Südtiroler Landwirt, Produktion | 28.08.2014

Gut gerüstet in ein schwieriges Vermarktungsjahr

Die diesjährige Apfelernte steht an. Der „Südtiroler Landwirt“ hat bei den Vermarktungsorganisationen angefragt: Was erwarten sich VI.P und VOG von der neuen Saison, und wie wird sich der europäische Markt in diesem Jahr präsentieren? von Renate Anna Rubner

Von durchwegs guten Qualitäten gehen die Vermarktungsorganisationen in diesem Jahr bei Südtirols Äpfeln aus.

Von durchwegs guten Qualitäten gehen die Vermarktungsorganisationen in diesem Jahr bei Südtirols Äpfeln aus.

In der Europäischen Union werden heuer voraussichtlich um neun Prozent mehr als im Vorjahr geerntet. Dies geht aus den Ernteschätzungen hervor, welche die World Apple and Pear Association (WAPA) Anfang August beim 38. Prognosfruit-Kongress in Istanbul bekannt gab. Konkret erwarten die Experten der Mitgliedsländer bei Tafeläpfeln eine Gesamtmenge von 11,89 Mio. Tonnen, womit diese um zwölf Prozent über dem Durchschnitt der letzten drei Jahre liegen dürfte. Die endgültigen Erträge können von den Niederschlagsmengen in den kommenden Wochen noch spürbar beeinflusst werden. Die Qualität der Früchte wird von den Fachleuten überwiegend als „sehr gut“ bezeichnet.

Polen, Italien und Deutschland mit Plus, Frankreich im Minus
Der größte Apfelproduzent der EU-28 ist Polen, das Land erwartet in diesem Jahr eine Tafelapfelernte in der Höhe von 3,54 Mio. Tonnen, was gegenüber 2013 einem Zuwachs von zwölf Prozent entspricht. Bei den polnischen Schätzungen wird im Regelfall nicht klar zwischen Erwerbs- und Streuobstbau unterschieden: Die Menge für den Frischmarkt könnte also geringer ausfallen, weil ein Teil in die Verarbeitung wandert.
Auch Italien, der zweitgrößte Produzent, rechnet heuer mit einer größeren Apfelernte, laut Schätzung 2,39 Mio. Tonnen, das entspricht einem Plus von 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In Deutschland soll die Menge in diesem Jahr mit 1,04 Mio. Tonnen sogar um 29 Prozent größer ausfallen, allerdings nach einem extrem schwachen Erntejahr 2013. Dem gegenüber erwarten die Experten in Frankreich einen Rückgang um sechs Prozent auf 1,49 Mio. Tonnen.

Vollernte für Südtirol erwartet
Mit überdurchschnittlichen Erntemengen rechnen auch die Vermarktungsorganisationen Südtirols: Gerhard Dichgans, Direktor des Verbandes der Obstgenossenschaften (VOG), erklärt: „Die Ernte in Südtirol wird auf knapp 1,2 Mio. Tonnen geschätzt und liegt damit knapp neun Prozent über dem Vorjahr. Dies wäre für unser Land ein Spitzenergebnis. Aber abgesehen von dieser nackten Zahl, die für sich allein gesehen eine Schlagzeile wert ist, möchte ich daran erinnern, dass wir dieses Erntevolumen bereits einmal – nämlich 2011 – erreicht haben.“
 Auch Josef Wielander von den Vinschger Produzenten (VI.P) erwartet für seinen Einzugsbereich ein gutes Ernteergebnis: „Wir im Vinschgau gehen davon aus, dass wir eine starke Erntemenge einfahren werden. Ob es schlussendlich eine Rekordernte wird, hängt in erster Linie von der Fruchtgröße ab. Ich denke, wir werden auf alle Fälle an die letzte Rekordernte von 2009 anschließen.“
Laut Wielander sind im Vinschgauer Raum die Bäume insgesamt recht gut behangen, Sortenunterschiede seien kaum zu beobachten. Gerhard Dichgans allerdings verzeichnet für Südtirol einen zum Vorjahr deutlichen Zuwachs der Erntemengen bei den Sorten Red Delicious, Granny Smith, Cripps Pink und Morgenduft, geringere Zunahmen bei den Sorten Golden Delicious, Gala, Fuji und Braeburn.
Auch mit der Qualität der Früchte, die derzeit großteils noch an den Bäumen hängt, sind die beiden Direktoren zufrieden. Josef Wielander spricht von guten Fruchtgrößen und ist überzeugt: „Dank der nun kühlen Nächte werden wir unsere Konsumenten auch bezüglich Ausfärbung befriedigen können. Sofern wir zur Ernte trockeneres Wetter haben, sind auch die Voraussetzungen für eine gute Lagerfähigkeit gegeben. Gerhard Dichgans bestätigt: „Behang und Fruchtgröße stimmen. Insgesamt gehe ich für die Ernte 2014 von einer guten Qualität aus, auch weil bis zum jetzigen Zeitpunkt der Hagelschlag nur geringe Flächen betroffen hat.“ Um auch die richtige Fruchtqualität mit den notwendigen Lagereigenschaften ernten zu können, habe der Verband der Obstgenossenschaften  in diesem Frühjahr nochmals die Anlieferungsrichtlinien überarbeitet.

