Südtiroler Landwirt, Politik | 08.05.2014

Zugesperrt

Gute und weniger erfreuliche Nachrichten gab es bei der Vollversammlung des Sennereiverbandes Südtirol: Der Auszahlungspreis für die Südtiroler Milchbauern stieg 2013 auf 52,23 Cent. Die Zahl der Milchlieferanten ist aber weiter rückläufig. von Bernhard Christanell

(Foto: www.agrarfoto.at)

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Obmann Joachim Reinalter blickte trotz des höheren Milchpreises auf ein „schwieriges Jahr für die Milchwirtschaft“ zurück. Die massive Wirtschaftskrise in Italien war vor allem durch die vermehrte Nachfrage der Konsumenten nach Billig- und Aktionsprodukten spürbar. „Der Handel befindet sich seit zwei Jahren in einer starken Krise. Das Einkaufsvermögen der Familien wird sich auch in absehbarer Zeit nicht verbessern“, berichtete Reinalter.
Dennoch entwickelte sich der Milchmarkt aus Südtiroler Sicht noch positiv. Die angelieferte Milchmenge sank zwar auf 370,5 Millionen Kilogramm Milch, dank eines weltweit knappen Angebotes an Rohmilch war der Milchpreis dennoch hoch. „Mit ein Grund für das gute Ergebnis ist aber auch die Tatsache, dass die Südtiroler Produkte aufgrund ihrer Qualität am Markt beliebt sind und die Genossenschaften eine gute Arbeit geleistet haben“, freute sich Reinalter.
Auffallend ist, dass der internationale Milchhandel immer globaler wird. So ist China mittlerweile der weltweit größte Importeur von Milchprodukten. Die Globalisierung hat dabei bisweilen skurrile Folgen, zum Beispiel bei den Frachtkosten. „Für einen Milchproduzenten in Norddeutschland ist es etwa billiger, ein Schiff mit Milchprodukten nach Shanghai zu schicken als einen LKW mit denselben Produkten nach Süddeutschland“, berichtete Reinalter.

Joghurtproduktion steigt weiter
Auffallend gut entwickelt haben sich im vergangenen Jahr die verschiedenen Käsesorten, allen voran die Frischkäselinie mit Ma­s-carpone und Ricotta. Unangefochtener Spitzenreiter bei den veredelten Milchprodukten ist aber nach wie vor der Joghurt. „Italienweit ist der Joghurtmarkt um über vier Prozent eingebrochen.“
Südtirol läuft diesem Trend genau entgegen: „Wir konnten die Joghurtproduktion um vier Prozent auf knapp 120 Millionen Kilogramm steigern“, blickte Reinalter zurück. Die Produktion von Biomilch stieg zwar leicht an, liegt aber immer noch weit hinter der Nachfrage zurück. Die Ziegenmilchproduktion ist weiterhin eine interessante Nische: Rund 600.000 Kilogramm wurden zu Frischmilch, Käse, Joghurt und Butter verarbeitet.
Immer mehr bezahlt macht sich die Gentechnikfreiheit der Südtiroler Milchprodukte. „Die Entscheidung für die Gentechnikfreiheit hat zwar höhere Kosten vor allem für Futtermittel mit sich gebracht, in diesem Fall ist der Vorteil aber auf jeden Fall größer. Gentechnikfreiheit ist mittlerweile Standard, und ohne diese Grundsatzentscheidung wären wir mit unseren Milchprodukten heute sicher am Markt nicht dort, wo wir sind“, ist Reinalter überzeugt.

