Wirtschaft, Südtiroler Landwirt, Politik, Marketing | 28.08.2014

Großer Wunsch nach bäuerlicher Welt

Uli Rubner ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der Südtiroler Tourismusbranche. Der „Südtiroler Landwirt“ hat mit der SMG-Präsidentin unter anderem über Bäuerinnen und Bauern als Tourismusbotschafter und Nischenprodukte als „Geschichtenerzähler“ gesprochen. von Michael Deltedesco (Interview)

Wer in Südtirol Urlaub macht, sucht immer öfter authentische regionale Produkte und den Kontakt mit der bäuerlichen Bevölkerung. (Foto: Frieder Blickle)

Wer in Südtirol Urlaub macht, sucht immer öfter authentische regionale Produkte und den Kontakt mit der bäuerlichen Bevölkerung. (Foto: Frieder Blickle)

Südtiroler Landwirt: Frau Rubner, Südtirol Marketing bewirbt Südtirol überaus erfolgreich als Urlaubsland im In- und Ausland. Dabei fällt auf, dass sehr häufig – neben den Bergen, Städten und sonstigen Sehenswürdigkeiten – mit Almen, Wiesen, bäuerlichen Produkten usw. geworben wird. Welche Rolle spielt die Landwirtschaft in der Bewerbung?
Uli Rubner: Eine gepflegte Landschaft ist ein ganz wichtiges Element unserer Kommunikation. Wir dürfen nicht vergessen, dass die meisten Gäste aus den urbanen Ballungszentren kommen und deshalb eine große Sehnsucht nach frischer Luft und Natur haben. Zudem haben wir festgestellt, dass ein großer Wunsch nach gesunder Ernährung und authentischen regionalen Produkten da ist.
Das ist eine gute Nachricht für unsere Bauern.
Mittlerweile gibt es verschiedene Initiativen wie das Südtirol Gasthaus, die sich diesem Trend verschrieben haben. Auch viele Spitzenköche haben diesen Trend für sich entdeckt und kombinieren eine hochwertige Küche mit einheimischen Produkten.

Wie wichtig ist die Natur, die Kulturlandschaft überhaupt in der Vermarktung? Wählen die Gäste verstärkt danach aus, oder ist etwa das Angebot im Hotel entscheidend?
Mit unserer Kommunikation vermitteln wir ein Versprechen. Wir zeigen saftige, grüne Wiesen, malerische Ensembles, eine unberührte Bergwelt und echte, bodenständige Menschen. Und wir versprechen natürlich auch Topleistungen in den Unterkünften. Darum braucht es beides, sonst sind die Gäste enttäuscht.
Die Unterkunft ist wichtig, sehr wichtig ist aber auch das Lebensgefühl in unserer Region. Dieses wird sehr stark durch unsere Kultur- und Naturlandschaft mitbestimmt – und die wird wiederum von den Bäuerinnen und Bauern mitgeprägt.

Die Anliegen des Tourismus und die Bedürfnisse der Landwirtschaft sind nicht immer ganz konform – ein Beispiel dafür sind die Hagelnetze ….
Einige Sachen, wie auch die Photovoltaikanlagen auf den Dächern, sind sicherlich nicht das Optimum. Ich verstehe, dass es wirtschaftliche Interessen gibt, die wir mit dem touristisch Wünschbaren in Einklang bringen müssen.
Wenn ich Landwirtin wäre, würde ich wahrscheinlich die gleichen Überlegungen wie die Bauern machen.

Vielfach verbinden Gäste unser Land mit Tradition, Bauern auf ihren Wiesen usw. ... Welches Bild haben die Gäste von Südtirols Landwirtschaft? Hat sich diese Bild in den letzten Jahren geändert?
Das Bild hat sich sehr gewandelt. Ich selbst hatte das Gefühl, dass die Entwicklung in Richtung Mechanisierung, Monokultur und Massentierhaltung geht.
In letzter Zeit zeigt sich aber, dass es immer mehr vor allem junge Bauern gibt, die eigene Wege einschlagen. Sie setzen wieder auf alte Gemüse-, Getreide- und Obstsorten und produzieren interessante Nischenprodukte. Auch beim Käse geht der Trend in Richtung Spezialitäten und alte Sorten – ein Beispiel dafür ist der Graukäse.
Beim Fleisch sehen wir einen ähnlichen Trend mit z. B. speziellen Produkten wie dem Sprinzen-Rind oder dem Villnösser Brillenschaf. Diese Initiativen sind auch deshalb besonders wertvoll, weil immer besondere Geschichten, spezielle Menschen und interessante Philosophien dahinterstehen. Das ist es, was die Tourismusbranche heute besonders braucht: Geschichten zu erzählen.  