Die Lager sind so gut wie leer
Ideale Ausgangsbedingungen für einen guten Auftakt der neuen Verkaufssaison also? Die beiden Direktoren zeigen sich diesbezüglich verhalten optimistisch. Gerhard Dichgans ist davon überzeugt, dass die Qualität der Früchte aufgrund des regenreichen Sommers keinen Schaden getragen hat, vielmehr haben die kühlen Augusttemperaturen eine gute Ausfärbung von Gala und Red Delicious ermöglicht. „Die Ware ist bisher im richtigen Reifestadium geerntet worden, was auch für eine gute Lagerfähigkeit spricht.“ Die Gala-Ernte habe im VOG-Gebiet bereits am 11. August begonnen, also zehn Tage früher als im Jahr davor. Im Vinschgauer Raum zeichnet sich im Vergleich zu 2013 ein um knapp zwei Wochen früherer Erntebeginn ab. Aber, so Josef Wielander, dies hänge noch stark von der Wetterentwicklung ab.
So viel ist aber schon sicher: Die Lager in den Obstgenossenschaften der VOG und der VI.P sind so gut wie leer. Josef Wielander dazu: „Der Lagerbestand aus der Ernte 2013 wird traditionsgemäß mit Beginn der neuen Ernte den Platz im Verkaufsregal gefunden haben. Wir können für unsere Kunden somit sicher nahtlos in die neue Ernte 2014 übergehen.“ Und Gerhard Dichgans: „Jetzt, zu Beginn der neuen Ernte 2014, lagern nur noch Restbestände an Golden, die aber bis Mitte September einen genau abgesteckten Absatzmarkt und eine feste Kundschaft haben, die wir auch in der Vergangenheit beliefert haben. Mit Eintreffen der neuen Golden-Ernte ist der Bestand der letztjährigen Ernte großteils verkauft.“

Saisonsstart besser als erwartet
Trotzdem ist die Lage angespannt. Die beiden Vermarktungsorganisationen sehen eine turbulente Verkaufssaison auf sich zukommen. Josef Wielander bringt die Situation auf den Punkt: „Man muss heuer davon ausgehen, dass wir vor allem am Anfang der Vermarktungssaison sicherlich nur zögerlich die Courage haben werden, unseren Kunden faire Preise abzuverlangen, da auch der Angebotsdruck aus allen Ländern höher als normal sein wird.“ Er könne sich aber vorstellen, dass sich die Lage mit Beginn des neuen Jahres wieder auf ein normales Niveau einpendeln wird.
Davon ist auch VOG-Direktor Gerhard Dichgans überzeugt. Da er aber die ersten Äpfel bereits zum Verkauf anbieten konnte, berichtet er von seinen Erfahrungen zum diesjährigen Start in die neue Vermarktungssaison: „Es besteht bereits aktive Nachfrage nach ersten Gala. Bei dieser Sorte ist die Überseeware praktisch geräumt. Der Übergang von Importware auf die frische europäische Apfelernte scheint sich daher ziemlich reibungslos zu gestalten“. Das niedrige Preisniveau, mit dem man aus der alten Vermarktungssaison ausgestiegen sei, schaffe für die Kunden einen starken Anreiz zum schnellen Umstieg. Der Verkaufsdruck, der sich jedes Jahr während der Erntewochen aufbaut, werde ein Übriges dazu beitragen, dass die Saison flott starten kann. „Darin sehe ich die beste Voraussetzung, um die erwarteten Erntevolumina planmäßig abzubauen und nach dem Jahreswechsel in ruhigeres Fahrwasser zu gelangen“, so Dichgans nüchtern.

