Südtiroler Landwirt, Südtiroler Bäuerinnenorganisation | 27.03.2014

Geschichte am Leib

Die Tracht sagt immens viel über ihren Träger: Sie wird zum lebendigen Kulturgut und unterscheidet sich grundsätzlich von der Trachtenmode. Christoph Gasser vom Stadtmuseum Klausen hat sich Gedanken darüber gemacht, was Tracht tragen in der heutigen Zeit bedeutet.

Wer Tracht trägt, trägt ein Stück eigener Geschichte. So stiftet die Tracht Identität und unterscheidet sich klar von der Trachtenmode. (Foto: Florian Andergassen)

Wer Tracht trägt, trägt ein Stück eigener Geschichte. So stiftet die Tracht Identität und unterscheidet sich klar von der Trachtenmode. (Foto: Florian Andergassen)

Denkt man heute an Tracht, so neigt man leicht dazu, in bekannte Klischeevorstellungen zu verfallen. Gerade in einer Zeit, wo Dirndl und Lederhose boomen, verwechselt man gern das Heimatgefühl des Trachtenfolklorismus mit dem, was Tracht eigentlich wirklich ist und bedeutet.
Im Gegensatz zur „Trachtenmode“, die durchaus schön sein kann, doch gesichts- und geschichtslos ist und sich in jeder Saison und mit jeder Kollektion ändert, ist Tracht kein x-beliebiges Gewand. Bei der trachtigen Mode stellen gängige Kategorien, wie Heimat, Identität, Tradition, nur ein diffuses, allgemeines Befinden, ein Klischee dar, während diese bei der Tracht viel konkreter, spezifischer, insgesamt authentischer sind. An die große kulturhistorische Bedeutung der originalen Tracht reicht die Dirndl-Lederhosenmode niemals heran.

Räumlicher Bezug ist zentrales Merkmal
Südtirol besitzt eine Trachtenvielfalt, die einmalig ist im Alpenraum – ein Phänomen, dessen Wurzeln bis weit in das 18. Jahrhundert zurückreichen. In dieser Zeit entstand das, was wir heute allgemein als Tracht ansehen, nämlich das typische Alltags- bzw. Festtagsgewand der vornehmlich bäuerlichen Bevölkerung.
Von entscheidender Bedeutung ist dabei die kleinräumige Differenzierung, die ebenfalls in diese Zeit fällt. Dadurch erhält die Tracht ihr wichtigstes Kennzeichen, nämlich ihren räumlichen Bezug. Von Gebiet zu Gebiet entwickelten sich unterschiedliche Bekleidungsformen und -elemente, die auch noch nach Stand und Anlass differenziert wurden. Die einzelnen Trachten werden typisch für ein bestimmtes Gebiet, für eine bestimmte Talschaft oder für eine bestimmte Gemeinde. An den charakteristischen Merkmalen erkennt man nun die Herkunft der einzelnen Trachten.

Mieder- wird Tüchteltracht und Kurz- wird Langbäuerisches
Die Trachten haben sich im 18. und im 19. Jahrhundert auch verändert und weiterentwickelt. Der größte Einschnitt war der Übergang von der Miedertracht zur Tücheltracht bei den Frauen und vom Kurzbäuerischen zum Langbäuerischen bei den Männern in den Jahrzehnten um die Mitte des 19. Jahrhunderts.
Das zentrale Merkmal der Trachten blieb aber immer bestehen, nämlich ihr lokaltypischer Bezug, der sich in vielen unterschiedlichen und zugleich charakteristischen Merkmalen, Details und Usancen ausdrückt. Das macht die Tracht zum unverwechselbaren Kulturgut – gleichgültig ob historisch gewachsen oder nach historischen Vorlagen erneuert oder wiederbelebt; gleichgültig ob sie als Orts- oder als Gebietstracht von der gesamten Bevölkerung getragen wird oder nur mehr von Vereinigungen und Gruppierungen.

Gewand für alle Generationen
Die Tracht ist aber nicht nur ein eindrucksvolles kulturelles Erbe, das es zu bewahren und zu pflegen gilt – sie hat auch einen hohen sozialen und funktionalen Wert. Die Tracht ist und bleibt das schönste und zugleich würdevollste traditionelle Gewand für alle Festlichkeiten und besonderen Anlässe. Qualitätsvolle Materialien und gediegene Handarbeit garantieren zudem eine angenehme Tragbarkeit und eine lange Haltbarkeit. Das alles macht die Tracht zum einzigartigen Gewand für alle Generationen.

Jedes einzelne Kleidungsstück hat historische Wurzeln
Trachten und selbst einzelne Kleidungsstücke und Details haben mit ihrem räumlich, zeitlich und sozial klar umrissenen Bezug weitreichende historische Wurzeln und eine entsprechende kulturelle Wertigkeit. Wer Tracht trägt, trägt ein Stück der eigenen Geschichte, die somit unmittelbar zu einem Teil von uns selbst wird. Tracht verbindet also in mehrfacher Hinsicht, nämlich historisch, sozial und kulturell, und schafft damit Identität und Selbstverständnis für den, der sie trägt. Sie ist markantes Zeichen und Ausdruck der eigenen Geschichte und zugleich gelebtes Kulturgut unseres Landes.


SBO-Trachtenbuch: Inser beschtes G'wond