Südtiroler Landwirt, Produktion | 10.04.2014

Die Rebe im Klimachaos

Er ist fühlbar, aber auch messbar: Der Klimawandel macht auch vor Südtirol nicht Halt. Mit deutlichen Auswirkungen für Weinbau und Kellerwirtschaft. Kann man dieser Entwicklung etwas entgegenhalten? Der „Südtiroler Landwirt” hat sich umgehört. von Renate Anna Rubner

Mit dem Klimawandel hat sich auch der Südtiroler Weinbau verändert. Aber wie geht es weiter? (Foto: Christoph Aron, www.pixelio.de)

Mit dem Klimawandel hat sich auch der Südtiroler Weinbau verändert. Aber wie geht es weiter? (Foto: Christoph Aron, www.pixelio.de)

Die globale Klimaerwärmung äußert sich zum einen durch eine Nordverschiebung des Weinbaus in Europa bis nach Norddeutschland, Mittelengland und Skandinavien. Und andererseits durch eine spürbare klimatische Veränderung in den traditionellen Anbaugebieten. Das betrifft auch Südtirol ganz deutlich: Aus dem Klimareport der Eurac geht hervor, dass die Alpen im weltweiten Vergleich besonders stark vom Klimawandel betroffen sind. Die Klimaerwärmung fiel hier in den letzten 100 Jahren mit zwei Grad Celsius doppelt so hoch aus wie im europäischen Durchschnitt. Tendenz weiter steigend.

Bisher positive Auswirkungen auf die Weinqualität
Alois Lageder, Südtirols größter privater Weinproduzent, ist sich schon seit Jahrzehnten der Herausforderungen bewusst, die das „Klimachaos“ mit sich bringen wird. „Denn bisher“, so der erfahrene Winzer, „hat sich die Klimaerwärmung auf unsere Weine noch sehr positiv ausgewirkt. Früher waren zwei gute Weinjahre innerhalb von zehn Jahren die Regel. Heute ist es umgekehrt: Von zehn Jahren sind zwei nicht so gut, der Großteil sehr gut.“ Besonders beim Cabernet Sauvignon habe das eine deutliche Qualitätssteigerung gebracht: Eine positive Entwicklung also, was die Qualität unserer Weine anlangt. Aber was, wenn es noch wärmer wird? Wenn die Reife der Trauben immer früher einsetzt? Wenn es trockener wird und Wetterextreme insgesamt zunehmen?

Wärmebedürftigere Sorten und widerstandsfähige Klone
„Als wir im Jahr 1986 eine neue Anlage in Römigberg am Kalterer See anpflanzten, haben wir uns für einen Versuch mit verschiedenen Sorten aus wärmeren Gegenden entschieden“, erklärt Alois Lageder. Deshalb wurden in dieser Lage, die wohl zu den wärmsten Weinbaulagen Südtirols zu zählen ist, weiße Rebsorten angepflanzt, die exotische Namen tragen wie Viognier, Vermentino, Petit Manseng, Roussanne, Marsanne, Chenin blanc oder Assyrtico, und Rotweine wie Mourvedre, Syrah oder Tannat.
Aus dem Versuch, bei dem jeweils an die 200 Reben pro Sorte Aufschluss über ihre Eignung geben sollten, kristallisierten sich im Laufe der Jahre die Sorten heraus, die Lageders Weinberglagen und Weinen entsprechen: Tannat, Syrah und die weißen Viognier und Petit Manseng. Sie werden nun in größerem Stil angebaut. Potential sieht Alois Lageder aber auch in der Selektion von besonders widerstandsfähigen Klonen, die den veränderten Bedingungen besser standhalten und höhere Säurewerte sicherstellen können, und zwar sowohl bei den Rebsorten, als auch bei den Unterlagen.

Biodynamie für mehr Widerstandskraft
Das Weingut Alois Lageder umfasst 50 Hektar Weinberge. Aus diesen Trauben werden klassische Weine und Lagenweine gekeltert. Darunter klingende Namen wie Löwengang, Cor Römigberg oder Cason Hirschprunn. Seit dem Jahr 2004 werden diese Flächen nach biodynamischen Richtlinien bewirtschaftet. Das Weingut Alois Lageder ist Demeter-zertifiziert.
Auf die Frage, ob auch das eine Antwort auf die großen Fragezeichen des Klimawandels sei, antwortet Alois Lageder: „Ich liebäugelte schon seit den 1970er Jahren mit der biologischen Anbauweise, war damals aber nicht reif dafür. Auch der Betrieb war damals noch nicht soweit. In den 1990er Jahren haben wir dann ernsthaft die Auseinandersetzung mit der biodynamischen Wirtschaftsweise gesucht und sind dann langsam gestartet.“ Alois Lageder hat die Umstellung nie bereut. Im Gegenteil: „Unsere Reben sind dank der Umstellung auf Biodynamie sehr kräftig  und widerstandsfähig, weil sie einen humusreichen, gesunden Boden haben, in dem sie wurzeln. Schädlinge und Krankheiten bereiten uns keine größeren Probleme. Auch im letzten Jahr, als der Peronospora-Druck insgesamt so hoch war, litten unsere Anlagen nicht so an Falschem Mehltau wie viele konventionell bewirtschaftete Rebflächen.“ Das physiologische Gleichgewicht der Pflanzen führe auch dazu, dass sie Kälte, Nässe, Hitze und Trockenheit viel besser standhalten können. „Inzwischen kommen unsere Weinberge – mit Ausnahme von Römigberg – ganz ohne Bewässerung aus, weil der Humus und die Begrünung im Weinberg den Wasserhaushalt des Bodens optimal unterstützen. Nur im letzten Jahr gab es im Juli eine Phase, in der wir bewässern mussten. Das hing wohl mit dem nassen Frühjahr zusammen, in dem die Reben ihr Wurzelwerk eher oberflächlich ausbildeten und deshalb stärker der Austrocknung ausgeliefert waren“, erklärt Alois Lageder.

