Südtiroler Landwirt | 10.10.2013

Beim Wald in Generationen denken

Nach 35 Jahren als Landesrat für Forstwirtschaft tritt Luis Durnwalder nach den Landtagswahlen ab. Für den „Südtiroler Landwirt“ wirft er einen Blick auf den Zustand des Waldes und der Forstwirtschaft in Südtirol.

Die Verzahnung von Land- und Forstwirtschaft im ländlichen Raum ist seit Jahrzehnten ein Leitgedanke der Südtiroler Forstpolitik. Angesichts der kleinteiligen Besitzstruktur des Südtiroler Waldes mit seinen über 21.000 Waldeigentümern ist dies eine stete Suche nach tragbaren Kompromissen – im Spannungsfeld von landwirtschaftlichen und forstlichen Interessen, sowie jenen der Jagd.

Gesamter Wald erfüllt wichtige Schutzfunktionen
In Südtirol haben wir stets darauf verzichtet, zwischen Wirtschaftswald und Schutzwald zu unterscheiden, da der gesamte Südtiroler Wald wichtige Schutzfunktionen zu erfüllen hat, ohne die jede wirtschaftliche Tätigkeit in unserem Land stark erschwert wäre.
Dementsprechend schränkt die forstliche Gesetzgebung die freie Verfügbarkeit von Grund und Boden ein, sieht aber andererseits auch Möglichkeiten der öffentlichen Unterstützung für eine aktive Behandlung und Bewirtschaftung des Waldes vor, um die Erhaltung gesunder und naturnaher Bestände zu garantieren.
Unser Wald wird seit nunmehr 30 Jahren nach internationalen Waldschadenskriterien überwacht. Der Gesundheitszustand ist relativ konstant. Etwa 20 Prozent der Bestände sind geschädigt.
In rund 80 Prozent der Fälle sind die Schadursachen eindeutig und bekannt, während in knapp 20 Prozent der Fälle die Ursachen unbekannt bzw. vielfältiger Natur sind. Insgesamt kann der Gesundheitszustand des Südtiroler Waldes aber als sehr gut bezeichnet werden.

Entscheidungen zum Wald nie übereilt treffen
Bei waldbaulichen Entscheidungen geht es vor allem darum, vorausschauend und in Generationen zu denken. Man muss sich in Geduld üben und Entscheidungen sollten nach Möglichkeit immer auf Grundlage von Daten und belastbaren Untersuchungsergebnissen getroffen werden, um nicht voreiligen Meinungen und Überzeugungen zuviel Gewicht einzuräumen.

Klimawandel hat direkte und indirekte Folgen
Heute ist die Zukunft des Waldes in Südtirol verschiedenen Risikoelementen ausgesetzt. Dazu gehört der Klimawandel mit direkten Auswirkungen wie Trockenstress und indirekten Folgen wie die Vermehrung von Forstschädlingen oder verminderter Krankheitsresistenz der Bestände.
Diesen Herausforderungen müssen wir in der Bestandspflege vom Forstgarten bis zur Auszeige begegnen. Auch die mancherorts überhöhte Wilddichte ist ein Thema, dem wir uns laufend stellen müssen. Nicht überall in unserem Land gelingt der Interessensausgleich im selben Maße und wo das Wild Überhand nimmt, ist die natürliche Verjüngung stark beeinträchtigt und es leiden Bestands- wie Holzqualität.
Die waldwirtschaftliche Funktion der Jagd im Bereich des Südtiroler Schutzwaldes war stets ein wichtiges Argument, um die Jagd vor dem vollständigen Zugriff der staatlichen Legislative zu bewahren. Umso wichtiger ist es deshalb, diese waldwirtschaftliche Funktion verantwortungsvoll wahrzunehmen.

