Südtiroler Landwirt, Produktion | 27.03.2014

Unbezahlbare Mitarbeiter

Drei Jahre lang untersuchten das EURAC-Institut für Alpine Umwelt und die Universität Innsbruck das Leben in Südtirols Böden. Die erfreulichen Ergebnisse der Studie namens „SoilDiv“: Den Südtiroler Böden geht es gut! Prof. Erwin Meyer über Details und Schlussfolgerungen für Südtirols Landwirtschaft. von Eduard Tasser (Interview)

An 70 Standorten mit verschiedenen Landnutzungs- und Bewirtschaftungsformen im ganzen Land entnahmen die Mitarbeiter von EURAC und Uni Innsbruck Bodenproben, um diese nach Vielfalt, Häufigkeit und Masse an Bodenlebewesen zu untersuchen.

An 70 Standorten mit verschiedenen Landnutzungs- und Bewirtschaftungsformen im ganzen Land entnahmen die Mitarbeiter von EURAC und Uni Innsbruck Bodenproben, um diese nach Vielfalt, Häufigkeit und Masse an Bodenlebewesen zu untersuchen.

Südtiroler Landwirt: Herr Prof. Meyer, vor Beginn der Untersuchung des biologischen Zustands von Südtirols Böden hatten Sie ein weniger positives Bild von dem, was sich hierzulande im Untergrund tut. Ein Vorurteil, das Sie nun selbst widerlegen?
Erwin Meyer: Ja, und ich freu‘ mich darüber! Ich freue mich, weil es Südtirols Böden fast ausnahmslos besser geht als befürchtet. Wir dachten, dass vor allem in intensiv genutzten Kulturböden nicht mehr viel an Bodenlebewesen da sein werden. Doch weit gefehlt: Die landwirtschaftlichen Kulturflächen in Südtirol sind bezüglich der Bodenmakrofauna sowohl quantitativ – bezogen auf die Besiedlungsdichte und Biomasse – als auch qualitativ – den Formenreichtum und die funktionelle Vielfalt betreffend – überraschend gut ausgestattet.

Alles bestens, also?
Ganz so einfach ist es nicht. Wir haben bei unseren Untersuchungen schon deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Bewirtschaftungsformen festgestellt und können auch belegen, dass es Faktoren gibt, die das Bodenleben begünstigen, und solche, die es behindern.

Als Bodenzoologe und Universitätsprofessor machten Sie sich zum Fürsprecher all dessen, was sich an Larven, Würmern, Asseln, Spinnen, Gliederfüßern, Milben, Ameisen und Käfern im Boden tummelt ...
Wir beachten in erster Linie das, was und wie viel auf unseren Böden wächst und gedeiht. Grundlegend dafür ist aber, was sich in der Erde tut. Nur auf einem Boden, der lebt, können Pflanzen gut und gesund wachsen. Ökologisch bedeutsam sind die Zersetzer wie Asseln, Tausendfüßer, bestimmte Insektenlarven und Regenwürmer. In Wechselwirkung mit den Bakterien und Pilzen sorgen sie für den Erhalt des Stoffkreislaufs, indem sie den pflanzlichen Bestandsabfall zerkleinern, konsumieren und ausscheiden. Dadurch machen sie die Nährstoffe für die Pflanzen wieder verfügbar.
Die wühlenden und grabenden Bodentiere – Regenwürmer, Tausendfüßer und Insektenlarven – spielen bei der Durchmischung der organischen und anorganischen Bodenbestandteile, der Krümelbildung sowie bei der Lockerung und Durchlüftung des Bodens eine Schlüsselrolle. Bodentiere sind auch Nahrungsgrundlage für räuberische Bodentiere.

