Südtiroler Landwirt | 24.10.2013

Wild und Wald in Einklang bringen

Die Ausgewogenheit zwischen Wildbestand und Waldzustand soll das Ziel der Südtiroler Jagd sein. Hauptproblem bleibt der Rotwildbestand, vor allem im Vinschgau. Dies ergab das Treffen Forst – Jagd – Landwirtschaft Ende September in der Forstschule Latemar. von Guido Steinegger

Stolzer Hirsch im Wald: Wie man einen Ausgleich zwischen Waldverjüngung und Wildbestand erreichen kann, war Hauptthema des Treffens. (Foto: Ibefisch, www.pixelio.de)

Stolzer Hirsch im Wald: Wie man einen Ausgleich zwischen Waldverjüngung und Wildbestand erreichen kann, war Hauptthema des Treffens. (Foto: Ibefisch, www.pixelio.de)

Beim Thema Jagd treffen unterschiedliche Interessen der Jäger, Förster und Bauern aufeinander. Wie man einen gesunden Ausgleich finden kann, darüber diskutierten Vertreter des Landesjagdausschusses, Bauernbundes, Ressortdirektor Heinz Holzer und Vertreter der Abteilungen Landwirtschaft und Forstwirtschaft. Auch fast alle Mitglieder der Abschussplankommissionen waren gekommen.

Waldzustand in den Mittelpunkt
Ein zentrales Thema war, die Beurteilung des Waldzustandes stärker in den Mittelpunkt zu rücken. So schlug Paul Profanter, Leiter der Landesabteilung Forstwirtschaft, in einem 4-Punkte-Plan unter anderem eine landesweite periodische Beurteilung der Verjüngungsdynamik vor. Bisher spielt dieser Aspekt bei der Erstellung der Abschusspläne eine untergeordnete Rolle. Dort zählen fast ausschließlich wildbezogene Daten, sprich der Wildbestand. Wenn aber die Wilddichte hoch ist, dann steht in erster Linie der Wald unter Druck, wie Vertreter der Forst- und Landwirtschaft betonten. Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner formuliert es so: „Eigentlich sollte der Wildbesatz überall ausgewogen sein, sodass es weder in Wald- noch in Landwirtschaft zu größeren Wildschäden kommt. Aber wenn es Schäden gibt, hat die Landwirtschaft mit Wildschadensmeldung, Schadensvergütung und Einzäunungen ein relativ gut funktionierendes Schutzsystem. Beim Wald gibt es nur schwache Instrumente.“ Bekanntlich gibt es eine Wildschadensvergütung nur in Privatwäldern und erst dann, wenn das Revier weniger als
85 Prozent der in den Abschussplänen vorgesehenen Abschüsse erreicht.
Erstes Ziel sollte laut Rinner nicht sein, „dass die Schäden bezahlt werden, sondern dass sie weniger werden“. Es sei also nötig, dass auch der Verbiss bzw. die Verjüngungsdynamik und die Schäden in der Landwirtschaft als Weiser für die Abschussplanung gestärkt werden.

Schulterschluss für „Wald und Wild“
Unisono betonten Landesjägermeister Bertold Marx und Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler, wie wichtig ein Schulterschluss zwischen Jagd, Forst und Landwirtschaft ist. Es solle nicht um die Frage „Wald oder Wild?“ gehen, sondern wie man „Wald und Wild“ in Einklang bringen könne. Mehrere Wortmeldungen wiesen auf das gemeinsame Strategiepapier hin, das 2011 als Teil der Landesjagdordnung zu „Leitlinien für eine wald- und feldverträgliche Wildbewirtschaftung“ überarbeitet worden sei. Es enthalte alle Maßnahmen für einen Schulterschluss zwischen Jagd, Forst- und Landwirtschaft. Allerdings bedürfen viele Maßnahmen noch einer konkreten Umsetzung.
Wie diese aussehen könnte, wurde breit diskutiert. Eine Maßnahme sei, die Abschussplankommissionen zu stärken, denn dort sitzen Vertreter aller Interessengruppen. Konkrete Probleme sollten bereits in Vorbesprechungen thematisiert werden. Lokalaugenscheine oder Hinweise könnten dann ein umgehendes Eingreifen vor Ort ermöglichen. Besonders in Problemgebieten brauche es oft eine vertiefende Auseinandersetzung, die im derzeitigen Ablauf der Abschussplanung zu wenig Platz finde.
Allgemeine, landesweite Wilddichten sind wohl kein geeignetes Instrument. Vielmehr braucht es an den jeweiligen Lebensraum angepasste Indikatoren. Denn wie viel Wild in einem Gebiet wie viele Schäden anrichten kann, hängt von vielen Faktoren ab, erklärt Rinner: „Klima und Bodenbeschaffenheit am Vinschgauer Sonnenberg sind anders als im Brixner Raum. Am Sonnenberg verjüngt sich der Wald viel schwieriger und verträgt daher keine so hohe Wilddichte.“

Einblick in die Jagdordnungen
Die Kommission soll zudem auf Wunsch Einblick in die internen Jagdordnungen der Reviere erhalten, diese bewerten können und die Kompetenz erhalten, notfalls auch Änderungen herbeizuführen. Auch eine regelmäßige, gemeinsame Weiterbildung der Kommissionsmitglieder könnte deren Tätigkeit erleichtern. Überdenken könnte man schließlich auch die Wildschadensvergütung im Wald: Jedenfalls wurde die Frage aufgeworfen, ob andere Sanktionen zielführender sind als die Vergütung bei Unterschreiten von 85 Prozent der Abschusserfüllung.

Mehr Öffentlichkeitsarbeit
Alle Beteiligten klagten darüber, dass der gesetzliche Spielraum für die Jagdregulierung immer enger werde: Es gibt in Italien eine starke Lobby der Jagdgegner mit großem Einfluss auf die Gesetzgebung. Um so mehr geht es darum, die autonome Zuständigkeit Südtirols zu verteidigen. Gleichzeitig soll die Öffentlichkeitsarbeit gestärkt und von allen Interessengruppen gemeinsam getragen werden, um das Bewusstsein für die Jagd zu stärken.
Eine Arbeitsgruppe mit jeweils einem Interessenvertreter – für die Landwirtschaft ist dies Martin Ganthaler, Mitglied der Abschussplankommission Burggrafenamt/Meran – wird bis Ende November die Aspekte dieses Treffens in das Strategiepapier einarbeiten und vorschlagen, wie die vorgesehenen Maßnahmen konkret umgesetzt werden sollen.