Immer mehr Milchlieferanten geben auf
Anlass zur Sorge gibt die weiterhin rückläufige Tendenz bei der Zahl der Milchlieferanten. „Auch im vergangenen Jahr haben wieder rund 100 Bauern die Milchproduktion aufgegeben. In den vergangenen zehn Jahren haben wir rund 1000 Milchbauern verloren, in den vergangenen 15 Jahren hat in Südtirol fast jeder dritte Milchlieferant die Produktion eingestellt“, blickte Geschäftsführerin Annemarie Kaser zurück.
Diese Zahlen sind zwar lange nicht so hoch wie auf Staatsebene, beunruhigend sind sie dennoch. „Die milchproduzierenden Betriebe müssen sich zwei Entwicklungen stellen: zum einen real sinkenden Erlösen und zum anderen steigenden Produktionskosten. Die Wertschöpfung sinkt daher stetig und immer mehr Bauern ziehen daraus ihre Konsequenz“, erklärte Reinalter. Wenn immer mehr Milchbauern aufgeben, dann bedeutet dies auch ein Risiko für die Beschäftigten in der Milchwirtschaft. „Allein in den Milchhöfen haben wir rund 900 Mitarbeiter, dazu kommen noch einmal die Beschäftigten im vor- und nachgelagerten Bereich. Die Milchwirtschaft ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Südtirol“, berichtete Annemarie Kaser.
Von der Politik forderten die Verantwortlichen des Sennereiverbandes ein besonderes Augenmerk für die Berglandwirtschaft und Rahmenbedingungen, die ihre Zukunft absichern.
„Man darf politisch nicht so tun, als ob die Bergbauern wichtig für die Gesellschaft wären und dann ihr Aufgeben einfach zur Kenntnis nehmen. Das, was die Milchbauern für die Landschaft, für die Gesellschaft, aber auch für Kultur und Brauchtum im Land leisten, kann es nicht zum Nulltarif geben“, unterstrich Reinalter.
Auch Viktor Peintner, der Obmann-Stellvertreter des Südtiroler Bauernbundes, forderte konkrete Maßnahmen zur Unterstützung der Bergbauern: „Die Milch ist und bleibt die wichtigste Einnahmequelle für unsere Bergbauern. Dennoch sind sie auf öffentliche Beiträge angewiesen. Unsere Bauern brauchen vor allem eines: Sicherheit!“

Gute Daten bei Keim- und Zellzahlen
Geschäftsführerin Annemarie Kaser ging auf die Werbemaßnahmen und die Qualitätskontrollen ein, welche „die eigentliche Aufgabe des Sennereiverbandes“ sind. Die Rohmilchkontrollen hätten stabile Werte bei den Inhaltsstoffen Fett und Eiweiß sowie erfreuliche Rückgänge bei Keim- und Zellzahlen ergeben. Die Produktkontrollen würden laufend ausgebaut, auch weil der Handel und die Konsumenten immer mehr Wert auf sichere Lebensmittel legen. Bei der Beratung der Betriebe zeige sich, dass die Betriebe selbst immer professioneller werden.  
Bei den Hof- und Almkäsereien zeigt sich immer deutlicher die Bedeutung des Tourismus: „Im Pustertal erzielt der Bauer für seinen Almkäse einen wesentlich höheren Preis als im Vinschgau“, zeigte Kaser auf.
Mit gezielten Werbekampagnen will der Sennereiverband dafür sorgen, dass in der heimischen Gastronomie vermehrt Südtiroler Milchprodukte verwendet werden.
Außerdem startet zum Tag der Milch Anfang Juni ein Frischmilch-Gewinnspiel, bei dem der Sennereiverband anlässlich des UNO-Jahres der bäuerlichen Familienbetriebe mit dem Südtiroler Bauernbund zusammenarbeitet.  

Beste Milchproduzenten 2013 kommen aus Pfalzen
Wie hoch die Qualität der Südtiroler Milch ist, zeigt auch die hohe Zahl jener Betriebe, die das ganze Jahr über Milch in Spitzenqualität abgeliefert haben und dafür eine Plakette erhalten: „Im Jahr 2013 waren dies 2268 Lieferanten und damit knapp 45 Prozent aller Milchproduzenten des Landes“, freute sich Reinalter. Die Auszeichnung für den besten Milchlieferanten des Jahres ging diesmal ins Pustertal: Die Familie Hainz vom Ehrenreicher Hof aus Pfalzen schaffte über 99 von 100 möglichen Punkten.