Südtiroler Landwirt, Arbeitsberatung | 13.02.2014

Landwirtschaft ist ein Arbeitsfaktor

Beim Thema Beschäftigung verkauft sich die Landwirtschaft meist unter ihrem Wert. Ob im Haupt- oder Nebenerwerb, als Saison- oder fix angestellte Arbeitskraft: In Summe bringen sich 83.000 Personen pro Jahr aktiv als Arbeitskraft in der Landwirtschaft ein, das entspricht 8,3 Mio. Arbeitstagen. von Stefan Perini, AFI | Arbeitsförderungsinstitut

Die Landwirtschaft – in der Statistik oft als Arbeitsfaktor unterschätzt. Warum eigentlich? Das hängt damit zusammen, dass die amtlichen Zahlen stets nur die Haupttätigkeit berücksichtigen bzw. sich sehr häufig auf die abhängigen Arbeitsverhältnisse beziehen. Kritiker mögen vorwerfen, die Zahlen der Landwirtschaftszählung 2010 seien überholt: Sie beziehen sich auf das Wirtschaftsjahr 2009/10, sind also schon fast vier Jahre alt. Das Gegenargument: Zum einen finden große Veränderungen über Jahrzehnte statt, zum anderen ist es die einzige wirklich vollständige und lückenlose statistische Festhaltung der Situa­tion in der Landwirtschaft. Also dienen sie auch für diese Betrachtungen als Grundlage.

83.000 Arbeitskräfte
In Punkto Beschäftigung verkauft sich die Landwirtschaft in den Statistiken meist unter ihrem effektiven Wert. Laut ISTAT-Arbeitskräfteerhebung arbeiten in Südtirol im Jahresschnitt knapp 16.000 Personen hauptberuflich in der Landwirtschaft, das entspricht 6,5 Prozent der Gesamtbeschäftigung. Auch gemessen an der Zahl der hauptberuflichen Arbeitnehmer schneidet die Landwirtschaft bescheiden ab. Dort sind es knapp 8000 Personen, sprich vier Prozent der unselbständigen Beschäftigung. Das Problem an diesen Statistiken ist zweierlei: Die Personen werden immer nur nach ihrer Hauptbeschäftigung zugeordnet. Weiters wird die familieninterne Arbeitsleistung von Ehegatten und familiären Mitarbeitern nicht erfasst. Geht man hingegen nach den Daten der Landwirtschaftszählung, so rückt das wahre Ausmaß der Arbeitskraft in der Landwirtschaft ans Licht. Demnach waren im Wirtschaftsjahr 2009/10 knapp mehr als 83.000 Personen in irgendeiner Form in der Landwirtschaft beschäftigt. In zwei Drittel der Fälle handelt es sich um familieneigene Arbeitskräfte – Bewirtschafter, Ehegatte, Familienmitglieder und Verwandte. Das andere Drittel sind familienexterne Arbeitskräfte, meist Saisonarbeiter.

8,3 Mio. Arbeitsstunden
Erstaunlich ist die Arbeitsleistung, die hinter der Landwirtschaft steht, wenn man diese für ein gesamtes Wirtschaftsjahr betrachtet und in Arbeitsstunden ausdrückt. Dabei kristallisiert sich heraus: Landwirtschaftliche Arbeit ist vorwiegend Familienarbeit. Den übergroßen Teil, nämlich 88 Prozent der Arbeitsstunden, leisten der Betreiber und seine Familie ab. Die gelegentlichen Arbeitskräfte – siehe Saisonarbeiter – stellen sicher eine wichtige Stütze in der Erntesaison dar. Im Schnitt arbeiten sie allerdings nur rund 26 Arbeitstage im Jahr. So fallen sie in der Jahresstatistik mit einer Arbeitsstundenleistung von acht Prozent nur bedingt ins Gewicht.

Geschlechterspezifische Rollen
Aus den Daten schlägt nach wie vor eine markante geschlechterspezifische Rollenaufteilung durch. Bei den 19.613 Bewirtschaftern handelt es sich zu 84 Prozent um Männer, nur in 16 Prozent der Fälle um Frauen.
Der mitarbeitende Ehepartner im Betrieb ist hingegen zu 86 Prozent die Frau, zu 14 Prozent der Mann. Bei den Familienmitgliedern und Verwandten, die eher sporadisch im Betrieb mithelfen, handelt es sich in knapp mehr als 60 Prozent der Fälle um Männer, in knapp weniger als 40 Prozent der Fälle um Frauen.

Die Gemeindesicht
Wer hätte das gedacht: Die Gemeinde Bozen ist eine der Top-3-Gemeinden, wenn es darum geht, wie viele Arbeitsstunden in der Landwirtschaft in den verschiedenen Gemeinden Südtirols abgeleistet werden. Die Rangliste der Arbeitsstunden in der Landwirtschaft führt die Gemeinde Eppan an. Es folgen Sarnthein, Bozen, Ritten und Lana. Die touristisch stark entwickelten Gemeinden im Gröden- und Gadertal weisen hingegen eine eher geringe absolute Arbeitsstundenzahl in der Landwirtschaft auf.
Will man allerdings die Intensität der Arbeitsleistung in der Landwirtschaft beurteilen, so muss man die Zahl an Arbeitsstunden in Relation zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter betrachten. Das sind die Personen zwischen 15 und 64 Jahren. Geht man nach dieser Methode vor, so erkennt man, dass die „landwirtschaftlichsten“ Gemeinden Laurein, Proveis, St. Felix, Pfatten und Vöran heißen. Sehr oft handelt es sich hier um strukturschwache Gebiete. Beschäftigungsmäßig würden diese Gemeinden noch sehr viel schlechter dastehen, würde auch noch die Landwirtschaft als Beschäftigungsmöglichkeit ausfallen.