Häufig werden Urlaubsdestinationen auch mit bäuerlichen Produkten assoziiert, wie z. B. die Toskana mit Wein und Olivenöl. Wie ist das in Südtirol? Wird Südtirol als Wein-, Obst- oder Milchland wahrgenommen? Welches Lebensmittel hat das größte Potential, und wie können typische Lebensmittel die Sicht auf eine Destination verändern?
Ich glaube, im Moment dominieren noch die Äpfel und der Wein. Milch wird weniger wahrgenommen, weil man weniger Kühe auf den Weiden stehen sieht. Das ist in Österreich oder der Schweiz ganz anders.
Daher denke ich nicht, dass Milchprodukte mit der Urlaubsdestination stark in Verbindung gebracht werden. Sehr begrüßenswert ist, dass es eine zunehmende Vielfalt an Produkten gibt, die in Südtirol angebaut werden. Das schafft Abwechslung und macht das Angebot für Einheimische wie Gäste interessanter.

Die Bäuerinnen und Bauern schaffen nicht nur einen Teil der Voraussetzungen für den Tourismus, sondern sind teilweise selbst Touristiker – beim Urlaub auf dem Bauernhof zum Beispiel. Wie sehen Sie diese Entwicklung und welche Bedeutung hat ein gutes UaB-Angebot für Südtirols Tourismus allgemein?
Solche Initiativen und Angebote sind sehr wertvoll. Stadtbewohner entfernen sich immer mehr von der Natur und der Produktion unserer Lebensmittel. Gerade der Urlaub auf dem Bauernhof gibt ihnen die Möglichkeit, wieder stärker diesen Bezug herzustellen und zu den Ursprüngen zurückzukommen.
Diese Entwicklung steckt erst in den Anfängen, das Potential ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Ich bin auch überzeugt, dass es viele Menschen gibt, die Interesse haben, selbst am Hof mitzuarbeiten und damit noch mehr zu erfahren über die Landwirtschaft und die ländliche Lebensweise.

Noch ein bäuerliches Angebot gewinnt an Bedeutung: Die Hof- und Buschenschank-Betriebe, die sich selbst als Ergänzung zum übrigen gastronomischen Angebot sehen und sehr erfolgreich arbeiten.
Ich finde es ideal, wenn der Gast die Möglichkeit hat, aus verschiedenen kulinarischen Angeboten auszuwählen. Die Hof- und Buschenschank-Betriebe sind ganz tolle Ergänzungen. Mit der Marke „Roter Hahn“ ist es zudem gelungen, eine Marke aufzubauen, die ein Qualitätsversprechen abliefert.

Letzte Frage: Landwirtschaft und Tourismus haben sehr viele Berührungspunkte und profitieren voneinander. Leider funktioniert die Zusammenarbeit nicht immer ganz reibungslos …
Vieles entsteht ja von alleine. Ideen und Initiativen einzelner Bäuerinnen und Bauern setzen Signale und zeigen, dass es sich lohnt, neue Dinge auszuprobieren und dass es dafür Märkte und Kunden gibt.
Das Trennende zwischen Tourismus und Landwirtschaft ist weniger ausgeprägt als das Gemeinsame. Wir haben sehr viele Initiativen, bei denen Bauern und Touristiker profitieren. Ich denke, dass der Geist der Zeit in diese Richtung arbeitet und die Zusammenarbeit noch besser wird. 

Uli Rubner: Zunehmende Vielfalt macht Angebot der Landwirtschaft interessanter.

Uli Rubner: Zunehmende Vielfalt macht Angebot der Landwirtschaft interessanter.