Europa mit Vollernte und Embargo für Russland
Klar ist aber auch: Eine Vollernte, wie sich in diesem Jahr praktisch für ganz Europa abzeichnet, bereitet den Vermarktungsorganisationen Kopfzerbrechen. Gerhard Dichgans gibt sich aber kämpferisch: „Wir erleben mit dem Gala einen überraschend guten Start in diese Vermarktungssaison, mit guter Nachfrage auf allen Märkten. Aber noch sind nicht alle Anbaugebiete lieferfähig, ein genaueres Bild wird sich deshalb erst im September zeichnen lassen.“ Diese Saison starte zwar auf einem deutlich niedrigeren Preisniveau als im letzten Jahr, das sei laut Dichgans aber auch notwendig, um Konsum und Nachfrage entsprechend zu beleben.  
Und das gegen Russland verhängte Embargo? Sowohl VI.P als auch VOG hatten sich in den letzten Jahren mit Russland einen neuen, hoffnungsvollen Markt erschlossen. Und, was noch schwerer wiegt: Polen könnte, als Ersatz für den russischen Markt, seine Äpfel auf anderen Märkten platzieren und damit in direkte Konkurrenz mit dem Südtiroler Apfel treten. Gerhard Dichgans beobachtet die Situation und ihre möglichen Entwicklungen mit Argusaugen: „Ein Fortdauern dieser Situation kann in der Tat das labile Gleichgewicht am europäischen Apfelmarkt in Frage stellen.“ Andererseits müsse Russland die fehlenden Importe aus Polen und der restlichen EU mit dem Import aus anderen Regionen ersetzen. Hier könnten Lieferungen aus China oder – ab nächsten Frühjahr – Zukäufe aus der Südhalbkugel in Frage kommen. Dies wiederum bedeute, dass diese Mengen von anderen Märkten abgezogen werden. „In der Summe handelt es sich um eine globale Verschiebung der Warenströme, bei der noch nicht klar ist, wer Verlierer und wer Gewinner sein wird. Eine Schlussfolgerung kann aber schon heute gezogen werden: nämlich dass Überseeäpfel in Zukunft immer weniger Platz auf dem europäischen Markt finden werden, und sich Europa mehr und mehr selbst versorgen wird“, so Dichgans überzeugt.

Traditionelle und neue Märkte
Trotzdem, oder gerade deshalb, sind VI.P und VOG ständig auf der Suche nach neuen, vielversprechenden Märkten, auf denen der qualitativ hochwertige Südtiroler Apfel einen anspruchsvollen Käufer finden kann. Hauptaugenmerk der VI.P bleibt zwar nach wie vor der Hausmarkt Italien sowie der gesamte westeuropäische Raum, „doch werden wir verstärkt auch Nordafrika und den Nahen Osten von unserer Qualität überzeugen müssen“, so Wielander.
Auch der VOG wird sich auf seinen Hauptmarkt Italien und die wichtigen Exportdestinationen Deutschland, Skandinavien, England und den Mittelmeerraum konzentrieren. „Besonderes Augenmerk richten wir auf den Mittelmeerraum, Nahost, Arabien und Nordafrika, auch wenn diese Gebiete zur Zeit politisch äußerst instabil und daher riskant sind. Hier ist aber noch Raum zum Wachsen, besonders dank unserem klassischen Sortiment Gala, Red und Golden Delicious“, erklärt Gerhard Dichgans. Dank der Tatsache, dass die Türkei auf Grund der Ernteausfälle wegen Blütenfrost heuer in diesen Märkten kein wirklicher Konkurrent sein könne, sehe er dort gute Absatzchancen.

Dank guter Qualität vorne dabei
Alles in allem also keine schlechten Aussichten. Aber auch keine rosigen. Dichgans und Wielander ahnen was auf sie zukommt, bleiben aber gelassen. „Es wird einen harten und ernüchternden Einstieg in die Verkaufssaison geben“, prognostiziert Gerhard Dichgans. „Wichtig ist, zügig zu starten. Mit der Qualität, die wir heute am Baum sehen und dann hoffentlich auch ins Lager bringen, müssen wir aber keine Konkurrenz fürchten!“ Vom Marktvorteil, den die hohe Qualität der heimischen Äpfel mit sich bringt, ist auch Josef Wielander überzeugt. Der Direktor der VI.P weiß, dass er auf ein schwieriges Verkaufsjahr zugeht. Er weiß aber auch: „Auf Grund unserer Qualität, der Stärke unserer Genossenschaften und nicht zuletzt durch unseren guten Mitarbeiterstab werden wir für unsere Mitglieder auch diese Hürde nehmen und die Vermarktungssaison 2014/2015 erfolgreich meistern!“