Südtiroler Landwirt | 19.07.2013

Der Gipfel

Es ist ein kleines Stück Agrargeschichte: Erstmals trafen sich in Bozen die Präsidenten der nationalen Bauernverbände Italiens, Deutschlands, Österreichs und der Schweiz zu einem Agrar-Gipfel. Mit einem Positionspapier machen sie Druck auf Brüssel.

Historisch: Auf Einladung des SBB trafen sich vier nationale Bauernpräsidenten in Bozen.

Historisch: Auf Einladung des SBB trafen sich vier nationale Bauernpräsidenten in Bozen.

Mit seiner Einladung zu einem Nord-Süd-Agrargipfel ist dem Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler ein echter historischer Treffer gelungen: Auf der Haselburg in Bozen sprachen sich die Präsidenten unter anderem für eine Stärkung der bäuerlichen Familienbetriebe, einen besseren Schutz der landwirtschaftlichen Nutzflächen und eine besondere Unterstützung für die  Berglandwirtschaft aus. Als Ergebnis unterzeichneten sie ein Positionspapier.

Investition in Landwirtschaft ist Investition in Lebensqualität
Eines wurde auf dem Gipfeltreffen schnell klar: Die europäische Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Immer mehr Menschen müssen weltweit mit sicheren und ökologisch produzierten Lebensmitteln zu erschwinglichen Preisen versorgt werden. Diese Aufgaben können nur wettbewerbsfähige bäuerliche Betriebe leisten, waren sich die Präsidenten einig.
Daher richtete sich ihr Blick nach Brüssel, wo die Reform der Agrarpolitik kürzlich über die Bühne ging.

Mit GAP weitgehend zufrieden
Mit dem Ergebnis sind Leo Tiefenthaler und die Bauernverbandspräsidenten im Großen und Ganzen zufrieden. Der österreichische Bauernbund-Präsident Jakob Auer erklärte: „Positiv ist: Die Reform und der vereinbarte Finanzrahmen geben den Bauern Planungssicherheit. In einigen Punkten hätte sie noch besser ausfallen können. Uns war die Möglichkeit wichtig, den Berggebieten und benachteiligten Gebieten besser helfen zu können. Das ist uns gelungen.“
Kritisch merkte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes Joachim Rukwied an, dass viele Entscheidungen an die Mitgliedsstaaten delegiert wurden und so von Staat zu Staat anders gehandhabt werden. „Bei der nächsten Reform müssen wieder mehr die gemeinschaftlichen Maßnahmen im Vordergrund stehen.“
Mario Guidi, Präsident der Confagricoltura, hätte sich eine weniger bürokratische Reform gewünscht. Zudem werde die große wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der Landwirtschaft zu wenig hervorgehoben. „Wir steuern auf eine Verknappung der Lebensmittel hin. Diesen Umstand scheint die EU nicht zu sehen.“ Wichtig sei für Guidi nun, die Finanzmittel gerecht zu verteilen, um die Lebensmittelproduktion zu sichern.

Modellregion Südtirol
Ein besonderes Augenmerk müsse dabei auf die Berglandwirtschaft gelegt werden. „Sie muss besonders unterstützt werden. Die Aufteilung der Geldmittel auf nationaler Ebene wird in diese Richtung gehen“, versprach Guidi, der auch sonst lobende Worte für Südtirol fand und das Land als „Modellregion“ bezeichnete: „Südtirol ist ein gutes Beispiel, wie auch eine klein strukturierte Landwirtschaft erfolgreich sein kann.“ Auch die übrigen Präsidenten hoben die große Bedeutung der familiengeführten Bauernhöfe hervor.

Flächenverbrauch begrenzen
Eine große Herausforderung ist in allen Ländern der enorme Flächenverbrauch. In Deutschland werden täglich 90 Hektar Kulturgrund verbaut, in Österreich 19 Hektar, was einem durchschnittlichen Betrieb entspricht. Auch der nationale Bauernverband Confagricoltura fordert ein rasches Umdenken. „Wir brauchen eine stärkere Flächenkontrolle auf lokaler und nationaler Ebene und eine bessere Nutzung von bereits bestehendem Bauvolumen. Entsprechende gesetzliche Regelungen sind bereits auf dem Weg“, erklärte Mario Guidi. Ähnlich sind die Überlegungen in den anderen Ländern, wo das Thema ebenfalls „gespürt“ wird. „In der Schweiz hat es dazu eine Volksbefragung gegeben“, erklärte Markus Ritter, der Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes. Zukünftig soll der Flächenverbrauch begrenzt werden.

Landwirtschaft sichert Arbeitsplätze
Einig waren sich die Präsidenten auch, dass die große Bedeutung der Landwirtschaft für das Wirtschaftswachstum oft unterschätzt wird. Rukwied bezeichnete die Landwirtschaft als „wichtigen Wirtschaftssektor“. In Deutschland hängt jeder 9. Arbeitsplatz von der Land- und Ernährungswirtschaft ab. 4,7 Millionen Menschen sind in diesem Sektor beschäftigt. Dass die Landwirtschaft – die Wirtschaft am Land – besonders für die „ländliche Wertschöpfung von großer Bedeutung ist“, hat Jakob Auer unterstrichen.

Landwirtschaft schafft immer auch ein Lebensgefühl
Für Guidi ist die öffentliche Unterstützung der Landwirtschaft daher mehr als gerechtfertigt.
Und das aus zweierlei Gründen. Einerseits produzieren und verkaufen Bauern nicht nur Produkte, sondern immer auch eine Region, ein Image und ein Lebensgefühl. Davon profitiere auch der Tourismus. „Und andererseits trägt jeder Euro, der in die Landwirtschaft und somit in die Lebensmittelproduktion und die Pflege der Kulturlandschaft investiert wird, dazu bei, die Lebensqualität der gesamten Bevölkerung zu steigern“, sagte Guidi.

Dorfmanns Anregungen
Mit dabei war beim Gipfeltreffen auch Südtirols Europaparlamentarier Herbert Dorfmann, der zwei aus Südtiroler Sicht heiße Themen ansprach: Zum einen läuft 2015 das Milchquotensystem aus. Dorfmann sagte, es brauche „entsprechende Ausgleichsmaßnahmen auf europäischer Ebene, um die Milchwirtschaft in den Berggebieten abzusichern“ und warb bei den Bauernverbänden um Unterstützung.
Zum anderen forderte er eine gerechtere Verteilung der Betriebsprämie innerhalb der einzelnen Mitgliedsstaaten. In einigen von ihnen – und gerade Italien sei leider ein treffendes Beispiel – gibt es zwischen den einzelnen Betrieben zum Teil noch beträchtliche Unterschiede.