Bauernbund | 07.11.2012

Ländlicher Raum: Zum Bleiben bewegen

Bauernbund hat Maßnahmenkatalog gegen die Abwanderung ausgearbeitet – Dezentralisierung und qualifizierte Arbeitsplätze

13 Gemeinden sind in Südtirol von Abwanderung betroffen, einige weitere zumindest abwanderungsgefährdet. Um die Abwanderung vor allem der Jugend zu verhindern, schlägt der Südtiroler Bauernbund eine Reihe von Maßnahmen gegen die Verstädterung vor – wie die Schaffung von qualifizierten Arbeitsplätzen und die Sicherung der Sozialstrukturen. Eine Plattform soll die Maßnahmen koordinieren und überwachen.

Nicht einzelne isolierte Initiativen, sondern ein Gesamtkonzept mit einer klaren Strategie und zielgerichteten Maßnahmen, wünscht sich der Südtiroler Bauernbund für die Entwicklung des Ländlichen Raumes und besonders der abwanderungsgefährdeten Gemeinden.
Handlungsbedarf sieht er unter anderem bei der Wirtschaftsförderung. „Was wir auf dem Land brauchen, sind qualifizierte Arbeitsplätze. Daher müssen Betriebe gezielter gefördert werden, beispielsweise durch höhere Beitragssätze oder die prioritäre Behandlung bei Darlehen aus dem Rotationsfonds“, erklärte Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner bei der Vorstellung der Maßnahmen im Rahmen eines Pressefrühstücks. Eine Möglichkeit wäre auch, die IMU zu reduzieren und die IRAP zu streichen. Die Gemeinden wiederum sollten über Nachlässe bei den Erschließungsgebühren und der Baukostenabgabe nachdenken. Auch bei Müll-, Wasser- und Stromgebühren sollten Betriebe, die in abwanderungsgefährdeten Gemeinden Arbeitsplätze schaffen, bevorzugt behandelt werden.
Besondere Aufmerksamkeit fordert der Südtiroler Bauernbund für Jungunternehmer. „Die Politik muss Betriebsansiedelungen vereinfachen und gezielte Beratungsangebote schaffen“, sagte Rinner.

Netzwerke fördern
Gefördert werden soll auch der Netzwerkgedanke. „Netzwerke helfen, natürliche Nachteile auszugleichen und die Stärken des Ländlichen Raumes z. B. im Tourismus oder den erneuerbaren Energien besser zu nutzen. Daher sollten Anreize für die Gründung von Netzwerken und Clustern geschaffen werden. Ein besonderes Augenmerk muss auf das Genossenschaftswesen gelegt werden, eine wichtige Stütze der lokalen Wirtschaft“, machte Rinner klar.
Eine zentrale Bedeutung spielt der Tourismus. „Wir fordern Marketingkonzepte, bei denen die Randgemeinden von den Tourismushochburgen profitieren. Tourismuszentren und umliegende Gemeinden sollen so zu einer touristischen Einheit werden, die gemeinsam beworben wird“, schlug Rinner vor. Darüber hinaus braucht es neue, attraktive Freizeitangebote im Ländlichen Raum. Was vielfach auch fehlt, sind klare Positionierungen und Themen. „Den Urlaub auf dem Bauernhof-Betrieben soll es ermöglicht werden, Camping am Bauernhof anzubieten.“

Hohe Lebensqualität, wenn soziale Strukturen erhalten bleiben
Qualifizierte Arbeitsplätze allein reichen aber nicht aus, um die Bevölkerung in den Dörfern zu halten. Zusätzlich zu den wirtschaftlichen Maßnahmen müssten auch soziale Initiativen gestartet werden, die die Lebensqualität erhöhen, forderte Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler. „Wir denken konkret an neue Strukturen für die Kinderbetreuung, Teilzeit-Arbeitsplätze und neue Arbeitsmodelle wie die Telearbeit, die den Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen.“
Darüber hinaus sollten Familien in den Randgemeinden mit Vouchern und Tankgutscheinen finanziell unterstützt werden.
Eine wichtige Rolle kommt der Ausbildung vor Ort zu. „Wer einen attraktiven Ländlichen Raum will, muss auch Zwergschulen offen halten. Die Bezirksschulstandorte müssen ebenso erhalten bleiben“, forderte Tiefenthaler.