Schutz gegen die intensive Sonneneinstrahlung
Im Weingut Alois Lageder ticken die Uhren etwas anders: Wenn es andernorts üblich wird, mit dem Vernatsch auf Drahtrahmen umzusteigen, kehrt man in Margreid wieder zur Pergel zurück. „Wir sind beim Vernatsch  wieder von der Drahtrahmenerziehung abgegangen. Denn diese Sorte braucht mehr Schatten um richtig auszureifen“, ist Alois Lageder überzeugt. Der Klimawandel macht sich nämlich nicht nur durch höhere Temperaturen bemerkbar, sondern auch durch eine zunehmende Intensität der Sonneneinstrahlung.

Weinbau bis in höchste Lagen
Auch Franziskus Haas ist davon überzeugt, dass der Weinbau längerfristig auf den Klimawandel reagieren muss. Der Montaner Weinproduzent ist für seine Spitzenweine ebenso bekannt wie für seine unermüdlichen Bemühungen, aus Reben und Trauben das Beste herauszuholen. Dafür scheut er keine Arbeit und schreckt auch vor außergewöhnlichen Experimenten nicht zurück.
Sein Lösungsansatz, um der Klimaerwärmung nachhaltig zu trotzen, ist die Abwanderung in hohe Lagen. 1990 legte er seinen ersten hohen Weinberg an: In Aldein, auf etwa 900 Metern über dem Meer. Zunächst war es eine Versuchsanlage von einem halben Hektar Fläche, die teils mit weißen, teils mit roten Rebsorten bepflanzt war: Neben seinem Steckenpferd, dem Blauburgunder, auch Sorten wie Gamared, Blaufränkisch oder Garanoir. „Einige der 13 aufgepflanzten Versuchssorten zeigten zwar interessante Eigenschaften und ergaben gute Weine, sie passten aber nicht in unser Konzept. Deshalb haben wir die meisten wieder abgelöst“, erklärt Haas. Heute umfasst diese Anlage fünf Hektar Fläche mit den Sorten Blauburgunder, Riesling, Sauvignon blanc, Müller Thurgau und Ruländer.
Weitere knappe fünf Hektar Fläche, die Franziskus Haas für sein Höhenexperiment gepachtet hat, liegen auf knapp 700 Meter über dem Meer in Kalditsch oberhalb von Montan. Hier sind zur Hälfte weiße Rebsorten aufgepflanzt, und Blauburgunder, der teils zu Sektgrundwein verarbeitet wird.
Die neueste und höchste Anlage liegt – wieder in Aldein – auf 1150 Metern über dem Meer. Es ist dies eine kleine Fläche von 5000 Quadratmetern, angelegt im Jahr 2012. Die Pfropfreben sind noch kümmerlich. Bis Ende März lag hier noch Schnee. Die Pflanzen haben den Winter aber gut verkraftet, der Schnee wirkt hier eher wie eine wärmende Decke. Auf jeden Fall ist Franziskus Haas guter Dinge: Seine Rechnung geht voll auf.

Mehr Farbe und mehr Aromen
„Die Weine aus unseren hohen Lagen zeichnen sich durch eine besondere Farbintensität aus“, schwärmt Haas. „Sie entwickeln mehr Aromen, weil die Traubenreife deutlich verzögert wird. Und die Trauben sind viel gesünder, weshalb wir naturnah produzieren können.“ Auf die Frage, was ihn zu diesem eigenwilligen Experiment bewogen hat, erklärt Franziskus Haas: „In hohen Lagen haben wir gleich mehrere Vorteile, was den Reifeprozess und damit die Entwicklung von Aromen anlangt: Die Temperaturen sind niedriger, die Temperaturdifferenzen stärker ausgeprägt und die Luftfeuchtigkeit tiefer. Die Sonneneinstrahlung ist stärker, die Lichtintensität verändert sich mit der Höhe deutlich. Das alles hat Einfluss auf die Inhaltsstoffe der Trauben und bringt damit Weine mit ausgeprägtem Charakter hervor.“