Verhältnis von Kosten und Preis hat sich massiv verändert
Verantwortung und Einsatz sind auch bei der Nutzung gefragt, die aufgrund der gesunkenen Erlöse oft unter dem notwendigen Niveau liegt. Auf bestimmten Waldflächen werden die Bestände mit zunehmender Vergreisung des Altholzes und mangelnde Pflege- und Sanierungsmaßnahmen instabil.
Im Vergleich zu früher ist heute einfach die Arbeit zu teuer. Früher hat ein Bauer für einen Kubikmeter Holz noch viele Maurerstunden zahlen können und heute zahlt er vielleicht eine. Das Verhältnis von Kosten und Preis hat sich massiv verändert. Wir unterstützen die Waldwirtschaft durch verschiedene Waldverbesserungsmaßnahmen.
Vor allem die Erschließung der Wälder ist entscheidend für deren Bewirtschaftung. Das Holz mit einem Lastwagen oder einem Traktor abzutransportieren ist heute eine Grundvoraussetzung – denn wenn man das Holz treiben muss, wie es früher geheißen hat, oder sogar mit dem Hubschrauber abtransportieren, dann rechnet es sich nicht.

Schwierigkeiten bei Vermarktung
Eine weitere Schwierigkeit sind die sehr kleinen Schlägerungsmengen der Südtiroler Waldbesitzer. Kleine Mengen lassen sich aber kaum verkaufen. Daher gibt es die Möglichkeit, im Rahmen der Zehnjahrespläne flexibel zu arbeiten, indem Jahreshiebsätze zusammengelegt werden. Vorgriffe sind beschränkt möglich. Zudem geben wir zusätzliche Beiträge für die erschwerte Bringung, wenn jemand sein Holz mehr als 100 Meter von einem Forstweg entfernt hat.
Ein wichtiger Schritt für die Positionierung des Südtiroler Holzes auf dem Holzmarkt ist mit der, im Jahr 2005 erreichten, PEFC-Zertifizierung der Waldbewirtschaftung in Südtirol gelungen. Dies war angesichts der Besitzstruktur eine große Leistung. Die geringe Betriebsgröße ist nicht nur bei der Holznutzung ein Kostenproblem, sondern birgt auch, wie bereits oben angedeutet, in der Vermarktung Nachteile. Servicebetriebe, welche die Schlägerung und Bringung übernehmen, oder genossenschaftliche Vermarktung sind deshalb wichtige Themen für die Zukunft, denen wir noch mehr Aufmerksamkeit und Einsatz von allen Beteiligten widmen müssen.

Fernheizwerke: Abkommen bringt Bauern höheren Preis
Im Bereich der Biomasseverwertung durch Fernwärme haben wir bereits vieles erreicht. Durch die Fernheizwerke haben wir einen guten Absatzkanal für das schlechtere Holz. Zwischen den Werkbetreibern und den Waldbesitzern wurde ein Abkommen geschlossen, damit Südtiroler Holz den Vorzug erhält und überdurchschnittlich bezahlt wird. So lässt sich durchwegs ein höherer Preis erzielen als der, der sonst für Schleifholz bezahlt wird.
So gesehen ist Südtirols Forstwirtschaft durchwegs gut vorbereitet auf die Herausforderungen der Zukunft. Besonders die Forstbeamten in unserem Land erfüllen dabei eine wichtige Funktion. Dank umfangreicher und langjähriger Aus- und Weiterbildung haben unsere Försterinnen und Förster alle Instrumente in der Hand, um ihrer wichtigen Aufgabe gerecht zu werden.

Forstverwaltung: Mehr als Aufsicht und Kontrolle
Die Forstverwaltung hat heute nicht mehr nur Aufsichts- und Kontrollfunktionen, sondern ist in erster Linie auch ein technischer Dienst, der viele Beratungs- und Sensibilisierungsfunktionen wahrnimmt. Langfristig braucht es eine allgemeine Sensibilität im Umgang mit dem Südtiroler Bergwald als wirtschaftliche Grundlage für unser Land. Diese Sensibilität habe ich in meinen forstpolitischen Entscheidungen stets verfolgt. Vieles ist gut gelungen und gleichzeitig bleibt noch einiges zu entscheiden und zu tun. Das können dann die tun, die nachkommen.

Luis Durnwalder, Landeshauptmann und Landesrat für Forstwirtschaft