Sie haben vorhin angedeutet, dass Ihre Studie doch deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bewirtschaftungsformen zu Tage befördert hat ...
Ackerböden weisen die geringste Individuendichte an Bodentieren auf. Im Durchschnitt fanden wir dort 1070 Individuen pro Quadratmeter. Ackerböden werden mechanisch stark strapaziert und haben meist geringe Humusgehalte. In Obstwiesen konnten wir hingegen im Durchschnitt 5554 und in Weinflächen sogar 6770 Individuen pro Quadratmeter zählen. Die höchsten Individuenzahlen fanden wir in den Böden der Mähwiesen. Der diesbezügliche über alle Landesteile und Höhenstufen gemittelte Wert lag bei 9030 Bodentieren. Den Maximalwert erreichte eine Mähwiese in Walten in Passeier mit 12.010 Individuen pro Quadratmeter.

Und was sagt die SoilDiv-Studie zu den Unterschieden zwischen biologischer und konventioneller Wirtschaftsweise?
In biologisch bewirtschafteten Obstflächen fanden wir mit  8.130 Individuen pro Quadratmeter signifikant mehr und im Durchschnitt doppelt so viele Bodentiere als auf den konventionellen Flächen mit 4.695 Individuen.
Bei den Weinflächen waren die Abundanz-Zahlen der Bioflächen mit 7.560 Individuen pro Quadratmeter zwar auch höher als auf den konventionellen Flächen mit 6.480, aber statistisch nicht signifikant.

Gibt es vergleichbare Ergebnisse aus anderen Ländern? Wie steht Südtirol international da?
Für das Grünland gibt es zahlreiche Vergleichswerte im außeralpinen Europa. Dabei liegen Mähwiesen in Südtirol im unteren Mittelfeld. Dies verwundert aber nicht, denn hierzulande erweisen sich die Faktoren Höhenlage und Hangneigung als bestimmende Faktoren. Flach gelegene Grünlandböden wie in Großbritannien, welche die höchste Zahl und Biomasse an Bodenmakrofauna aufweisen, bieten Bodenlebwesen auch andere Voraussetzungen. Die Situation in Südschweden oder Polen ist vergleichbar mit den Werten aus Südtirol.
Daten aus einem südschwedischen Ackerland zeigen geringfügig höhere Biomassenwerte für Regenwürmer, dafür ist die Besiedlungsdichte in den untersuchten Äckern in Südtirol doppelt so hoch. Für den Obst und Weinbau fehlen vergleichbare Daten. Generell dürfen wir nach Abschluss der SoilDiv-Studie festhalten, dass Südtirol nun das bodenzoologisch am besten untersuchte Gebiet in Mitteleuropa – vielleicht sogar weltweit – ist.

Was sollen die Bauern nun mit Ihren Erkenntnissen anfangen? Müssen sie ihre Art, Landwirtschaft zu betreiben, grundlegend ändern?
Die vorliegenden bodenzoologischen Ergebnisse geben keinen Anlass, die praktizierte  Wirtschaftsweise zu hinterfragen. Wohl aber lassen sich aus der Studie zahlreiche, praktische Hinweise ableiten. Bodenlebewesen sind nämlich kostenlose Mitarbeiter und Verbündete des Bauern, deren „Dienstleistungen“ er nutzen sollte!

Konkret heißt das?
Förderlich auf Bodentiere wirken die geschlossene Pflanzendecke in den Fahrgassen sowie das Mulchen, ebenso eine organische Düngung mit Stallmist, Kompost oder Biosol. Nützlich ist auch eine mechanische Pflege des Baumstreifens mit Bürstengeräten, da sie den Bodentieren ein ausgeglichenes Milieu und  Nahrung zur Verfügung stellt. Vorteile bietet weiters eine optimale Wasserversorgung: Extrem trockene oder staunasse Böden verschlechtern die Lebensbedingungen für Bodentiere. Positiv wirkt auch die Reduktion der Pflanzenschutzmittel infolge integrierter oder gar biologischer Bewirtschaftung.
In Gunstlagen ist es inzwischen üblich, Mähwiesen mehr als dreimal zu schneiden. Nach jedem Schnitt wird möglicherweise aggressiver und für die Bodenfauna toxischer Flüssigmist  ausgebracht. Durch das häufige Befahren des Grünlandes werden der Boden verdichtet, die Wohnröhren von Regenwürmern zerstört und das Bodenleben beeinträchtigt.