Südtiroler Landwirt | 12.09.2013

Quote ade

Nachdem die gemeinsame EU-Agrarpolitik so gut wie in trockenen Tüchern ist, geht es jetzt in Sachen Milch ans Eingemachte. Der „Südtiroler Landwirt“ hat sich umgehört, wie sich die EU und Südtirol auf das Ende der Milchquotenregelung im Jahr 2015 vorbereiten.

Foto: Sennereiverband Südtirol

Foto: Sennereiverband Südtirol

Wenn sich Termine auf verschiedenen Ebenen zu einem Thema häufen, dann ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein Thema an Bedeutung gewinnt. Bis zum endgültigen Aus für die Milchquotenregelung auf EU-Ebene dauert es zwar noch fast eineinhalb Jahre, die Diskussion über die Zeit danach nimmt aber in diesen Wochen Fahrt auf: Im Agrarausschuss des EU-Parlaments wird zurzeit über einen Initiativbericht des Südtiroler Abgeordneten Herbert Dorfmann   diskutiert, in dem es um Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Milchproduktion in Bergregionen und anderen benachteiligten Gebieten geht.
In der kommenden Woche treffen sich in Brixen Fachleute aus ganz Österreich zu einer internationalen Milchwirtschaftstagung mit dem Schwerpunkt „Milchwirtschaft im Alpenraum“.
Am 24. September stellt die EU-Kommission in Brüssel die Ergebnisse einer Studie vor, in der die Zukunftschancen der Milchwirtschaft in Europa unter die Lupe genommen werden. Zu den Inhalten dieser Studie ist zwar noch nichts durchgesickert, dass die Milchwirtschaft in den Berggebieten dort eine zentrale Rolle spielen wird, ist jedoch nicht zu erwarten: „Dabei wird die Liberalisierung des Milchmarktes vor allem die Bergregionen sowie andere benachteiligte und entlegene Gebiete besonders hart treffen“, ist sich Herbert Dorfmann sicher.

Konkrete Ideen für Ausgleich von Nachteilen
In seinem Bericht für den Agrarausschuss führt der Südtiroler EU-Abgeordnete einige konkrete Vorschläge an,  mit denen die Milchwirtschaft im Berggebiet unterstützt werden könnte. Dorfmann prangert vor allem die ungleiche Verteilung der Flächenprämien an, wie sie beispielsweise in Italien immer noch vorhanden ist. „Hier ist es höchste Zeit für einen Ausgleich zwischen Gunstlagen und Berggebieten. In der Zwischenzeit könnte man für benachteiligte Gebiete eine an Raufutterfresser gekoppelte Prämie im Rahmen der Ersten Säule einführen“, schlägt Dorfmann vor. Auch sollte – nach dem Vorbild der Obst- und Gemüsemarktordnung – für Erzeugerorganisationen die Möglichkeit geschaffen werden, aus dem Gemeinschaftshaushalt mitfinanzierte, operationelle Programme umzusetzen. „In der Südtiroler Obstwirtschaft haben diese operationellen Programme viel bewirkt und die Zusammenarbeit wesentlich beschleunigt. Das wäre auch für die Milchwirtschaft sinnvoll“, betont Dorfmann.
Konkrete Möglichkeiten würden solche Programme in Bereichen wie Markterschließung, Qualitätssicherung, Produktinnovation und Werbung – insbesondere hinsichtlich der neu geschaffenen Bezeichnung „Produkt vom Berg“– bieten. Auch bei Schulmilchprogrammen sollte die Möglichkeit geboten werden, gezielt auf Produkte aus Bergregionen zurückgreifen zu können.
Joachim Reinalter, der in seiner Funktion  als Obmann des Sennereiverbandes Südtirol die Milchwirtschaftstagung in Brixen in der kommenden Woche organisiert, würde solche operationellen Programme mit finanzieller Unterstützung der EU sehr begrüßen. „Wir haben gesehen, was diese Programme in der Südtiroler Obstwirtschaft bewirkt haben. Sie könnten auch der Milchwirtschaft einen positiven Schub verleihen“, betont Reinalter.

Spezialisierung in der Produktion, Kooperation im Verkauf
Albert Wurzer, der als engster Vertrauter des ehemaligen Landwirtschafts-Landesrats Hans Berger die Südtiroler Milchwirtschaft bestens kennt, sieht auf die einzelnen Milchhöfe zwei wichtige Aufgaben zukommen: „Die genossenschaftlich organisierte Südtiroler Milchwirtschaft ist ein unabhängiger Wirtschaftszweig und soll das auch bleiben. Damit sie auch weiterhin erfolgreich sein kann, brauchen wir auf der Produktionsseite eine verstärkte Spezialisierung. Es muss und kann nicht jeder alles machen“, ist Wurzer überzeugt. Das sichere zum einen die Auslastung von teuren Produktionsanlagen, zum anderen trage sie dazu bei, heute schon etablierte und erfolgreiche Marken zukunftssicher zu machen.
„Auf der Verkaufsseite steht die Milchwirtschaft in Südtirol vor der Herausforderung, die Kräfte zu bündeln  – ohne auf den Wert etablierter Marken wie beispielsweise dem Sterzinger Joghurt, der Brimi-Mozzarella oder dem Stilfser Käse verzichten zu müssen“, betont Wurzer.

