Südtiroler Landwirt | 01.08.2013

Mit Bodenhaftung und Weitsicht

Sie ist Mutter, Bäuerin und Politikerin. Traditionalistin und Vordenkerin. Verfechterin der Familie und eines neuen Selbstbewusstseins für Frauen. Maria Hochgruber Kuenzer ist eine emanzipierte Frau. Sie kandidiert im Herbst wieder für den Landtag.

Der Anbau und die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte haben Maria Hochgruber Kuenzer immer viel Freude gemacht.

Der Anbau und die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte haben Maria Hochgruber Kuenzer immer viel Freude gemacht.

Es sollte eine unterhaltsame Tagesfahrt mit den Bäuerinnen werden. Die 8000 Lire für die Fahrt inklusive Mittagessen hat sie von ihrem Mann bekommen. Trotzdem entscheidet die Bäuerin im letzten Moment, nicht mitzufahren. Der Verzicht fällt ihr schwer, aber was, wenn der Bus eine Pause einlegt? Sie hätte das Geld für einen Kaffee nicht ...
Sichtlich gerührt erzählt Maria Hochgruber Kuenzer diese Episode aus dem Leben ihrer Mutter. Dann fasst sie sich wieder und erklärt: „Erst sehr viel später hat mir meine Mutter diese Geschichte anvertraut. Sie ist mit ein Grund, weshalb ich dafür kämpfe, dass Frauen ihr eigenes Einkommen erwirtschaften.“

Arbeitsreiche Kindheit und Jugend
In Lothen bei St. Lorenzen ist Maria Hochgruber als viertes von vierzehn Kindern aufgewachsen. Der Vater war selbständiger Maurer. Der Bauernhof hätte der Familie zu wenig Einkommen gebracht. Die Landwirtschaft war Sache der Mutter. Die Kinder mussten ihr zur Hand gehen. Es war ein hartes, arbeitsreiches Leben. Maria Hochgruber Kuenzer spricht von der großen Verantwortung, die sie bereits als Mädchen tragen musste. Von den täglichen Mühen, die sie auf sich nahm, ohne darüber nachzudenken. Das sei einfach so gewesen.
Geprägt haben Maria Hochgruber Kuenzer aber nicht nur die viele Arbeit und die Entbehrungen. „Wir waren praktisch Selbstversorger: Milch, Butter, Fleisch und Eier, Korn, Kartoffeln und Gemüse hatten wir selber.“ Dieses Verständnis von Landwirtschaft, die eine Familie das ganze Jahr hindurch ernährt, trägt sie bis heute weiter: „Im Winter kommt bei uns kein Salat auf den Tisch, sondern Rohnen oder Sauerkraut. Im Sommer legen wir Reserven für den Winter an. Wir wecken und kochen ein, trocknen Kräuter, frieren ein. Wenn der Garten nichts Frisches mehr hergibt, greifen wir dann auf diese Vorräte zurück.“
Bei den Ursulinen in Bruneck ging Maria zur Mittelschule. „Eine tolle Zeit, ich habe es sehr genossen: der Kontakt mit anderen jungen Frauen, das Lernen, die Sonntage mit Gitarre-Unterricht oder Anstands-Stunde. Ich bin meiner Mutter dankbar dafür, dass sie die Kosten fürs Internat nicht gescheut hat und uns eine gute Ausbildung zukommen ließ.“
Mit 18 Jahren heiratete Maria Hochgruber und kam als junge Bäuerin auf den Bartlmairhof in St. Georgen. Sie und ihr Mann Paul lebten dort mit dem Vater, einer Tante und zwei Brüdern. Das Zusammenleben mehrerer Generationen war manchmal schwierig, das junge Paar verstand es aber, sich Freiräume zu schaffen. Auch als nach und nach die Kinder kamen. „Paul hat sich immer ganz klar zu mir bekannt“, erzählt Maria Hochgruber Kuenzer. „Wenn mir manchmal die Decke auf den Kopf fiel, haben wir  die Kinder und einen Grill eingepackt und sind zum Picknick gefahren. Da waren wir dann als Familie allein und haben richtig aufgetankt.“

Die Unermüdliche
Der Bartlmairhof war damals ein reiner Viehbetrieb. Und Männersache. Der jungen Bäuerin war das zu wenig. Ihr Traum war es, eine Ausbildung nachzuholen, mitzugestalten, mitzumachen. Sie besuchte Schulungen und Kurse, engagierte sich beim Katholischen Verband der Werktätigen, bei der Frauenbewegung, schließlich bei den Bäuerinnen.
1996 gründete sie den Brunecker Bauernmarkt mit und verkaufte dort zunächst frisches und verarbeitetes Gemüse. Später auch getrocknete Kräuter. Maria Hochgruber Kuenzer erzählt: „Der Anbau und die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte und der direkte Kontakt mit den Kunden haben mir viel Freude gemacht. Es war viel Arbeit, aber die Kinder haben fest geholfen. Der Erfolg hat uns beflügelt, es war eine schöne Zeit.“ Nicht für jeden Hof sei die Direktvermarktung aber die Lösung. „Als Landesbäuerin habe ich erfahren, dass es ganz unterschiedliche Bäuerinnen mit ganz unterschiedlichen Realitäten und Möglichkeiten gibt“, sagt sie. „Mein Anliegen ist es, ein Angebot an Weiterbildungen zu schaffen, aus dem sich jede das ihre heraussuchen kann. Ohne großen finanziellen oder zeitlichen Aufwand.“ Das sei Voraussetzung dafür, dass sich Frauen am Hof ein eigenes Einkommen erwirtschaften können.
Acht Jahre stand Maria Hochgruber Kuenzer der Südtiroler Bäuerinnenorganisation vor. Von dort aus schaffte sie 2008 auch den Sprung in den Landtag. Beide Ämter empfindet die streitbare Pustererin als große Herausforderung, die sie beherzt annimmt. So greift sie auch entschlossen zu, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hat. rar