Südtiroler Landwirt | 07.11.2013

Auf den Nachbarn schauen

Immer öfter haben die Viehbauern im oberen Vinschgau Obstbauern als Nachbarn. Nicht immer läuft diese neue Nachbarschaft problemlos, in erster Linie wegen des Themas Abdrift. Bei einem Lokalaugenschein kamen die Beteiligten einer Lösung näher.

Spätestens seit dem Informationsabend im Juni in Prad dreht sich die Diskussion um die Ausbreitung des Apfelanbaus rund um das Thema Abdrift. Die besonderen Bedingungen im Obervinschgau würden eine Ausbringung der Pflanzenschutzmittel ohne Verwehungen auf angrenzende Flächen erschweren, so der Grundtenor. Einige Biobauern verweisen auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln auf ihren Weiden und Getreidefeldern. Wegen der strengen Vorgaben für den Bioanbau seien Ernteausfälle und wirtschaftliche Schäden die Folge. Der Bauernbund-Bezirk Vinsch-gau bemüht sich seit längerem mit dem Verband Bioland um ein konfliktfreies Nebeneinander im Obervinschgau. Bezirksobmann Andreas Tappeiner bringt es auf den Punkt: „Wir wollen Anbaufreiheit, aber keine Schäden für die bestehende Bewirtschaftung.“ Eine Reihe von Aussprachen mündete vor kurzem in einem Lokalaugenschein.

Lokalaugenschein im Vinschgau
Vertreter von Bauernbund, Bioland, Agrios und Beratungsring machten sich ein Bild über bislang getroffene Maßnahmen zum Schutz vor Abdrift. Neben Bezirksobmann Tappeiner sowie Leonhard Wellenzohn und Jutta Staffler von Bioland waren unter anderem Agrios-Vertreter Bernhard Burger, Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner, Amtsdirektor Markus Joos und der Malser Landwirtschaftsreferent Josef Thurner dabei. Erster Halt war die Apfelanlage von Ortsobmann Andreas Hauser in Spondinig. Der Biobauer hat mit der Anlage gleichzeitig eine Hecke gepflanzt, die heute mehrere Meter hoch ist und wirksam vor Abdrift schützt. Anstelle einer Hecke kann anfangs auch eine Plane als Schutz dienen, wie es bei der zweiten Anlage in Schluderns der Fall war.
Zu sehen bekamen die Teilnehmer aber auch Anlagen, bei denen die Abdrift im Vorfeld offensichtlich zu wenig bedacht wurde: wie eine ältere Apfelanlage in Tartsch ohne ausreichenden Abstand zur Grundstücksgrenze, sodass eine Behandlung der letzten Baumreihen von außen nicht möglich ist. Verwehungen auf das benachbarte Grünland scheinen so unvermeidbar. Dieselbe Problematik ergibt sich bei Anlagen mit ungünstigen Grundflächen, z. B. Anlagen auf sehr kleinen und schmalen Flächen. Einige Beispiele waren beim Blick über die Talfläche bei Glurns erkennbar. Dass es trotz Hecken und vorbildhafter Anlage zu Abdrift kommen kann, zeigte Biobauer Günther Wallnöfer: Proben aus seiner Futterwiese, die an eine Obstanlage grenzt, wiesen Rückstände von Spritzmitteln im Mikrobereich auf.

Rahmenvereinbarung diskutiert
Was tun nun für eine konfliktfreie Nachbarschaft? Bauernbund und Bioland schlagen die Ausarbeitung einer Rahmenvereinbarung vor, an der sich benachbarte Bauern orientieren können. Ziel ist laut dem stellvertretenden Obmann von Bioland Leonhard Wellenzohn „eine schriftliche Vereinbarung zwischen Nachbarn, in der beschrieben ist, welche Vorkehrungen zur Vermeidung von Abdrift getroffen werden und wie mit eventuell auftretenden Schäden durch Abdrift umzugehen ist.“ Anschließend an den Lokalaugenschein diskutierten die Teilnehmer über den Vorschlag für die Rahmenvereinbarung, die allen Landwirten als Vorlage zur Verfügung stehen soll. Sollte keine Vereinbarung zwischen Nachbarn zustande kommen, würden allgemeingültige Regelungen zum Tragen kommen, wie sie teilweise bereits in den AGRIOS-Richtlinien vorgesehen sind, so etwa Abstände einhalten, Abdrift-arme Sprühtechnik verwenden und Hecken oder Barrieren errichten.
Als nächster Schritt werden nun die Genossenschaften einbezogen, bevor die Rahmenvereinbarung zu einer wirklichen Lösung für ein konfliktfreies Nebeneinander im Obervinschgau führen kann.