Wenig Säure und wenig Ertrag
Und wie steht es mit der Säure? Entgegen aller Erwartungen haben die Analysen laut Haas in den Trauben aus den hohen Lagen nicht deutlich höhere Säurewerte gezeigt als jene aus tiefer geerntetem Lesegut. Die Zuckerwerte sind etwas niedriger. Die Trauben sind bis zur Ernte physiologisch reif und im Säure-Zucker-Verhältnis ausgewogen. Also Ziel erreicht? Nicht ganz, wie Franziskus Haas offen zugibt: „Der Ertrag in den hohen Lagen war in den letzten Jahren schlecht. Vielleicht hängt das mit der schlechten Witterung während der Blüte zusammen, aber wir haben oft  weniger als 50 Zentner pro Hektar geerntet. Das ist eindeutig zu wenig, auch wenn wir eher niedrige Ertragsmengen anstreben. Längerfristig sollte sich ein Hek­tarertrag von 60 Zentner einpendeln.“
Auf jeden Fall ist das Projekt für Franziskus Haas alles andere als abgeschlossen: „Ich bin auf der Suche nach weiteren zehn Hektar Fläche in hohen Lagen“, gesteht er offen. Man darf gespannt sein, was daraus wird.

Verträgt der Markt mehr Menge?
Hansjörg Hafner vom Südtiroler Beratungsring sieht das ganze etwas kritischer: „Das größte Problem des Klimawandels sind weniger die insgesamt höheren Temperaturen, sondern vor allem die starken Extreme, denen wir ausgesetzt sind. Dazu gehören Starkre­genereignisse und Hagel, Trockenheit und Dürre.” Man dürfe auch nicht vergessen, dass sich die Klimaerwärmung nicht linear vollziehe, sondern dass es neben wärmeren Jahren wieder solche gebe, in denen man mit unterdurchschnittlich kühlen Phasen und den entsprechenden Folgen rechnen müsse. „So gibt es neben Jahren mit früher Blüte und früher Reife eben nach wie vor späte Jahre wie 2013 mit Reifeterminen, die um zwei bis drei Wochen verzögert sind. Dann reifen in den Höhenlagen die Trauben einfach nicht mehr “, so Hafner. Denn auch wenn die Zuckergradation trotzdem oft stimme, so könne in höheren Lagen gerade in späten Jahren die physiologische Reife der Trauben einfach nicht erreicht werden. Und das wirke sich dann auf die Qualität der gekelterten Weine aus.
„Und das betrifft besonders Lagen, die außerhalb des traditionellen Anbaugebietes, also oberhalb von 700 Metern über dem Meer, angebaut werden”, so Hafner weiter. Denn die Lagen innerhalb des traditionellen Anbaugebietes seien bereits so austariert, dass  die Qualität der Weine in jedem Jahr gewährleistet werden könne. „Aber angenommen, die Qualität der Weine aus höheren Lagen stimmt auch, so frage ich mich doch, ob der Markt dieses Mehr an Wein überhaupt verkraftet?“, lässt Hafner bedenken. Im Eisacktal beispielsweise sei das Potential an zusätzlichen Weinbauflächen groß, das Vermarktungspotential aber mehr als fraglich, besonders bei einigen Sorten.

Mehr Flexibilität und Fingerspitzengefühl
Deshalb mahnt Hansjörg Hafner zur Vorsicht und dazu, sich vom Klimawandel nicht zu sehr in Entscheidungen drängen zu lassen, die ohnehin schwierig realisierbar sind: „Wir werden weder unseren Sortenspiegel grundlegend überdenken noch die klassischen Weinbauzonen verlassen. Wir müssen vielmehr versuchen, den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen, indem wir unsere Kulturmaßnahmen den aktuellen Gegebenheiten anpassen!“ Das verlange vor allem mehr Flexibilität und mehr Fingerspitzengefühl von Seiten der Bauern.
Und was heißt das konkret? „Wir müssen davon abkommen, dass es ein Standardrezept gibt“, erklärt Hafner. „Was für Standort A gut ist, kann für Standort B weniger gut sein. Was im letzten Jahr gut funktioniert hat, kann im nächsten Jahr die falsche Entscheidung sein.Wir müssen also lernen, von Fall zu Fall und von Jahrgang zu Jahrgang zu reagieren. Das ist die große Herausforderung, der wir uns künftig stellen müssen.“
Mehr Flexibilität und Fingerspitzengefühl also bei den Laubarbeiten, beim Wassermanagement und beim Umgang mit der Begrünung. Durch angepasste Kulturmaßnahmen müsse also versucht werden, den Stress für die Reben zu minimieren. „Und das bedeutet vor allem einen ausgewogenen Ertrag. Denn ausgeglichene Anlagen können mit Stress deutlich besser umgehen“, so Hafner.