Wichtige Dienste weiter anbieten
Wie gut es sich im Ländlichen Raum leben lässt, hängt zu einem großen Teil von den öffentlichen Diensten ab. „Wir brauchen auch vor Ort eine funktionierende Nahversorgung, einen Postdienst und eine gute ärztliche Versorgung. Da nicht alle Postämter offen gehalten werden können, sollten Geschäfte die Funktion eines Komplettdienstleisters übernehmen“, so Tiefenthaler.
Der private Wohnbau sollte großzügiger unterstützt werden, damit Familien am Land bleiben.
Und nicht zuletzt braucht es schnelle Internetverbindungen, einen funktionierenden öffentlichen Nahverkehr und ein gutes ländliches Wegenetz.

Gemeinsame Plattform in Sicht
Als Ideenschmiede, besonders aber zur Koordination und Überwachung der verschiedenen Projekte und Maßnahmen, soll eine Plattform ins Leben gerufen werden. „Wir stellen uns eine Agentur oder Stiftung vor, der neben dem Südtiroler Bauernbund das Land, der Gemeindenverband, Wirtschafts- und Sozialverbände und weitere direkt Interessierte angehören“, verriet Leo Tiefenthaler.

Finanzierung auf fünf Säulen
Die Finanzierung der Initiativen soll auf fünf Säulen basieren. So sollen Gelder aus den Europäischen Fördertöpfen EFRE und ESF kommen. Zudem sollen Staat und Land Mittel gegen die Abwanderung bereitstellen. Gefordert sind aber auch die Gemeinden: Der Verzicht auf Einnahmen soll langfristig durch höhere Investitionen und eine höhere Wertschöpfung ausgeglichen werden.
Und nicht zuletzt sollten Teile aus den Stromgewinnen in einen Ausgleichsfonds für den Ländlichen Raum und die abwanderungsgefährdeten Gemeinden fließen. Damit wären dann alle Maßnahmen leicht finanzierbar und der Ländliche Raum „abgesichert“.


Österreich setzt auf Dezentralisierung
Eine zunehmende Verstädterung ortete der Präsident des Österreichischen Bundesrates Georg Keuschnigg auch in Österreich, wo besonders Wien, Graz und Linz samt jeweiligem Umland besonders stark wachsen. „Wir stellen fest, dass gerade gut ausgebildete Arbeitskräfte, und hier besonders viele Frauen, in die Ballungszentren abwandern, weil qualifizierte Arbeitsplätze auf dem Land fehlen. Zudem stärkt die zunehmende Mobilität die großen Zentren.“
Österreich setze im Kampf gegen die Abwanderung aus dem Ländlichen Raum auf einen ganzheitlichen Ansatz. „Auf dem Land brauchen wir einen Branchenmix aus Landwirtschaft-, Dienstleistungs-, Handels- und Handwerksbetrieben, Tourismus und Industrie, die qualifizierte Arbeitsplätze schaffen. Zudem muss die Daseinsvorsorge, wie die Kinder- und die medizinische Betreuung, gesichert sein.“ Behörden und Forschungsstandorte sollen zukünftig auch dezentral angesiedelt werden. „Im Internetzeitalter spricht nichts dagegen. Beispiele dafür gibt es in Maria Gugging in Niederösterreich und in Hagenberg im Mühlviertel, wo sich eine Fachhochschule für Telekommunikation und eine Spitzenforschungseinrichtungen niedergelassen haben.“ Das Ziel müsse immer lauten: neue qualifiziere Arbeitsplätze.
 
   


Bildtext: Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler und Direktor Siegfried Rinner stellten die Maßnahmenvorschläge des Südtiroler Bauernbundes heute vor. Der Präsident des Österreichischen Bundesrates Georg Keuschnigg berichtete über die Situation in Österreich und die Initiativen gegen die Verstädterung.


Lesen Sie dazu auch die Titelgeschichte der neuen Ausgabe des "Südtiroler Landwirt" vom 09.11.2012

hds unterstützt Maßnahmenkatalog des Bauernbundes gegen die Abwanderung (hds-Pressemitteilung)