Hohe Sammelkosten ausgleichen
In der Zweiten Säule sollte vor allem die Konkurrenzfähigkeit der Bergregionen im Vergleich mit anderen milchproduzierenden Gebieten gesichert werden. Ein Problem der Bergregionen seien vor allem die hohen Sammelkosten, die durch lange Transportwege und verhältnismäßig geringe Mengen an gesammelter Milch entstehen. Diese Kosten sollten durch gezielte Zuschüsse an die Verarbeitungsbetriebe wettgemacht werden.
Mit einem solchen Ausgleich für die höheren Transportkosten würde die EU auch in Südtirol einen lang gehegten Wunsch der Verarbeitungsbetriebe erfüllen. „Wenn wir konkurrenzfähig sein wollen, dann brauchen wir dringend einen solchen Ausgleich für die strukturellen Nachteile, die wir im Berggebiet haben“, unterstreicht Reinalter.

Milchwirtschaft muss sich lohnen
Rund 60 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche im Berggebiet wird EU-weit für die Milchwirtschaft genutzt, etwa zehn Prozent der gesamten Milch in der EU wird im Berggebiet produziert. „Im Berggebiet gibt es kaum Alternativen zur Milchproduktion. Daher ist es besonders wichtig, dass sich die Milchproduktion für die Bauern im Berggebiet auch weiterhin lohnt und sie weiterhin motiviert sind, Milch zu liefern“, unterstreicht Dorfmann.
Diese Motivation dürfe auch nicht durch unverhältnismäßig hohe bürokratische Hürden zunichte gemacht werden. Bei Anforderungen im Bereich Hygiene oder Etikettierung und bei der Informationspflicht sollen die Regelungen deshalb so gestaltet werden, dass sie auch von kleinen Betrieben bewältigt werden können. Dass die Südtiroler Bauern durchaus motiviert sind, weiterhin Milch zu liefern, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, zeigt eine Entwicklung der vergangenen Monate. „In den vergangenen Jahren sind die Futterkosten enorm gestiegen, die Milchproduktion war kaum noch rentabel. In den vergangenen Monaten sind die Preise für die Futtermittel etwas zurückgegangen, die Produktion hat wieder angezogen“, berichtet Reinalter. Das zeige, dass der Futterpreis sich unmittelbar auf die Milchmenge auswirke.
Indirekt mit dem Thema Futtermittel hängt auch ein weiterer wesentlicher Faktor in der Südtiroler Milchwirtschaft zusammen: die Gentechnikfreiheit. Albert Wurzer sieht
darin vor allem in der Vermarktung der Milchprodukte einen unverzichtbaren Pluspunkt. „Mit der Gentechnikfreiheit rechtfertigen wir am Markt einen höheren Preis für unsere Produkte und machen sie von jenen der Mitbewerber im Verkaufsregal unterscheidbar“, betont Wurzer. Abgesehen davon sichert die Gentechnikfreiheit unsere naturnahe Lebensmittelproduktion im Berggebiet.
Wenn es hingegen um die Forschung in anderen Bereichen wie dem Pflanzenschutz oder der Schädlingsbekämpfung geht, wäre es längerfristig fahrlässig, auf die Möglichkeiten der Gentechnik zu verzichten, erklärt Wurzer.

In Italien kommt kein Milchboom
Zu den gefürchtetsten Szenarien im Zusammenhang mit dem Auslaufen der Milchquotenregelung gehört ein Ausufern der Produktionsmengen und damit verbunden ein Preisverfall. Zumindest auf dem italienischen Markt sieht Dorfmann hier keine großen Probleme auf die Südtiroler Milchwirtschaft zukommen: „In Italien – auch in Südtirol – ist kein Boom bei der Milchproduktion zu erwarten. Den wird es eher in Regionen geben, die jetzt schon starke Milchproduzenten sind – etwa Nord- und Ostdeutschland“, vermutet der EU-Abgeordnete.
Laut Reinalter wird die größte Konkurrenz für Südtirol auf dem Milchmarkt aus Österreich kommen. „Auch andere milchproduzierende Länder wie Holland geben offen zu, die Produktion um 20 bis 30 Prozent steigern zu wollen. Das könnte uns vor allem im H-Milch- und Joghurtbereich Kopfzerbrechen bereiten“, prophezeiht Reinalter.