Südtiroler Landwirt | 10.10.2013

„Mein Politstil ist der Kompromiss“

Laute Töne sind nicht ihr Ding, auch wenn sie öffentlichkeitswirksamer wären. Kurz vor ihrem Abschied aus der Politik blickt Regionalratspräsidentin Rosa Zelger Thaler mit dem „Südtiroler Landwirt“ zurück. von Michael Deltedesco

Den Blick auf die kleinen Freuden und Sorgen der Leute: Menschlichkeit ist für Rosa Zelger Thaler immer auch  Grundlage des politischen Handelns.

Den Blick auf die kleinen Freuden und Sorgen der Leute: Menschlichkeit ist für Rosa Zelger Thaler immer auch Grundlage des politischen Handelns.

Südtiroler Landwirt: In wenigen Wochen endet Ihre Zeit im Südtiroler Landtag. Mit welchen Gefühlen gehen Sie in diese letzten Tage?
Rosa Zelger Thaler: Es waren sehr intensive Jahre im Landtag, in denen ich viel erlebt, gegeben und gelernt habe.  Deshalb sehe ich den letzten Tagen mit etwas Wehmut entgegen. Andererseits freue ich mich schon sehr auf die Zeit danach, wenn ich wieder etwas mehr Zeit für meine Familie und unseren Bauernhof habe.

Sie waren 15 Jahre lang im Landtag und im Regionalrat. Was war der schönste Moment, welcher der schwierigste?
Es gab einige sehr schöne Momente, etwa meine Wahl zur Regionalratspräsidentin mit den Stimmen fast aller Abgeordneten und politischen Gruppierungen. Der frühe Tod von Seppl Lamprecht war hingegen der absolute Tiefpunkt in all diesen Jahren. In der Politik ist es wie im normalen Leben: gute und schlechte Zeiten wechseln einander ab.

Ihr Politstil war nicht vom Ellbogen-Denken geprägt, sondern vom Miteinander. Sie haben auf Verhandlung statt auf Konfrontation gesetzt. Muss so der neue Polit-Stil aussehen?
Für mich schien es immer selbstverständlich, zuerst mit allen Beteiligten das Gespräch zu suchen, um zu einem Kompromiss zu gelangen, der von allen mitgetragen wird. Die offene Konfrontation war noch nie mein Fall, obwohl diese natürlich öffentlichkeitswirksamer gewesen wäre. So war eben meine Art, Politik zu machen. Der Politikstil der Zukunft wird von jenen gemacht, die am 27. Oktober in den Landtag gewählt werden.

Ihnen ist fast etwas Historisches gelungen: Die Kosten der Politik deutlich zu senken …
Das Thema ist ja schon seit vielen Jahren mehr oder weniger heftig diskutiert worden. Bevor die Suppe überkochen konnte, wollte ich die gesamte Materie grundlegend ändern. Das bedeutete nicht nur eine reine Kürzung der Entschädigungen, sondern eine transparente Handhabe bei der Vorsorge und den Außendienstvergütungen. Ich war von Anfang an bemüht, alle politischen Gruppierungen so gut als möglich in die Diskussion einzubinden. Und man kann getrost glauben, dass es alles andere als leicht war, zwischen den einzelnen Interessen zu vermitteln. Umso mehr bin ich stolz darauf, dass wir ein Gesetz verabschieden konnten, das mittlerweile auch Wegweiser für andere italienische Regionalräte ist.

Sie haben sich unter anderem immer besonders für die Berglandwirtschaft eingesetzt. Sind Sie mit dem Erreichten zufrieden?
Die intensive Beschäftigung mit der Berglandwirtschaft lag einfach nahe, da ich selbst aus diesem Bereich komme und genau weiß, mit welchen Schwierigkeiten die Bergbäuerinnen und Bergbauern zu kämpfen haben. Südtirol hat sicherlich den richtigen Weg eingeschlagen, indem man auf eine Einkommenskombination setzt: Produktion hochwertiger Lebensmittel, Erlöse aus Zu- und Nebenerwerben und Ausgleichszahlungen.
Ich bin aber auch der Meinung, dass die Landwirtschaft eine höhere gesellschaftliche Anerkennung verdient, gerade wenn man an die Leistungen zum Erhalt eines gesunden ländlichen Raumes denkt, der allen zu Gute kommt.

Unter anderem ist die regionale Förderung der Zusatzrente für Familien auf extremen Bauernhöfen zu großen Teilen Ihnen zu verdanken. Der Bauernbund schlägt sogar vor, diese Rente nach Ihnen zu benennen …
Nachdem durch die Senkung der Entschädigungen der Regionalratsabgeordneten sowie der Leibrenten Gelder frei geworden sind, erschien es mir sinnvoll, diese im sozialen Bereich zu verwenden. Das Geld wird vor allem Familien mit kleinen Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen zu Gute kommen. Daneben wird ein Zuschuss für den Aufbau einer Zusatzrente für junge Bergbauern bis zum 40. Lebensjahr finanziert. Eine gute Altersvorsorge ist für junge Menschen heutzutage unerlässlich, gerade dies war bei jungen Bauern bislang jedoch schwierig. Für diese Zusatzvorsorge habe ich lange gekämpft und der Erfolg freut mich schon sehr. Diese Rente nach mir zu benennen, wäre aber wohl doch zu viel der Ehre.

Welches Gefühl haben Sie für die kommenden Wahlen?
Ich hoffe, dass die Südtirolerinnen und Südtiroler am 27. Oktober von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Vor allem jungen Menschen darf es nicht egal sein, wer über ihre Zukunft politisch entscheidet. Ich habe den Eindruck, dass bisher im Wahlkampf auf eine Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet wurde und auch extreme Töne und Radikalisierungen ausgeblieben sind. Es ist zu hoffen, dass dies bis zu den Wahlen und darüber hinaus so bleibt.  

Mit Christian Gruber, Maria Hochgruber Kuenzer, Sepp Noggler und Albert Wurzer tritt ein kompetentes und motiviertes Vierer-Team zur Landtagswahl an. Wie wichtig ist eine starke bäuerliche Vertretung, was geben Sie den neuen Kandidaten besonders mit auf den Weg?
Ich glaube, es ist uns allen klar, wie wichtig es ist, dass die Landwirtschaft gut im Landtag vertreten ist. Ohne Mitspracherecht in den verschiedenen politischen Gremien und ohne Überzeugungsarbeit, die oft im Hintergrund geleistet und öffentlich gar nicht wahrgenommen wird, schaut es für die Landwirtschaft finster aus. Ich kann deshalb nur alle Bäuerinnen und Bauern bitten, den bäuerlichen Kandidaten ihr Vertrauen zu schenken. Je größer die bäuerliche Unterstützung, desto mehr Einfluss werden die bäuerlichen Abgeordneten später im Landtag haben.

Was macht Rosa Zelger Thaler nach der politischen Karriere? Schon Pläne, eventuell auch im ehrenamtlichen Bereich?
Ich freue mich natürlich auf die Zeit mit meiner Familie und meinen Enkelkindern. Und die Arbeit wird mir in Haus, Hof und Feld wohl auch nicht ausgehen. Dennoch würde es mich freuen, in Zukunft eine ehrenamtliche Aufgabe übernehmen zu können, die mich ausfüllt und anderen eine Hilfe sein kann.