Südtiroler Landwirt | 24.10.2013

Negativ-Rekordjahr geht zu Ende

Die jüngsten Unwetter – verbunden mit dem verfrühten Wintereinbruch – sind der hoffentlich letzte Akt eines äußerst schwierigen Jahres für Südtirols Obstbau: Die Versicherungen zahlen Rekordschäden aus! Aber auch Schorf und Besenwuchs bereiteten den Bauern Sorgen. von Renate Anna Rubner und Guido Steinegger

Zuerst von Windböen umgeworfen, dann legte sich Schnee darauf: Die Schäden vom 10. Oktober im Vinschgau boten ein traurig-spektakuläres Bild.

Zuerst von Windböen umgeworfen, dann legte sich Schnee darauf: Die Schäden vom 10. Oktober im Vinschgau boten ein traurig-spektakuläres Bild.

Rund 30 Hektar Obstbaufläche liegen seit dem verfrühten Wintereinbruch in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober allein im Vinschgau auf dem Boden. So lauten zumindest die Schätzungen von Heinrich Huber, Direktor des Hagelschutzkonsortiums. Betroffen vom Windbruch in Kombination mit den Schneemassen sind aber nicht nur größere Flächen rund um Kortsch und Laas im Vinschgau, sondern auch einzelne Reihen in Anlagen des Etschtales und des Unterlandes.
Diese Schäden sind aber nur die – hoffentlich – letzten eines wahren Negativ-Rekordjahres. Heinrich Huber bezeichnet das Landwirtschaftsjahr 2013 für den Südtiroler Obstbau als das „schlimmste seit Bestehen des Hagelschutzkonsortiums“. Dabei fließen nur Ereignisse wie Hagel und Windschäden in seine Erhebungen mit ein.

Schaden in 6 Jahren verdreifacht
Über 53 Mio. Euro an Schadensvergütung werden die Versicherungen heuer an die Bauern auszahlen müssen – acht mehr als im bisher schlimmsten Jahr 2011. Insgesamt beobachtet Huber in den vergangenen sechs Jahren einen deutlichen Anstieg: Zwischen 2008 und 2013 haben die Versicherungen insgesamt 195 Mio. Euro – also mehr als 30 pro Jahr – ausbezahlt (s. Tab. S. 44). Das sind drei Mal so hohe Beträge wie in den sechs Jahren zuvor, in denen insgesamt 60 Mio. Euro liquidiert wurden.
Die Gründe für diesen rasanten Anstieg sind vielfältig. Huber zählt auf: Erstens kann sich kein professioneller Obstbauer leisten, seine Ernte nicht zu schützen. „Entweder versichert oder Hagelschutznetz oder sogar versichert plus Netz“, fasst der Direktor des Hagelschutzkonsortiums zusammen. 95 Prozent aller Südtiroler Obstflächen ohne Netz sind inzwischen versichert. Auch beim Wein liegt die Quote inzwischen bei 65 Prozent, obwohl hier Hagel weniger Schäden anrichtet als bei Äpfeln. Seit 2002 bis heuer ist der versicherte Wert in Südtirol von 200 auf 420 Mio. Euro angestiegen. Als zweiten Punkt nennt Huber die Ausdehnung des Obstbaugebietes in höhere Lagen und die Ertragssteigerung.

Viel weniger Ereignisse, viel größerer Schaden
Wer also alle Schuld dem Klimawandel zuschieben will, sollte vorsichtig sein. Auch weil man dafür längere Zeiträume braucht. Dennoch stellt Huber eine deutliche Veränderung fest: „In den vergangenen Jahren haben die einzelnen Schadensereignisse abgenommen. Wir hatten früher oft bis zu 30 kleinere Ereignisse aufs Jahr verteilt. Im Vergleich dazu gab es heuer fünf Schadensereignisse, diese allerdings viel, viel intensiver und auf viel größeren Flächen.“
Deutlich wird dies am Unwetter vom heurigen 22. Juli: Die Verwüstung reicht vom Vinschgau bis ins Unterland. Nur zwei Unwetter – neben dem erwähnten noch jenes vom 20. Juni – haben 80 Prozent der Schäden des heurigen Jahres verursacht! Dabei schlagen am 20 Juni nur deshalb „nur“ acht Mio. Euro zu Buche, weil im Gebiet rund um Lana immerhin 50 Prozent der Flächen unter Hagelnetz stehen.

Phytosanitäre Schwierigkeiten
Zur Herausforderung wurde die Saison 2013 aber nicht allein durch die Unwetter. Auch die phytosanitäre Situation war angespannt: Landesweit gab es hohen Schorfdruck, dazu kam das Besenwuchs-Problem mit Schwerpunkt im Burggrafenamt.

Lokalaugenschein im Vinschgau
Von den Schäden, die durch die letzten Unwetter entstanden,  haben sich kurz darauf Landeshauptmann Luis Durnwalder, aber auch die Vertreter des Südtiroler Bauernbundes – darunter Landesobamnn Leo Tiefenthaler, Direktor Siegfried Rinner und Bezirksobmann Andreas Tappeiner – zusammen mit VI.P-Obmann Karl Dietl und Martin Pazeller, Direktor der Landesabteilung Landwirtschaft ein Bild gemacht.
Durnwalder erklärte: „Die Landesregierung wird keinen eigenen Beschluss zur Unterstützung der betroffenen Bauern erlassen. Vielmehr werden wir jeden einzelnen Fall überprüfen und in besonderen Notsituationen eingreifen.“ Laut Tiefenthaler ist dies ganz im Sinne des Bauernbundes: „Wir haben uns immer schon darum bemüht, dass alle Förderungen zum Schutz landwirtschaftlicher Kulturen in das Hagelschutzkonsortium fließen sollen. Dadurch kommen die Bauern indirekt in den Genuss der zur Verfügung gestellten Gelder, und das ist gut so.“ Nun gehe es darum, die Erhebungen über das effektive Schadens-ausmaß so schnell wie möglich abzuschließen. Denn nur so sei eine realistische Einschätzung des entstandenen Schadens möglich. Mit der Erhebung beauftragt wurde das Bezirksamt für Landwirtschaft in Schlanders.

Gesamte Erntemenge versichert
Wie Heinrich Huber berichtet, dürften nahezu alle im Vinschgau betroffenen Anlagen versichert sein. Und da es sich bei dem Schadensereignis Mitte Oktober nicht um Schnee- sondern um Windbruch gehandelt habe, könne die Versicherung auch voll greifen. „Der Schnee hat natürlich seines dazu getan, der eigentliche Grund dafür, dass die Bäume dieses Gebietes flächendeckend umgefallen sind, war aber eindeutig der Wind.“
Erschwerend kam hinzu, dass die betroffenen Bäume noch voll behangen und die Böden durch die längeren Regenfälle aufgeweicht waren.
„Die gesamte Erntemenge dieser 30 Hektar ist nun als Industrieware einzustufen“, so Huber. „Der entstandene Schaden an den Äpfeln beträgt nach meinen Einschätzungen 300.000 bis 500.000 Euro und ist von der Versicherung gedeckt.“ Der Schaden, der an den Bäumen selbst und an den Strukturen entstanden sei, belaufe sich laut Huber auf zusätzliche 1,5 Millionen Euro. Beide seien nicht versichert gewesen und seien deshalb auch nicht abgedeckt.