, Enkel und Urenkel. „Es wird gemeinsam gearbeitet, aber auch gemeinsam gefeiert“, so die beiden Dorfmanns. Auch die Referenten der Tagung, die am 1. August im Südtiroler Bauernbund in Bozen abgehalten wurde, unterstrichen die Wichtigkeit dieses Miteinanders. „Nicht nur das Reden ist wichtig, sondern auch das gemeinsame Erleben, das Feiern von Erfolgen“, erklärte Angelika Wagner, Projektleiterin „Lebensqualität Bauernhof Tirol“. „Ob Generations- oder Paarkonflikte, Sorgen oder Ängste, all dies lässt das Miteinander am Hof erstarren, wenn nicht rechtzeitig gehandelt wird“, so die Mediatorin, die bäuerliche Familien in schwierigen Lebenssituationen begleitet.
Vor allem die enge Verknüpfung von Arbeit und Familie erfordere ständiges Gespräch und aufeinander Abstimmen. „Am Bauernhof wird gemeinsam gelebt und gearbeitet. Alleine diese zwei Tatsachen führen dazu, dass es ein spannender und gleichzeitig mitunter mühevoller Weg sein kann“, so Wagner. „Jedes Familienmitglied wünscht sich grundsätzlich von Herzen angenommen zu werden. Dem einen ist das bewusst, dem anderen weniger. Die verschiedenen Generationen haben meist unterschiedliche Vorstellungen vom Leben als Familie. Die verschiedenen Herangehensweisen an Themen wie Kindererziehung, Gartengestaltung, Kochen und Versorgen, Feiern von Familienfesten und Leben von Kultur, Gemeinschaft und Religion werden im Idealfall akzeptiert, können aber auch zu handfesten Konflikten führen.“

Fragen zur Konfliktbewältigung
Ein Konflikt entsteht, wenn ein Problem mit Emotion beladen ist. Hier an der richtigen Stelle Fragen zu stellen, sei der Königsweg, um Konflikte konstruktiv anzugehen, erklärte Leopold Ritzinger, Mediator im Bayerischen Bauernverband. „Mit einer erlernten und geübten Gesprächsführung, vor allem mit gezielter Fragetechnik werden Themen, aber vor allem die einzelnen Interessen und Bedürfnisse der Konfliktparteien hinterfragt. Aus der Sicht der anderen Bedürfnisse lassen sich Lösungen erarbeiten und gegeneinander abwägen. Zum Abschluss münden diese Lösungsvorschläge in einer Mediationsvereinbarung und liefern einen gangbaren Weg – nebeneinander – in die Zukunft zu gehen.“
Ziel, so Ritzinger, sei nicht ein alter Zustand, der fast immer eine Vision ist, sondern ein neuer Weg, der entsprechend der Vereinbarung gemeinsam gegangen werden kann und damit den Konflikt löst. Und vor allem den psychischen Druck wegnimmt.

Vergleiche und Ängste
Das Zusammenleben mehrere Generationen auf dem Hof ist nicht immer einfach. Früher hatten die Menschen am Hof weniger Handlungsspielraum, die Rollenverteilung war klar. Heute müssen Traditionen neu verhandelt werden. Das birgt sehr oft Konfliktpotentiale in sich. Angelika Wagner erklärte: „Vergleiche können oft sehr verletzend sein. Jeder Mensch ist in seiner Persönlichkeit so zu sehen, wie er ist und will und soll nicht verglichen werden!“ Zum Thema Ängste meinte Leopold Ritzinger: „Ängste – egal ob Zukunfts-, finanzielle, gesundheitliche, partnerschaftliche Ängste – schwelen immer mit. Wichtig ist es, sie zu erkennen und anzusprechen. Und ernst zu nehmen.“
Nicht angesprochene Konflikte kosten sehr viel Energie. Sie hemmen die Entwicklung am Hof. Die Zeit der Hofübergabe ist meistens für alle Beteiligten eine große Herausforderung. Von zentraler Bedeutung ist dabei das gemeinsame Gespräch. Gegenseitige Toleranz und Wertschätzung sind erforderlich. Das Zusammenleben am Hof bildet nämlich die Grundlage für den familiären, wirtschaftlichen und sozialen Erfolg des Betriebes.

Hilfe annehmen lernen
Hilfe können bäuerliche Betriebe über die Lebensberatung der bäuerlichen Familie der Südtiroler Bäuerinnenorganisation bekommen. Landtagsabgeordnete Maria Hochgruber Kuenzer, die als Landesbäuerin im Jahre 2009 diese Dienstleistung initiiert hat, betonte, wie wichtig es sei, dass die Lebensberater auf den Höfen die Gespräche führen. „So werden die Menschen dort abgeholt, wo sie sind. Die Lebensberater können die Situation besser verstehen“, so Kuenzer.

Lebensberatung für die bäuerliche Familie
Kraft geben, wenn sie einmal fehlen sollte, das können die Lebensberater und -beraterinnen der Lebensberatung den bedürftigen bäuerlichen Familien. Sie stehen bäuerlichen Familien in Konfliktsituationen begleitend zur Seite und helfen, gemeinsam Lösungen zu finden. Landesbäuerin Hiltraud Erschbamer ist überzeugt: „Die Lebensberatung für die bäuerliche Familie ist eine notwendige Einrichtung!“
In der Diskussionsrunde im Anschluss an die Fachvorträge der Tagung wurde deutlich: Kritische Punkte und Ämgste offen aussprechen, eigene Bedürfnisse und die der anderen erkunden, loslassen, fremde Hilfe in Anspruch nehmen, das sind die Schlüsselpunkte für ein gutes Miteinander am Hof.
Landesbäuerin Hiltraud Erschbamer sagte zum Abschluss der Diskussionsrunde „Will man Erfolg im Betrieb haben, so muss auch in das Miteinander am Hof investiert werden.“ Seniorbauer Johann Dorfmann beendete die Tagung mit einem Appell an die Anwesenden: „Vergesst die Liebe nicht, denn wo Liebe ist, ist auch Zusammenhalt.“